Kurzgeschichten

Satiren (neuere Texte)

 

Die Erbschaft

Horst Neißer ©

 

Mit dem Erben ist das so eine Sache. Freude und Enttäuschung liegen nahe bei einander, ganz abgesehen von den Streitereien, wenn sich mehrere Nachkommen ein Erbe teilen sollen. Dennoch werden potentielle Erblasser zu Lebzeiten oft von hoffnungsvollen Erben auf Händen getragen, bis sich dann nach der Grablegung der tolle Immobilienbesitz als ein sanierungsbedürftiges, mit Hypotheken belastet Haus herausstellt und das üppige Bankkonto aus einem voll ausgeschöpften Überziehungskredit besteht.

Doch muss dies immer so sein? Kann man nicht auch positive Erfahrungen machen? Dazu will ich eine kleine Geschichte erzählen.

Der Bruder meines Vaters hatte keine eigenen Kinder und galt in der Familie als wohlhabend. Er hatte lange im Ausland gelebt, und soll sein Geld im Wein- und Spirituosenhandel gemacht haben. Ich hatte ihn bisher auf einigen Familienfeiern getroffen, aber keinen näheren Kontakt zu ihm gehabt.

Umso überraschter war ich, als er mich eines Tages zu sich nach Hause einlud. Er entpuppte sich als ein freundlicher, alter Herr, der ein gediegenes Haus mit einem gepflegten Garten in einem der besten Viertel der Stadt bewohnte. Schon diese Behausung deutete darauf hin, dass ich es mit keinem armen Mann zu tun hatte. Onkel Franz hatte auch eine Haushälterin, die uns zuerst Kaffee und Kuchen und später Sherry servierte.

Nachdem wir die üblichen Floskeln ausgetauscht und den Familientratsch durchgehechelt hatten, lud er mich zu einer Besichtigungstour durch das Haus ein. Zu meiner Überraschung präsentierte er mir dabei auch eine beachtliche Kunstsammlung. Er hatte schöne Objekte zusammengetragen, nicht gerade das Teuerste, aber doch ansehnliche Werte. Er hatte sich auch nicht auf eine bestimmte Epoche oder einen Künstler spezialisiert. Besonders interessant war seine Sammlung von Romantikern, natürlich nicht gerade Caspar David Friedrich oder Moritz von Schwind, aber schon Bilder, in die ich mich hätte verlieben können. Es gab auch ein paar moderne Skulpturen. Sie waren von unterschiedlicher Qualität, wie ich besserwisserisch feststellte. Insgesamt war die Sammlung interessant und zeugte von Fachkenntnis.

Ich bezeugte Onkel Franz meine Achtung und lobte ihn überschwänglich. Dies schien ihm zu gefallen. Er strahlte und erklärte, er habe leider keine direkten Nachkommen, die seine Kunstwerke schätzen und vielleicht sogar die Sammlung fortführen würden. Umso mehr freue er sich, dass in meiner Person ein kompetenter Verwandter und damit ein möglicher Erbe aufgetaucht sei.

Ich besuchte ihn von nun an öfter, und wir sprachen auch jedes Mal von seinen Kunstschätzen. Nicht dass er mir dabei irgendwelche Versprechen bezüglich einer Erbschaft gemacht hätte, aber er ließ schon durchblicken, dass er es anstrebe, dass seine Schätze nach seinem Tod in die richtigen Hände gelangen sollten.

So weit so gut. Ich nahm die Andeutungen ernst, ließ mich regelmäßig bei ihm sehen, brachte kleine Geschenke mit und erfüllte den einen oder anderen Wunsch dieses alten Mannes, der meine Aufmerksamkeiten dankbar entgegennahm und mir weitere Aufgaben auftrug. Er sparte sich dabei etliche Handwerker, denn ich erledigte das Notwendige auch ohne Entlohnung. Mein Dienst umfasste verstopfte Ausgüsse ebenso wie Grasmähen, Autowaschen und Reparaturen.

Wann immer ich ein wenig unwillig und störrisch wurde, zeigte mir Onkel Franz seine Kunstsammlung, schwadronierte über deren Wert und wie sehr sich ein Erbe über diese Sammlung wohl freuen würde. Ich muss gestehen, dass ich danach wieder erheblich motivierter an die Arbeiten für ihn ging.

