Kurzgeschichten Leseproben

 

Traumzeiten – Geschichten von Menschen und anderen Leuten

 

 

 

 

Nun folgen ein paar Märchen. Den Anfang macht die Geschichte vom gütigen Herrscher, der für sein Volk nur das Beste will. Die zentrale Idee habe ich dabei von Heinrich IV geklaut, dem wohl beliebtesten König der Franzosen. „Wenn mir Gott zu leben erlaubt, werde ich dafür sorgen, dass es in meinem Land keinen Bauern gibt, der sonntags nicht sein Huhn im Topf hat!" ("Si Dieu me prête vie, je ferai qu’il n’y aura point de laboureur en mon royaume qui n’ait les moyens d’avoir le dimanche une poule dans son pot!") Er wird von den Historikern durchaus als Reformer und weitsichtiger Herrscher gerühmt. Vielleicht, weil ihm der Plan mit dem Huhn nicht so ganz gelungen ist?
 
 Der König in dieser Geschichte übertreibt es aber auch: Er verordnet seinem Volk täglich das berühmte Huhn im Topf. Aber vielleicht braucht man einen derart konsequenten Herrscher damit die Verführbarkeit der Völker und die Entstehung des Kapitalismus aus der Gunst der Stunde ein wenig deutlich werden.

 

 

Das Märchen vom Volk, dem König und dem Huhn im Topf

 

Es war einmal ein Volk, dem ging es zu Zeiten besser und zu anderen Zei­ten schlechter. An vielen Tagen im Jahr hatte es nur Grütze zu essen, aber manchmal gab es auch ein fettes Huhn, oder es stand, wenn die Jäger erfolgreich waren und man bei Hofe nicht alles Fleisch brauchte, ein schmackhafter Wildbraten, gespickt mit weißem Speck auf dem Tisch.

Da waren aber auch Zeiten, in denen Schmalhans als Küchenmeister regierte. Dann ging man in den Wald, um Beeren zu suchen und freute sich über eine große fette Kohlrübe, die noch irgendwo verlassen und vergessen auf einem Feld stand. Sie wurde mit Sorgfalt gekocht und auf mehrere Tage verteilt.

Doch die Zeiten des Darbens gingen auch wieder vorüber, und die Menschen hatten darüber ihre Fröhlichkeit nicht verloren. Weil man den Hunger kannte, wusste man ei­nen gedeckten Tisch umso mehr zu schätzen.

Im Feiern waren alle ganz groß. Wenn die Musik zum Tanz aufspielte, drehten sich die Mädchen, dass die Röcke flogen, und die Burschen hüpf­ten, dass es eine Freude war. Alt und Jung schmauste, und schon allein das Zusehen war eine Lust.

Die Frauen galten landauf und landab als besonders gute Köchinnen. Sie wälz­ten die Täubchen in Honig und spickten die Hühner vor dem Braten mit süßen Mandeln. Für die Forellen gab es einen wohlschmeckenden und gut riechenden Sud aus Kräutern, bei dem sich besonders die Pfefferminze hervortat. Getrunken wurde Holunder‑ und Erdbeerwein, Limonade und gegorene Ziegenmilch.

Das Volk hatte auch einen König. Der lebte in seinem Schloss, umgeben von seinen Hofleuten.

Mit seinem Volk hatte der König nur wenig zu tun. Er wusste, dass es da war, und das genügte ihm. Zwar war er sehr stolz auf sein Volk, aber den Umgang mit ihm überließ er lieber seinen Hofleuten, den Beamten und Ministern. Die sagten ihm, was das Volk dachte, wollte und brauchte.

Der König fuhr auch manchmal zu seinem Volk. Er saß dann in der goldenen Staatskarosse, die von acht Pferden gezogen wurde, und winkte seinen Untertanen huldvoll zu. Die standen am Straßenrand, verbeugten sich und jubilierten. Wenn er von einer solchen Ausfahrt zurückkam, fragte sich der König im Stillen oft, ob es wohl noch einen anderen Herrscher gab, der sich so treu wie er um sein Volk bemühte, und der dafür so heiß geliebt wurde?

Eines Tages saß der König an der Mittagstafel. Er hatte bereits die gerösteten Taubenaugen und den Salat aus Nachtigallenzungen hinter sich und freute sich auf die dritte Vorspeise, kandierten Auerhahn.

Plötzlich erhob sich wütendes Gezeter auf dem Hof.

„Du Lump", scholl es durch das offene Fenster und „du Diebin" und „du Verbrecherin".