Irgendwann starb Onkel Franz dann tatsächlich. Er bekam ein schönes Begräbnis, wenngleich sich die Zahl der Trauergäste doch sehr in Grenzen hielt. Zur Testamentseröffnung wurde ich aber nicht eingeladen. Dies dämpfte meine Erwartungshaltung und ließ mich ahnen, dass ich wohl doch nicht der stolze Besitzer einer Kunstsammlung werden würde. Im Familienkreis wurde getuschelt, dass er alles einer ehemaligen Geliebten in Brasilien vermacht hätte.

Dann hörte ich nichts mehr von dem Verblichenen und seinem Erbe. Nach zwei Flaschen Rotwein, die ich mit meiner damaligen Freundin leerte, hatte ich mich damit abgefunden, leer ausgegangen und von meinem geliebten Onkel reingelegt worden zu sein. Ich buchte alles unter Lebenserfahrung ab und versuchte, die Erbschaft zu vergessen.

Damit wäre diese Geschichte auch schon an ihrem banalen, wenn auch vorhersehbaren Ende angelangt, wenn mich nicht eines Tages ein Brief des Testamentsvollstreckers erreicht hätte. Darin teilte er mir mit, dass sich unter der Hinterlassenschaft des Erblassers ein größeres Paket befunden habe, dass an mich adressiert sei. Dieses Paket werde mir in den nächsten Tagen zugestellt.

Ich hatte dem Onkel also Unrecht getan. Zerknirscht leistete ich ihm innerlich Abbitte. Zwar hatte er mir nicht, wie von mir erhofft, seine ganze Kunstsammlung vermacht, aber ich würde nicht leer ausgehen. Ich war schließlich schon mit einem Bild oder einer Skulptur zufrieden.

Ein paar Tage später brachte der Postbote tatsächlich das Paket. Es war länglich, in braunes Packpapier gehüllt und nicht sonderlich schwer. Also eine steinerne Statue war es gewiss nicht und auch kein Bild.

Vorsichtig, um es nicht zu beschädigen, packte ich zusammen mit meiner Freundin das Erbstück aus. Zum Vorschein kam ein Ding aus Holz, geschwungen und etwa 70 Zentimeter lang. Wir rätselten eine Weile, was es wohl darstellen könnte. Dies ist bei moderner Kunst recht schwer und zeugt eigentlich von Banausentum. Wenn der Künstler etwas Konkretes hätte darstellen wollen, so hätte er dies auch getan. Vermeidet er die Realität, so verfolgt er andere Absichten. Diese Absichten herauszufinden, das ist die Aufgabe des Betrachters. Warum sonst stehen Menschen in Museen oft stundenlang vor monochromen Bildern, also einer völlig schwarzen Fläche, oder sie betrachten versonnen zwei miteinander verschweißte Eisenbahnschienen.

Ich erinnere mich noch an meinen Besuch der Documenta in Kassel. Dort stand auf einem Podest ein Glas gefüllt mit irgendwelchen Nägeln. Dieses Glas lehrte mich den Sinn von moderner Kunst. In meinem Keller wäre dieses Objekt ein Aufbewahrungsort für Nägel gewesen, auf der Documenta aber war es etwas, das in meinem Kopf zu Kunst wurde. Es ist wie bei der Eucharistie in der Kirche: Aus Oblade und Wein wird Leib und Blut Christi und aus einem Glas mit Nägeln auf der Dokumente eben Kunst. Mir wurde klar, dass der zeitgenössische Künstler keine Kunst mehr schafft, sondern dies dem Betrachter, dem Interpreten überlässt. Der Künstler ist lediglich ein Geburtshelfer, ein Katalysator. Womit ich bei Beuys wäre, der schließlich alles zu Kunst deklariert hat.

Mit dieser inneren Aufgeschlossenheit betrachteten wir nun das Geschenk meines Oheims neu. Wir ließen das Objekt auf uns wirken, leuchteten es aus verschiedenen Blickwinkeln aus, fotografierten es mit der Kamera meines Smartphones, druckten die Bilder aus und hängte sie an die Wand. Meine Freundin und ich diskutierten Stunden und Tage lang über das Objekt.

Leider befand sich in dem Paket keinerlei Hinweis auf den Namen des Künstlers. So wälzten wir in Bibliotheken Kunstkataloge und Kunstbände. Unser Kunstobjekt tauchte dort zwar nicht auf, aber wir fanden stilistische Parallelen, die unser Herz höherschlagen ließen. War dies etwa eine seltene Skulptur von Fernand Légervielleicht ein Constantin Brâncuși oder gar ein Henry Moore.

Immer wieder untersuchten wir die Skulptur. Wir fanden auf dem hellen Holz dunkle Lackspuren und waren unschlüssig, ob sie dem Künstler oder den Zeitläuften geschuldet waren. Also suchten wir einen Kunstexperten auf, der Verunreinigungen feststellte und sich zur Restaurierung anbot. Es würde zwar nicht billig werden, aber ein derartiges Kunstwerk wäre schon den Einsatz wert. Es dauerte Wochen, bis wir unseren Schatz wieder in den Händen hielten. Für unsere Geduld war uns der Restaurator finanziell entgegengekommen.

Zuhause setzten wir uns auf die Terrasse und betrachteten im blendenden Sonnenschein das Objekt. Das helle Holz, war es Ahorn oder Birke, glänzte, und die leicht geschwungene, elegante Form zog den Blick an. Dieses Ding, das vor uns auf dem Tisch lag, hatte etwas Magisches. Es war nicht nur eine Freude für die Augen, es vermittelte sogar etwas Haptisches. Man wollte es einfach streicheln, so wie einen nackten Frauenkörper. Das Holz schmeichelte und liebkoste die Hand, auch wenn man es gar nicht berührte. Dieses Objekt war in der Tat von einem großen Künstler geschaffen worden, das war uns klar. Ob Henry Moore oder nicht Henry Moore, das war uns inzwischen gleichgültig. Wir liebten unsere Skulptur von ganzem Herzen.

Sie bekam einen Ehrenplatz im Wohnzimmer direkt vor dem Fenster, so dass es ihr nie ans Licht mangelte. Wann immer einer von uns beiden an ihr vorbei ging, so blieb er stehen und fuhr mit seiner Hand dem sanften Schwung des Holzes nach. Wir waren glücklich.

Ein paar Monate später erhielt ich einen weiteren Brief des Testaments­vollstreckers. Darin schrieb er, man habe bei der Haushaltsauflösung einen Brief gefunden, der wohl zu dem einst überstellten Paket gehöre. Ich war nicht nur überrascht, sondern glücklich, als ich mit zitternden Händen das Kuvert öffnete. Endlich würden wir den Namen dessen erfahren, der dieses großartige Kunstwerk geschaffen hatte.

Mein Onkel hatte den Brief in seiner weit ausholenden Handschrift geschrieben:

Mein lieber Junge,

ich weiß, welch eine große Freude es dir bereitet, mir einen Gefallen zu tun. Deshalb wende ich mich heute wieder einmal an dich. Es geht um eine Kleinigkeit, die dir nicht viel Mühe macht, mir aber helfen wird.

Der Tisch in meinem Gästezimmer ist kaputtgegangen, ein Bein ist abgebrochen. Der Tisch ist weder alt noch wertvoll, aber mir gefällt das helle Holz, ich tippe auf Ahorn oder Birke. Die Beine sind allerdings mit ihrem Schwung ein wenig zu manieriert und gaukeln ein Alter vor, das der Tisch nicht hat. Aber was soll’s: Er steht schließlich nur im Gästezimmer, und das wird nicht häufig benutzt.

Es lohnt sich nicht, für die Reparatur einen Handwerker zu bezahlen. Aber du könntest den Tisch in Ordnung bringen, so dass ich keinen neuen kaufen muss. Nur mit Sparsamkeit kommt man zu einer Kunstsammlung wie der meinen, die dich ja so sehr interessiert. Das Tischbein habe ich verpackt, damit du es bei deinem nächsten Besuch mitnehmen und ein wenig aufbereiten kannst.

Viele Grüße

dein Onkel Franz

Muss ich noch näher ausführen, dass dieser Brief mehr als ein Schlag in unsere Magengruben war? Da hatten wir wochenlang ein abgebrochenes Tischbein bewundert und gestreichelt. Wir hatten den Künstler geehrt, allen Besuchern unserer Trophäe gezeigt und waren so stolz auf unseren Besitz gewesen. Der eigentliche dreibeinige Tisch sei, so erfuhr ich auf Nachfrage telefonisch, bei der Entrümpelung des Hauses weggeworfen worden.