Gewöhnlich hörte der König nicht auf solch gewöhnliche Worte. Gewöhnliches brachte in der Regel Verdruss. Nichts hasste der König jedoch mehr, als Probleme zur Essenszeit. Deshalb versuchte er anfangs, das Geschrei zu überhören. Doch der nächste Gang ließ auf sich warten, und der erste Hunger war bereits gestillt, und auch das beste Essen verträgt hin und wieder eine kleine Abwechslung. Deshalb lehnte er sich zurück, rülpste ein wenig und spitzte die Ohren. Und was musste er da hören?

 „Erbarmen, Erbarmen, so habt doch Erbarmen!" schrie eine zarte Mädchenstimme.

Sie klang so flehentlich, dass es dem König richtig warm ums Herz wurde.

Sein Haushofmeister aber antwortete barsch: „Mit frechen Dieben machen wir kurzen Prozess. An den Galgen mit dir!"

Der König war ganz und gar nicht gegen das Hängen eingestellt. Moral muss sein, sagte er sich, und das Aufhängen von Missetätern hat der Moral noch nie geschadet. Ganz im Gegenteil, es führt andere, die im Herzen Untaten begehen wollen, auf den rechten Weg. Aufhängen war also zum Besten aller. So gesehen war der Galgen sogar eine moralische Institution.

Aber im Augenblick befand sich der König in einer gar zu milden Stimmung und drakonische Strafen belasteten sein gutmütiges Herz. Nein, Aufhängen passte einfach nicht zu einem guten Essen. Das war degoutant. Vielleicht verstieß es sogar gegen die Etikette, auf die der Gourmet so viel Wert legte?

 Ärgerlich winkte er einem Pagen und befahl ihm, sich um den Lärm zu kümmern, der inzwischen an Lautstärke noch beträchtlich zugenommen hatte. Der Page kam voller Eifer zurück und berichtete, man habe ein junges Mädchen beim Stehlen erwischt. In seiner Schürze wären ein paar von den festen runden Knollen versteckt gewesen, die Forschungsreisende aus Amerika mitgebracht hätten.

Diese hässlichen Früchte seien zwar zu nichts gut und dienten lediglich als Schweinefutter, aber der Haushofmeister vertrete die Auffassung, gestohlen sei gestohlen. Am Hofe des hohen Herrn könne man keine Diebe dulden. Deshalb werde das junge Ding eingesperrt und am nächsten Tag in aller Früh zum Galgen geführt.

 Der König war mit der Auskunft zufrieden und wollte sich dem Auerhahn zuwenden, den die Diener gerade hereinbrachten.

Doch welche Ungehörigkeit!

Das Mädchen schrie schon wieder „Erbarmen!", und diesmal klang es noch flehentlicher, aber gleichzeitig auch süßer als zuvor.

Neugierde erfüllte das Herz des Königs. Er wollte das Geschöpf, das zu dieser Stimme gehörte, sehen. Deshalb ließ er alle Beteiligten der Schandtat zu sich rufen, bevor er den Auerhahn mit einem Ruck seiner gepflegten Hände auseinanderbrach.

Das Mädchen, das bald darauf in den prächtigen Speisesaal gezerrt wurde, war barfuß und in Lumpen gekleidet. Es schluchzte jämmerlich und warf sich vor dem reich gedeckten Tisch auf den Boden.

Der Haushofmeister hatte das helle, lange Haar seiner Gefangenen wie einen Strick um seine Hand geschlungen und zog, während er sprach, wie um seine Worte zu unterstreichen, kräftig daran. Dann flog jedes Mal der Kopf des Mädchens zurück, und der Kleinen traten die Augen aus den Höhlen.

Kartoffeln habe das unverschämte Ding gestohlen, erklärte der Bediente auf einen Wink seines Herrn. Zwar seien diese hässlichen Knollen nichts wert und so gut wie ungenießbar, nur die Säue hätten ihre Freude an ihnen. Aber auch die Kartoffeln gehörten schließlich dem durchlauchtigsten und erhabensten Herrscher, deshalb dürfe sich keine Bauerngöre an ihnen vergreifen.

Der Haushofmeister hatte recht und der König nickte bekräftigend.

Das Mädchen wurde nun barsch gefragt, was es zu seiner Verteidigung vorzubringen habe. Anfangs konnte es nicht antworten, sondern schluchzte still vor sich hin.

„Warum hast du gestohlen?" wurde drohend wiederholt.

Die Gefan­gene wimmerte.

„Wenn du nicht reden willst, so müssen wir dich peinlich befragen."