Nach diesem Brief war es zwar noch immer das gleiche Objekt, das wir bewundert hatten, aber in unserem Kopf war aus einer genialen Skulptur ein abgebrochenes Tischbein geworden. Wir konnten es nicht mehr sehen, hoben es von seinem Sockel vor dem Fenster und legten es auf den Schrank. Tagelang waren wir deprimiert und wütend auf uns selbst. Wie konnten wir uns nur so täuschen? Dabei bildeten wir uns doch so viel auf unser Kunstverständnis ein, und nun diese Blamage. Allen Freunden und Bekannten hatten wir das teure Erbstück gezeigt und damit angegeben. Sollten wir nun freimütig eingestehen, dass wir ein Tischbein verehrt hatten? Sogar Geld hatten wir investiert - und nicht zu wenig!

Zum Glück hatte meine Freundin dann die rettende Idee. Wir holten die entlarvte Skulptur vom Schrank wieder herunter, schlugen sie in schwarzen Samt ein, klebten auf die Unterseite einen kleinen Zettel mit dem Namen Baldwin Hamelton, umwandten das Ganze mit roten Samtbinden und schleppten unseren Schatz zum größten Auktionshaus der Stadt. Dort packten wir das Ganze theatralisch aus und präsentierten dem Auktionator das Kunstwerk. Der sah es sich kritisch an und fragte, woher wir das Objekt hätten. Als er den Namen von Onkel Franz hörte, wurde er aufmerksam. Es stellte sich heraus, dass die gesamte Kunstsammlung des Oheims von diesem Haus versteigert worden war.

Damit hatte unser Tischbein seine Authentizität als Kunstwerk erlangt. Allerdings wurde sein Wert gemindert, weil dem Fachmann der Name Baldwin Hamelton unbekannt war. Insgeheim tippte er aber, so mutmaße ich, auch auf Henry Moore und hoffte auf ein Schnäppchen. Wir feilschten noch ein wenig über den Preis und zogen dann reich entlohnt ab. Nicht nur das Geld für die Restaurierung des Tischbeins und die Kiste Wein, mit der wir unseren Schatz gefeiert hatten, hatten wir wieder zurück.

Mit dem Erben ist es halt so eine Sache, aber mit der Kunst noch mehr. Denn inzwischen vermisse ich trotz allem das Objekt vor unserem Fenster. Jetzt ist mir klar, was für ein wundervolles Kunstwerk es gewesen war. Ich bereue, dass wir es wieder zu einem Tischbein gemacht und so billig abgegeben haben. Und manchmal frage ich mich, ob ich es eventuell sogar zurückkaufen würde, wenn die Möglichkeit dazu bestünde. Beuys hatte schon recht, wenn er seine vollen Aschenbecher in Museen ausstellen ließ, und sie als Kunst deklarierte.

 

 

Erinnerungen für die Ewigkeit    

Horst Neißer ©

 

Das Essen war einfach aber ausgezeichnet gewesen. Es hatte Käsenockerln gegeben und dazu ein kräftiges Bier. Zufrieden lehnte sich William zurück und rülpste leise in die hohle Hand. Dann legte er seinen Arm um Hilda, zog sie an sich und hatte den Wunsch, die Zeit möge stehen bleiben.

Nach dem Aufstieg über steile, steinige Gebirgspfade waren beide rechtschaffen müde gewesen. Doch die imposanten Berge mit ihren weißen Spitzen, die sich gebieterisch über ihnen erhoben, und die prächtige Fernsicht hatten sie für alle Mühen entlohnt.

Die Sonne hatte sie auf der ganzen Wanderung nicht im Stich gelassen. Der Gesang der Vögel und tanzende Schmetterlinge waren ihre Begleiter gewesen. Durch das Fernglas konnten sie sogar eine Herde Gämsen beobachten. Dann war hinter einem Berghang die Hütte aufgetaucht. Beim Eintreten hatten sie den Kopf einziehen müssen, so nieder waren die Tür und auch die Zimmerdecke. Der kleine Gastraum mit den drei Tischen und Bänken war leer gewesen. Außer ihnen hatte heute niemand hier heraufgefunden. Die Wirtin war gleich nach nebenan gegangen, um das Essen zuzubereiten, und ihr Mann hatte zwei Flaschen Bier und Krüge auf den Tisch gestellt.