Bei der Androhung der Folter warf sich die Kleine wieder auf den Bo­den, rang die Hände und rief kläglich: „So habt doch Mitleid mit meiner armen Seele!"

Doch sie bekam barsch zu hören: „Dann rede!"

Daraufhin stammelte das Mädchen: „Aber wir haben doch Hunger."

 Dieser Unsinn konnte natürlich nur eine Lüge sein, das wusste der Kö­nig. In seinem Land hungerte kein Mensch. Schließlich hungerte er selbst auch nicht. Lügen langweilten den Herr­scher. Er befahl deshalb mit einem Fingerzeig, die Gefangene abzu­führen. Er war wirklich ein gutmütiger Mensch, doch es grenzte schon an Majestätsbeleidigung, ihn mit haarsträubenden Unwahrheiten beim Es­sen zu stören.

 Als das junge Ding merkte, dass alles verloren war, schrie es voller Verzweiflung auf. Der raue Haushofmeister riss wütend an dem zarten Haar, der kleine Kopf flog zurück, und in diesem Moment blitzten in dem verschmierten Gesicht zwei strahlend blaue Augen auf.

Der König sah nicht mehr die zerlumpten Kleider, die nackten, schmutzigen Füße. Er beachtete nicht mehr den vor Zorn schnaubenden Haushofmeister, ihn interessierten nicht einmal mehr der herrliche Auerhahn und die köstlichen Soßen. Er blickte nur noch in die hellen Augen und die Gestalt vor ihm verwandelte sich wie durch Zauberkraft.

Das gelbe, strähnige Haar, das um die Hand seines Büttels gewickelt war, verwandelte sich in goldenes Geflecht. Die schmutzige Haut wurde zart und milchig‑weiß und hätte einer Königin wohl angestanden. Eine entzückende Stupsnase ragte aus dem hilflosen Gesichtchen und wurde umrahmt von Sommersprossen, die wie Sterne blitzten.

 Erregt rief der König, man möge dieses wunderbare Geschöpf sofort loslassen und klatschte in die Hände, um den Schinder, der dieses zarte Wesen quälte, zu verjagen. Dieser starrte seinen wild gestikulierenden Herrn verwirrt an und lief dann ängstlich aus dem Zimmer. Der König winkte nun seinem Gast. Das Mädchen rutschte zögernd und schüchtern auf den Knien näher. Das genügte dem Mann aber nicht. Er winkte und winkte und schließlich hatte die Kleine den Tisch erreicht und schielte furchtsam über die Kante.

 „Wie heißt du denn?" flüsterte der gütige König.

„Ich bin die Froni, Majestät", war die Antwort.

„Und warum hast du wirklich gestohlen?"

„Weil ich Hunger habe, und weil die Meuder Hunger hat, und der Knan hungert, und der kleine Simpl auch."

„Aber wenn ihr alle Hunger habt", fragte der König erstaunt und un­gläubig, „warum esst ihr dann nicht?"

„Wir haben doch nichts zum Essen!"

In diesem Augenblick erinnerte sich der König seines edlen Vogels, der allmählich kalt zu werden drohte.

Er riss mit seinen kühlen, gepfleg­ten Händen einen zweiten Schenkel ab und fuhr auf beiden Backen kau­end fort: „Ihr müsst ja nicht gleich so etwas Edles wie einen Goldfasan essen. Ein Hühnchen werdet ihr doch haben. Wenn euch ein Hühnchen aber nicht gut genug ist, dann dürft ihr euch nicht bei mir beschweren."

Leise kam darauf die Antwort: „Wir haben kein Huhn, wir haben kein Brot. Wir finden nicht einmal mehr Bucheckern im Wald, die wir essen könnten."

Dem König blieb der Bissen im Hals stecken. Er spuckte ihn quer durch den prächtigen Speisesaal, wo er auf dem leuchtenden Seidenteppich, der mit echten Goldfäden durchwirkt war, liegen blieb.

Dann schrie er auf: „In meinem Reich hungert niemand! Derartige Lügen dulde ich nicht in meinem Palast! Henker! Wo ist der Henker? Schafft die Göre fort! Hängt die dreiste Lügnerin auf! Wachen! Henker!"

 Die Froni kauerte sich noch ängstlicher zusammen und Tränen schos­sen ihr wieder in die Augen. Sie konnte sich nicht be­wegen, sondern starrte nur den fürchterlichen König an. Ganz leise wimmerte sie in sich hinein und ergab sich ihrem Schicksal.

Der Mann aber, der ihr Schicksal war, hatte wieder ihre Augen gesehen und den Henker sofort aus dem Zimmer gescheucht. Das strahlende Blau hatte ihn gnädig gemacht. Nun glaubte er beinahe seinem jun­gen Gast.

 In seiner Stimme war Mitleid, als er fragte: „Warum habt ihr denn nichts zu essen?"

„Die Ernten der letzten Jahre waren schlecht, und die Steuereintreiber sind unerbittlich. Mein Knan sagt immer, wenn sie von uns nichts mehr holen können, dann werden sie uns selber nehmen."

„Sage doch nicht solch einen Unsinn!" sagte der König mild und fuhr fort: „Sonst seid ihr doch immer fröhlich und guter Dinge. Ihr tanzt und singt, dass es eine Freude ist. Warum habt ihr euch so geändert und macht mir Kummer?"

„Wir wollen ja auch lustig sein, wie es sich für ein braves Volk gehört. Aber der Hunger hält uns davon ab."

„Das muss anders werden", rief da der gute Herrscher. „Ihr sollt nicht mehr hungern, sondern tanzen und singen."

Voller Triumph schwenkte er seinen Fasan durch die Luft.

„Ich befehle, dass in jedem Haus meines Volkes jeden Tag ein Huhn auf dem Tisch steht."

Schreiber und Minister wurden alsbald gerufen und in Kürze war der königliche Wille aktenkundig. Ins ganze Land wurden Boten gesandt und verkündigten die frohe Botschaft, die allem Volke widerfahren sollte.

Jubel erhob sich von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt. Hastig wurden Feste vorbereitet und der verständnisvolle und gütige Herrscher gepriesen.

Dankgottesdienste fanden statt, Dichter schrieben Gedichte auf den großen König und Steinmetzen machten sich ans Werk, seine edle Gestalt noch einmal in Marmor zu verewigen.

Der Gepriesene kümmerte sich aber nicht weiter um die Beifallsstürme. Er winkte den ihn umbrausenden Dank bescheiden mit seinen zarten Händen ab. Dann ließ er die süße Froni baden, mit duftendem Öl salben und zog sich mit ihr in seine Gemächer zurück.

Monate waren seit diesem denkwürdigen Tag ins Land gegangen, und wirklich stand, getreu dem königlichen Willen, in jedem Haus jeden Tag ein Huhn auf dem Tisch.

Um die vielen Hühner, die dazu nötig waren, zu züchten, hatte man die ganze Landwirtschaft umstellen müssen. Riesige Hühnerfarmen waren aus dem Boden gestampft worden. Alle wirtschaftlichen Kräfte wurden auf die große Aufgabe konzentriert.

Die Schweine‑ und Rinderzucht war verboten worden, denn in dieser historischen Situation von entscheidender Tragweite konnte man keine Verzettelung der volkswirtschaftlichen Kräfte zulassen.

Im ganzen Land, wo man stand und ging, hörte man das Gegacker von Hühnern und das Krähen stolzer Hähne. Das Königreich war über Nacht ein Hühnerreich geworden.

Die Hühner hatten aber nicht nur den Hunger im Land gestillt, sondern auch Glück gebracht. Im ganzen Jahr hatte es kein Unwetter gegeben, und der Herbst brachte eine gute Ernte. Auf den Äckern standen der Weizen und die Gerste in Fülle. Aber kein Korn wurde gemahlen und kein Brot gebacken. Man brauchte alles Getreide, um die ungeheure Menge Hühner zu füttern. Für Müller und Bäcker brachen schwere Zeiten an. Es gab für sie keine Arbeit und ohne das tägliche Gratishuhn hätten sie verhungern müssen.

Einen ungeheuren Aufschwung nahm die Zunft der Hühnerschlachter. Sie stellten jeden Tag neue Leute ein, bauten immer größere Hallen und schlachteten immer mehr Hühner und verdienten immer mehr Geld. Dieses Geld wollten sie natürlich auch ausgeben.

Zuerst kauften alle Hühnerschlachter Kutschen, die mit Silber beschlagen waren, dann welche mit Gold und schließlich fuhren sie alle mit Diamanten besetzten Wagen durch die Gegend. Ihre Häuser waren bald prachtvolle Paläste und ihre Frauen trugen den Pelz seltener Tiere aus fernen Ländern. Störend empfanden sie nur das tägliche Huhn auf dem Tisch. Sie, die sich alle Leckerbissen dieser Erde hätten leisten können, bekamen täglich ihre eigenen Hühner serviert und mussten sie auch noch essen. Aber sie nahmen es hin. Der Befehl des Königs war schließlich die Quelle ihres Wohlstands.