Nun nach der guten Mahlzeit fühlten sich beide erholt. Ein kleines Mittagsschläfchen würde das Glück vollkommen machen, sagte sich William und fragte den Herbergswirt nach Übernachtungs­möglichkeiten. Es gab ein kleines Zimmer unter dem Dach mit schrägen Wänden, nicht besonders komfortabel. Das war genau richtig, und William mietete es sogleich.

Dorthin zog er sich mit Hilda zurück. Sie kamen dann aber doch nicht zum Ausruhen, denn als Hilda ihr fesches Dirndl auszog, war William nicht mehr zu halten. Die nächste Stunde wurde das alte Bett sehr strapaziert. Doch es hielt stand.

William und Hilda kannten sich schon einige Monate, und noch immer rief die Frau in William Stürme des Verlangens und der Lust hervor.

Es war schon spät, als sie sich auf den Rückweg ins Tal machten. Sie würden den letzten Teil der Strecke im Schein von Lampen bewältigen müssen. Die Wirtsleute waren großzügig entlohnt worden und standen winkend in der Tür der Hütte.

‚Hierher möchte ich wieder zurückkehren‘, dachte sich William, ‚und dann soll es ebenso schön sein wie heute‘.

Er winkte seinen Privatsekretär herbei und gab entsprechende Anweisungen. Während William und Hilda frohgemut und singend zusammen mit den Leibwächtern und den beiden Bergführern weiter wanderten, kehrte der Sekretär zur Hütte zurück. Er wusste, was er zu tun hatte, schließlich hatte er einen derartigen Auftrag nicht zum ersten Mal erhalten.

Er würde nun die Hütte und die umliegenden Grundstücke kaufen und die Herbergsleute als Dienstleute engagieren. Diese würden recht erfreut sein, denn William zahlte gut. Anschließend galt es, alles aufzuzeichnen, damit der Originalzustand dokumentiert war und für immer erhalten werden konnte.

Später, wenn alles erledigt war, begann für die Menschen hier oben die Wartezeit. Wann würde sich William an die schöne Zeit, die er hier verbracht hatte, erinnern und wiederkehren? Noch in diesem Sommer? Im nächsten Jahr? In zehn Jahren? Vielleicht nie?

Es stand außer Frage, dass in der Zwischenzeit keine Gäste mehr aufgenommen werden durften. Schließlich hatte William den Gastraum leer in Erinnerung, ohne fremde Wanderer. Sollte er unverhofft aufkreuzen, wären missliebige Fremde eine Katastrophe. Und natürlich würden die Wirtsleute jeden Tag die Kleider tragen, die sie an diesem einen, diesem entscheidenden Tag angehabt hatten. Im Tal würde man dazu einen Schrank voll identischer Kleider und Hosen anfertigen lassen.

Die Frau mit den schweren Brüsten und der Mann mit dem eindrucksvollen Bart erzählten in den kommenden Jahren wieder und immer wieder von den seltsamen Gästen, die ihr Leben so radikal verändert hatten. Dabei dampften in der Küche Tag für Tag frische Käsenockerln und warteten auf Gäste, die vielleicht niemals kamen. Und das alles wurde überwacht von einem Beauftragten Williams, der sich aber leider mit dem Paar in der Hütte nicht besonders gut verstand. Es kam häufig zu Streit.

Irgendwann verfluchten die Herbergsleute die damaligen Gäste, die ihnen dies alles beschert hatten. Aber es half nichts. Verträge sind Verträge und müssen eingehalten werden, und ihre Einhaltung wurde streng überwacht.

Nur einem Faktum konnte kein Einhalt geboten werden: der Zeit. Zwar konnte man die Hütte und ihre Einrichtung immer wieder getreu restaurieren, und im Lauf der Jahre wurde praktisch alles erneuert. Aber die beiden Menschen ließen sich nicht konservieren. Sie wurden eben älter. Sicher die Haare und den eindrucksvollen Bart konnte man färben. Aber die Gesichter bekamen mehr und mehr Falten. Der Mann ging nun gebückt, und die Frau hütete immer häufiger das Bett. Dann dampften in der Küche keine Käsenockerln.

Deshalb kamen die Beauftragten von William nicht umhin, das verbrauchte Herbergspaar gegen ein frisches auszutauschen. Man richtete sich nach den alten Bildern und hatte auch bald Ersatz gefunden. Wer wollte nicht gern ein sorgenfreies Leben hoch oben in den Bergen ohne Arbeit aber bei guter Bezahlung führen!