Wenn aber alle Bürger ihr Huhn täglich umsonst bekamen, wer bezahlte dann den Reichtum der Hühnerschlachter? Wer bezahlte all die Hühner, die gegessen wurden? Wer bezahlte das Korn, das die Hühner fraßen? Wer bezahlte die Fuhrleute, die die Hühner durch das Land fuhren? Von wem bekamen die Hühnerärzte ihr Geld? Wer gab den Hühnerhändler, die für die Verteilung des Gratisessens sorgten, ihren Lohn?

 Die Steuern, von denen man das alles hätte bezahlen können, wurden täglich weniger. Durch die Hühner verloren viele Menschen ihre Arbeit, und andere wollten wegen der kostenlosen Ernährung nicht mehr arbeiten. Die Lage wurde immer ernster.

 Man darf auch den König nicht vergessen. Der wollte natürlich weiterhin seine Fasane, Rebhühner und Tauben, seine Hirsche und Rehe und nicht zuletzt sein Rinderfilet essen. Man muss nämlich wissen, dass für Könige die eigenen Gesetze nicht gelten. Sie gehören schließlich nicht zum Volk, für das die herrschaftlichen Verordnungen gemacht werden.

 Die Jäger, die das Wildbret für die königliche Tafel in den königlichen Wäldern erlegten, wollten ihren Lohn. Das Gleiche forderten die Hirten für ihre Arbeit auf den königlichen Weiden und die königlichen Händler, die durch alle Lande streiften, immer auf der Suche nach neuen Leckerbissen.

Dann wollte Ihre Majestät noch einen neuen Pavillon im königlichen Park für seine Froni bauen.

Wer sollte die Kosten tragen? Die Schatzkammern hatten sich durch die Hühnerzucht im Lande rasch geleert.

Zum Glück war einer im Reich, der sich über diese wichtigen Dinge Gedanken machte und an das Allgemeinwohl dachte: der königliche Schatzmeister.

Der war zwar nicht glücklich über den Hühnerbefehl seines Herrn, aber nach drei schlaflosen Nächten hatte er die Lösung gefunden.

Er rief vertrauenswürdige Landeskinder zu sich. Leute, für die eine Stellung bei Hofe das höchste Ziel war. Sie unterwies der kluge Schatzmeister im Geldprägen. Er sagte sich nämlich, wenn Geld gebraucht wird, so muss man es eben erzeugen. Natürlich verwendeten sie für die neuen Münzen nur Eisen und Blei und sparten das Gold und das Silber für andere königliche Zwecke.

Bei Tag und bei Nacht wurde nun in der königlichen Münze gearbeitet. Die Männer schlugen und schlugen, und ein Strom neuen Geldes übergoss das Land. Das Volk wurde aufgerufen, die alte Gold‑ und Silberwährung gegen das neue Zahlungsmittel umzutauschen. Und weil diese Aufforderung nur sehr zögernd befolgt wurde, währte es nicht lange und ein neues Dekret verbot den Besitz von Edelmetall und stellte ihn unter Strafe.

Die Bevölkerung musste das gute alte Geld abgeben, und die Schatzkammern füllten sich wieder. Das neue Geld aber war wenig wert und keiner wollte etwas Ordentliches dafür geben. Im Ausland konnte man schon gar nicht damit einkaufen. Reisende, die dort mit dem neuen Geld zahlen wollten, wurden nur ausgelacht.

Und doch war das Problem des fehlenden Geldes gelöst, und man war wieder zufrieden, nur die Hühnerschlachter nicht. Ihr Schatz an wertlosem Blei und Eisen wurde zwar von Tag zu Tag größer, aber neue Kutschen konnten sie dafür keine kaufen, und ihre Frauen bestellten im Ausland vergeblich Geschmeide und Pelze. Die Hühnerschlachter fühlten sich deshalb um den gerechten Lohn ihrer Arbeit betrogen.

  

Die erfolgreiche Sanierung der Staatsfinanzen währte leider nicht lange. Der König dachte nämlich nicht ans Einschränken. Immer neue Delikatessen wurden im Ausland gekauft und einen Lustpavillon und einen Seerosenteich und einen Wintergarten nach dem anderen ließ er für Froni bauen. Außerdem kaufte er ihr noch viele Kleider und eine große goldene Kutsche, mit der sie gemeinsam weite Reisen in ferne Länder unternahm.

Die Schatzkammern waren deshalb bald wieder leer, und der Schatzmeister hatte wieder drei schlaflose Nächte. Am Morgen des dritten Tages fand er die Lösung. Er schickte Boten zu den umliegenden Königen, mit dem Auftrag zu verhandeln. Gehandelt wurde um Landeskinder und schließlich, nach langem Feilschen, erreichten sie einen guten Preis. Für hundert Köpfe erhielt der König jeweils 50 Dukaten.

Der König lobte seinen weisen Schatzmeister und verlieh ihm einen Orden.

Dieser hatte mit seinen Verhandlungen sogar zwei Ziele erreicht: Geld floss wieder in die Schatzkammern des Königs, und die hungrigen Mäuler im Land wurden weniger.

  

Ein königlicher Wunsch ist ein Befehl, ja sogar eine Art Naturgesetz, und ein König muss darauf achten, dass diese seine Befehle auch befolgt werden. Er darf keine Nachlässigkeiten einreißen lassen, denn stets wäre dies der Anfang vom Ende. Unser König machte deshalb von Zeit zu Zeit Inspektionsfahrten durch sein Königreich und prüfte nach, ob auch in jedem Haus ein Huhn auf dem Tisch stand. Wurden ihm dabei von der dankbaren Bevölkerung die Hände geküsst, so war er es zufrieden und schenkte Froni noch ein goldenes Armband.

Im eigenen Land war er also geehrt und geliebt, aber in den anderen Ländern neidete man ihm die Zuneigung seines Volkes. An den angrenzenden Königshöfen riss man Witze über ihn und nannte ihn den Hühnerkönig.

Unser König wusste zum Glück nichts von so viel Bosheit, denn sein Hofgesinde hielt derartige abscheuliche Nachrichten von ihm fern.

Jahre gingen ins Land, und jeden Tag gab es in jedem Haus ein Huhn auf dem Tisch. Der König war inzwischen auf einer langen Reise durch die Welt und kaufte Froni in jeder Stadt, durch die sie kamen, ein Kleid. Die Sache mit den Hühnern hatte er längst vergessen. Wer denkt schon an Hühner, wenn er die Pyramiden und die chinesische Mauer sieht!

Seine Untertanen aber konnten inzwischen keine Hühner mehr sehen. Schon der Geruch von gekochtem oder gebratenem Federvieh verbreitete im ganzen Land Übelkeit. Dennoch achteten die Beamten des Hofes sorgsam darauf, dass täglich Hühner serviert wurden und man nicht gegen das Gebot des Königs verstieß. Sie hatten die Anzahl der Polizisten verdoppelt und ließen jeden Tag die Mahlzeiten kontrollieren. Wehe, wenn ein Büttel jemanden erwischte, der keine Hühner essen wollte! Dies war eine Subordination, eine Missachtung der Gnade des allergnädigsten Königs.

In ihrer Not erprobten die Leute allerlei Hühnerkochrezepte. Die Hühner wurden gespickt und mariniert, sie wurden kandiert und paniert, und einige Mutige aßen sie sogar mit süßer Schlagsahne. Aber Huhn bleibt eben Huhn, und auch die beste Speise hängt einem, wenn man sie täglich essen muss, zum Halse heraus. Andere Lebensmittel wiederum konnte keiner kaufen, so war die Lage aussichtslos.

Die Leute sammelten heimlich Bucheckern in den Wäldern und vergruben dafür die gebratenen Hühner bei dunkler Nacht im Garten, obwohl dies ein Staatsverbrechen war und mit dem Tode bestraft wurde.

Das Wort „Huhn“ geriet allmählich zum Schimpfwort und hat sich als solches bis auf den heutigen Tag erhalten.

Das Volk, das einst so fröhlich und zufrieden war, das stets lachte und tanzte und sogar Hungerzeiten ergeben hinnahm, dieses Volk ächzte unter der Last der Hühner. Die Empörung wurde immer größer, eine Revolte bahnte sich an. Mochte der König doch machen, was er wollte, mochte er sie alle verkaufen oder auf­hängen lassen, wenn er nur den Hühnerfluch von ihnen nahm! Aber ge­nau dies konnte er nicht, schon allein deshalb, weil er gar nicht da war.

Die Polizei musste immer schärfer durchgreifen und blieb doch erfolg­los. In den Nächten wurden Hühnerschlachtereien angezündet. Das Federvieh wurde getreten, wo man es traf. Dies war natürlich un­gerecht, denn was konnten die armen Hühner dafür, dass sie keiner mehr essen wollte? Am meisten aber hasste man die Hühnerschlachter. Keiner von denen wagte sich noch ohne eine starke Leibwache vor die Haustür. So konnte es nicht weitergehen!