So ging die Zeit ins Land und auch dieses Paar wurde in Rente geschickt und durch ein neues ersetzt. Und keiner der Erben von William wurde je auf die Hütte in den Bergen aufmerksam, in der man noch immer ein strenges Ritual einhielt. Den Erben war auch das Lokal an dem idyllischen Bergsee gleichgültig, in dem William mit Hilda wunderschöne Stunden verbracht hatte. Sie wussten nicht einmal etwas von der kleinen Dorfkirche, in der vor langer, langer Zeit neun alte Frauen den Rosenkranz lautet gebetet und dadurch William damals zu Tränen gerührt hatten. Dort beteten neun Frauen noch immer und lösten sich schichtweise ab.

Nein, diese und viele andere Erinnerungen hatte der Verblichene mit ins Grab genommen. Wahrscheinlich hatte er zuletzt nicht einmal mehr selbst gewusst, dass er diese Erinnerungen überhaupt besaß.

 Und wieder gingen Jahre ins Land, und irgendwann wurden auch die Zahlungen aus dem Vermögen Williams, das seine Erben inzwischen recht dezimiert hatten, sang- und klanglos eingestellt. Doch die Hütte in den Bergen, das Lokal am See, das Rosenkranzbeten und alle die anderen Erinnerungen Williams waren inzwischen zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Niemand kannte mehr ihren Ursprung, denn der Name William war längst vergessen. Aber seine Erinnerungen existierten noch, sie waren solange in der Welt, wie man denken konnte. Deshalb machte man einfach weiter. Zwar wurden die Akteure nicht mehr bezahlt, aber sie wurden dafür hoch geehrt.

Endlich entdeckten auch die Ethnologen von irgendwelchen Universitäten die seltsamen Bräuche. Sie begannen, Bücher darüber zu schreiben und ihren Ursprung in das frühe Mittelalter zu verlegen. Ursprünglich sollten, so verkündeten sie als Ergebnis ihrer wissenschaftlichen Forschung, böse Geister gebannt werden, auch von Fruchtbarkeitszauber war die Rede.

Langsam entdeckte auch der Tourismus die Orte. Von überall her kamen Busse mit Menschen, die sich für die seltsamen Bräuche interessierten. Zu der Berghütte wurde irgendwann sogar eine Straße gebaut und Würstchen- und Andenkenbuden in ihrem Umkreis aufgestellt.

Williams hatte sein Ziel erreicht. Seine Erinnerungen entwickelten sich zu einem Wirtschaftszweig und wurden unsterblich.

 

 

Nichts als Worte

©Horst Neißer

 

Der Ort: ein Szenen-Kneipe in Berlin wie die „Bar Mama“, die „Kim Bar“ oder das „Sankt Oberholz“

Die Zeit: Früher Abend

Die Akteure: Sven, Studienrat, und Michael, Senatsangestellter.

Das Lokal ist überfüllt. Es bestätigt sich wieder das alte Gesetz: Volle Lokale werden noch voller, leere bleiben leer. Ist es der Herdentrieb oder die Meinung „Millionen Fliegen können nicht irren, hier lasst uns picknicken“? Nichts dergleichen! Man geht schließlich in eine Kneipe, um jemanden zu treffen, sich zu unterhalten, in Gesellschaft zu sein. All dies ist in leeren Lokalen eben nicht der Fall.

In dieser Szenenkneipe stehen die Gäste dicht gedrängt im schummrigen Zwielicht an der Theke oder sitzen an winzigen Tischchen auf unbequemen Stühlen. Der Mann hinter der Theke schwitzt und zapft Bier auf zehn Gläsern gleichzeitig. Lebhafte Unterhaltung. Seit dem allgemeinen Rauchverbot kann man auch in diesem Lokal wieder atmen. Dafür stehen nun vor dem Eingang Menschen in Trauben mit Zigaretten, Zigarillos und einigen sogar mit Pfeifen in der Hand.

Der hohe Geräuschpegel drinnen und draußen zeigt, wie gut sich die Gäste unterhalten und auf ihre Kosten kommen.

Sven und Michael kennen sich nicht. Sie stehen durch Zufall neben einander. Sven hat ein Pils in der Hand und Michael einen Latte macchiato vor sich auf dem Tresen stehen. Sie langweilen sich und kommen ins Gespräch.