Da kam eines Tages ein junger Königssohn aus einem weit entfernten Land. Ursprünglich nur auf der Durchreise hatte er seinen Aufenthalt verlängert, weil er so gerne Hähnchen aß.

Unser Prinz freute sich über die kostenlosen Hühner und schlug sich Tag für Tag den Magen voll. Er war so mit Essen beschäftigt, dass er lange Zeit nicht merkte, welcher ein Groll in den Menschen um ihn war.

 Eines Tages aber, er ging ruhigen Schrittes irgendeine Straße entlang, hörte er durch das offene Fenster irgendeines Hauses eine Frauen­stimme.

Schrill und hart klang es auf die Gasse: „Wenn du nicht folgst. dann musst du heute dein Hähnchen essen!"

Da schall ein markerschütterndes und steinerweichendes Geheul aus dem Haus. Die fürchterliche Drohung hatte bei dem Kind ihre Wirkung nicht verfehlt.

Dies war für den Studiosus ein Schlüsselerlebnis. Er achtete von nun an mehr auf seine Umgebung. Dabei musste er entsetzt feststellen, dass alle Menschen um ihn herum einen schrecklichen Ekel vor Hühnern hatten. Das Paradies, in dem er zu leben glaubte, war doch nicht so fleckenlos. Sein Interesse war erwacht. Er fragte nach und erfuhr die ganze tragische Geschichte.

Da er ein gutmütiger Königssohn war, dau­erten ihn die Leute in diesem Königreich und er beschloss, ihnen zu hel­fen.

Der Studiosus grübelte und grübelte. Bei all dem Grübeln verging ihm sogar der Appetit auf Hähnchen. Er dachte daran, die überschüssi­gen Hühner ins Ausland zu exportieren und an ihrer Stelle Runkelrüben einzuführen. Aber diesem Plan stand das Verdikt des Königs entgegen.

Er zog Radikallösungen ins Kalkül, wie zum Beispiel alle Hühner mit Hühnerpest zu infizieren, und verwarf sie wieder.

Je mehr er nach­dachte, desto mehr wurde ihm bewusst, dass die Wirtschaft des ganzen Landes völlig auf die Hühner abgestellt war, und der Ausfall dieses einzigen Produktionszweiges ein unermessliches wirtschaftliches Chaos her­aufbeschworen hätte.

Der Königssohn sah deshalb nur zwei Alternativen: entweder man aß weiter Hühner, obwohl sie allen zum Hals heraushingen, oder man nahm den Untergang von Gesellschaft und Staat in Kauf.

Selbstverständlich gab es noch eine dritte Möglichkeit: Man wartete, bis alle Landeskinder an andere Königreiche verkauft waren. Dort bekamen die Menschen zu­mindest keine Hühner zu essen. Aber was ist schon ein Königreich, in dem es keine Landeskinder sondern nur Hühner und Beamte gibt? Der Studiosus verwarf diesen Plan.

Weil ihm nun gar nichts mehr einfiel, beschloss der Prinz, den Urheber aller Hühner aufzusuchen und um Abhilfe zu bitten. Er packte sein Rän­zel, steckte sich viele gebratene Hähnchen in den Sack und machte sich auf den Weg.

Unterwegs im Wald traf er eine alte Frau und dann ein verwunschenes Reh. Beiden gab er ein Hähnchen ab.

Als er den gläsernen Berg überquert hatte, stand da ein zerlumpter Mann und begehrte ein Huhn, das er natürlich auch bekam.

Bald war so der ganze Reiseproviant auf­gebraucht.

Unser Held musste jedoch keinen Hunger leiden, denn seine Reise führte ihn zu dem Kuchenberg, der das Schlaraffenland umgibt. Nachdem er sich da hindurchgegessen hatte, ließ er sich gebratene Tau­ben so lange in den Mund fliegen, bis er sich an den feinen Knö­chelchen beinahe verschluckt hätte. So vermisste er seine Hähnchen nicht. Seinen Durst aber löschte mit dem kühlen Wein aus den Flüssen.

 Endlich hatte er sich auf der anderen Seite aus dem Schlaraffenland wieder herausgegessen, war gesättigt und konnte die Suche nach dem König fortsetzen.

 Wenn er dabei nicht mehr weiter wusste, fragte der Prinz die Schneekönigin und manchmal einen Furcht erregenden Troll mit drei Köpfen, und selbst Herzeleide gab ihm Auskunft. Der Held wanderte entlang an Seen, Flüssen und Meeren. Er schlief am Herz der Welt unter den Gebirgen und in den Spiegelsälen der Zwerge.