Das Übliche! Sie schwärmen von anderen Kneipen in der Stadt. Sven berichtet von der Trattoria, in der er in Rom so köstlich gespeist hat, und Michael erklärt, dass die Antipasti doch das Beste an der italienischen Küche sind. Schließlich verkündet Sven stolz, dass er noch eine Karte für das nächste Rolling Stones Konzert ergattert hat – wer weiß, wie lange die noch auftreten.

Man versteht sich. Sendet auf der gleichen Wellenlänge. Es wird Zeit, sich ernsteren Themen zuzuwenden: dem Klimawandel, der Flüchtlingskrise, dem Rechtsruck bei der letzten Wahl. Man ist sich bei der Beurteilung der Lage völlig einig.

Weil Harmonie so angenehm ist, wagen sich Sven und Michael nun an die Ismen. Sven zählt sie mit Abscheu in der Stimme auf: „Imperialismus, Kolonialismus, Faschismus, Patriotismus, Revanchismus, Nationalismus.“ Doch Michael fällt ihm ins Wort: „Bellizismus, Kommunismus, Liberalismus, Kapitalismus, Anti-Amerikanismus“

Aber da man sich ideologisch einig ist, geht Sven über die Wichtigtuerei des Anderen darüber hinweg. Von irgendwelchen Ismen lassen sich Sven und Michael nicht auseinanderdividieren. Sie sind Individualisten, selbstständig denkende Menschen, folgen keinem Rattenfänger.

So fragen sie sich, wieso es überhaupt Menschen gibt, die diese Ismen vertreten. „Wie kann jemand nur so dumm, borniert und inhuman sein?“ Sven frönt seiner Lust an Aufzählungen. Und wieder hat Michael das letzte Wort indem er fortfährt: „Uninformiert, abgebrüht, ignorant, gefühlskalt.“

Sven ist darüber nicht glücklich, aber er nimmt es hin. Was sollte eine Auseinandersetzung wegen einer solchen Kleinigkeit?

Michael hat seinen Latte macchiato längst ausgetrunken und sich inzwischen Rotwein bestellt. Gerade ordert er das dritte Glas, und Sven signalisiert dem Barkeeper das fünfte Pils.

Die Gesprächsthemen werden nun schneller gewechselt, Meinungen ungeschützter vorgetragen. Sven und Michael outen sich als Menschen, die unter den verkrusteten gesellschaftlichen Formen leiden. Sie fühlen sich der Diktatur der DSDS-Gucker ausgeliefert. Michael gesteht sogar, dass er einige Folgen des Dschungel-Camps gesehen hat und nun weiß, dass eine der Ursachen für den politischen Rechtsruck auch diese Form der geistigen Verblödung ist.

Um sich von dem gesellschaftlichen Abschaum zu distanzieren, betont Sven, dass Mitmenschlichkeit, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Friedfertigkeit unabdingbare Voraussetzungen für eine bessere Welt sind. Michael stimmt ihm zu und ergänzt Svens Aufzählung mit Sorge um die Natur, freie Entfaltung der sexuellen Persönlichkeit und Frauen endlich in Führungspositionen.

Er hätte gern noch weitere Problemfelder aufgezeigt, wenn ihn Sven nicht mit einer unwirschen Handbewegung zum Schweigen gebracht hätte. Ein wenig oberlehrerhaft erklärt er: „Wer die Gesellschaft verändern und retten will, muss bei sich selbst beginnen. Man muss lernen, sich zurückzunehmen.“

„Eben“, fügt Michael hinzu, „man darf die eigene überlegene Position nicht ausspielen, muss Irrtümer im täglichen Leben ohne Hemmungen eingestehen und Affekte kontrollieren. Unterlegenheit ist schließlich keine Schande. Nur wer zu ihr steht, ist der wahre Sieger.“

Sven nickt eifrig. Ein neues Menschenbild gelte es zu verwirklichen. Nicht länger sollen Stärke und Gewalt dominieren. Verstehen, Helfen und sogar Mitleiden ist angesagt. Michael erinnert nun an das Prinzip Hoffnung. Die Gesellschaft müsse endlich Alternativen finden, ein Plan-B sei nötig. Es sei eine Minute vor Zwölf! Die befreiende Wirkung der Vernunft wird betont, christliche Ethik beschworen, wobei Sven sofort betont, dass er auch die muslimische Ethik sehr schätze.

Schließlich fasst Michael zusammen: „Im Prinzip ist alles ganz einfach! Alle Menschen sollten sich an den Spruch halten, den schon meine Großmutter zu uns Kindern sagte: Was du nicht willst, das man dir tut, das füg' auch keinem andern zu!"

Sven nickt andächtig und bekräftigt dann: „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein."

Wenigstens bei Spruchweisheiten soll dieser Michael nicht das letzte Wort haben.

Doch der hat inzwischen erneut ausgeholt und stellt nun in den Raum: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück."

Da kann Sven nur ein wenig kläglich kontern mit: „Wie du mir, so ich dir!"

Damit aber ist es nicht ausgestanden, denn Michael setzt noch eins obendrauf: „Wer Wind sät, wird Sturm ernten."

„Wer Bomben baut, darf sich nicht wundern, wenn sie explodieren“, trumpft Sven auf.

Schlag auf Schlag, wie Geschosse, donnern sie sich die Sprichworte an den Kopf.

Nun ist Michael wieder an der Reihe: „Wer sich in Gefahr begibt, wird in der Gefahr umkommen.“

Aber Sven hat sein Pulver verschossen. Er überlegt verzweifelt. Die folgende Pause ist drückend. Das breite Grinsen von Michael verrät seinen Triumph. Sven trommelt nervös auf den Tresen. Augenblicke ziehen sich zur Ewigkeit. Endlich entspannen sich Svens Züge und aufatmend sagt er: „Wer das Schwert zieht, wird durch das Schwert umkommen."

Nun fällt ein Schatten auf das Gesicht von Michael, dem bisherigen Sieger. Zu früh hat er sich gefreut. Es gilt jetzt mehr denn je, eine Entgegnung zu finden, die den vorlauten Wichtigtuer in Grund und Boden stampft. Seine Ehre steht auf dem Spiel. Wieder einmal schleicht die Zeit unerbittlich dahin. Das Schweigen wird unerträglich.

Da endlich stammelt Michael: „Wenn dich einer auf die eine Backe schlägt, so halte ihm auch die andere hin."

Natürlich ist er sich im Klaren, dass das Bibelzitat nicht passt. „Aber was soll's“, denkt er sich, „es verhilft zum letzten Wort. Wichtig ist allein der Sieg. Es ist gleichgültig, womit eine Schlacht gewonnen wird.“

Aber seine Freude währt nicht lang, und das ekelhafte Grinsen im Gesicht des Gegners verschwindet nur für kurze Zeit. Denn dieser hat die Bedenkzeit genutzt und sich eine letzte, eine tödliche Waffe zurechtgelegt. Sie wird seinen Feind in die Knie zwingen, seine bedingungslose Kapitulation unvermeidlich machen.

Ganz ruhig, jedes Wort betonend, sagt Michael: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte."

Noch bevor ihm Kants Worte auf der Zunge zergangen sind, trifft ihn ein Faustschlag mitten ins Gesicht.

 

Der Worte sind genug gewechselt!

 

 

 

 

 

 

 

 

Traumzeiten – Geschichten von Menschen und anderen Leuten

 

2. völlig neu bearbeitete, ergänzte und erweiterte Ausgabe

Taschenbuch, 252 S. ISBN: 978-3-86931-350-416,50

 

Böse Geschichten, Märchen und Satiren – wie aus dem richtigen Leben

 

Da sitzt ein Mann vor einem mächtigen Steinway Flügel auf dem Konzertpodium, um ein Klavierkonzert von Mozart zu spielen. Während er beim Vorspiel des Orchesters auf seinen Einsatz wartet, wird ihm bewusst, dass er außer „Hänschen klein“ gar nichts spielen kann.

Da schwebt eine Frau zusammen mit ihrem Mann auf dem schmalen Sitz einer Drahtseilbahn über einem Abgrund. Der Strom ist ausgefallen. Und nun gesteht sie ihm, dass sie ihn mit einem jungen Mann betrogen hat. Wird sie es überleben?

Da befiehlt der König seinem hungernden Volk, jeden Tag ein Huhn zu essen – und beschwört damit eine Revolution herauf.

 

Ein Buch zum Gruseln und Schmunzeln. Trotz der absurden Themen beschleicht den Leser das Gefühl, so etwas Ähnliches selbst schon erlebt zu haben.

 

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