Lange Zeit später, sein Haar wurde schon grau, fand er den König in Rom. Ärgerlich schalt sich der Prinz, warum er sich nicht schon früher in die Heilige Stadt aufgemacht hatte. Er hätte doch wissen müssen, dass alle Wege nach Rom führen, und man deshalb dort auch jeden treffen kann, den man sucht. Er hätte besser zuerst in Rom nachgesehen, bevor er durch die ganze Welt gelaufen war!

Der König saß mit Froni an einem kleinen Tisch in einem Straßencafé auf der Via Apia und schlürfte einen Cappuccino. Höflich stellte sich der Studiosus vor und nahm auf einen Wink des Königs artig Platz.

Ohne lange Umschweife begann er das Gespräch mit dem Hinweis, dass er direkt aus dem Königreich seiner Majestät komme.

„Mein Gott", erinnerte sich da der König, „ich bin ja König! Wie steht es denn in meinem Königreich? Ist alles bestens?"

„Prinzipiell kann man nicht klagen. Wenn nur die Hühner nicht wären."

„Welche Hühner? Es wird doch nichts Ernstes sein?"

„Das Volk will eben keine Hühner mehr essen!"

„Dann soll das Volk dies sein lassen. Wer zwingt denn das Volk dazu, Hühner zu essen, die es nicht mag?"

„Euer kluger Ratschluss, Majestät."

„Wie kann ich die Leute zwingen, Hühner zu essen, wenn ich hier friedlich auf der Via Appia sitze und sogar vergessen habe, dass ich überhaupt König bin?"

Nun erzählte der Studiosus die ganze Geschichte, und Froni bekam große Augen.

Der König aber sagte nur lakonisch: „Wenn ich wieder in meinem Reich bin, werde ich den ganzen Hofstaat aufhängen lassen.“

Er machte eine kurze Pause und überlegte. Dann fuhr er fort, während er sich bequem zurücklehnte, dass ihm die ganze Geschichte, wenn er ehrlich sein sollte, völlig gleichgültig sei. Wer je den Petersdom gesehen habe und den Koloss von Rhodos und die hängenden Gärten der Semiramis und die Golden Gate Bridge, der könne für Hühner kein Interesse mehr aufbringen. Mögen sich doch seine Untertanen darob die Köpfe einschlagen. Er jedenfalls werde sich nicht mehr in derartig banale Niederungen ziehen lassen.

Dies war klug gesprochen. Der Studiosus nickte auch bedächtig. Solchen überzeugenden Argumenten hatte er natürlich nichts entgegenzusetzen. Aber dann erinnerte er an die Gefahr einer Revolution in der Heimat. Diese würde bedeuten, dass der König kein Geld mehr erhielte. Wovon sollte er dann leben und seiner Froni Schmuck kaufen? Schließlich hatte er nichts anderes gelernt, als Geld auszugeben, und niemand gibt gern den erlernten Beruf auf.

Dieser Einwand machte den König nachdenklich. Seine Weisheit sagte ihm, dass nur ein zufriedenes Volk zufriedenstellend viel Geld herbeischafft, damit sein König zufrieden ist. Er musste sich also, ob er wollte oder nicht, mit den Schwierigkeiten in der Heimat befassen.

„Was rätst du mir?" fragte er den Sohn seines Kollegen. „Wie kann ich meinem Volk, dessen oberster Diener ich bin, helfen? Wie kann ich die Not lindern? Was muss ich tun, damit wieder Fröhlichkeit einkehrt? Wie kann ich wieder positives Denken in die Welt bringen?

„Majestät", bekam er zur Antwort, „die Lage ist ernst, aber ich hoffe, sie ist nicht hoffnungslos. Betrachten wir die Problematik im Einzelnen. Wenn Ihr den Hühnererlass rückgängig macht, so stürzt Ihr das Land in ein Wirtschaftschaos. Noch mehr Arbeitslosigkeit breitet sich dann aus. Damit wächst auch die Gefahr einer Revolte. Unternehmt ihr aber nichts, so müsst ihr ebenso mit einer Revolution rechnen.

Die gesamte Wirtschaft wieder umzustellen dauert Zeit, und die haben wir nicht. Auch müssen wir an den Feind denken, der nicht ruht. Er sieht seine Chance und überschwemmt euer Land mit Agenten, die das Volk aufwiegeln. Oder meint ihr etwa, einer eurer Untertanen hätte sich je über die von euch gnädig verordneten Hühner empört, wenn er nicht aufgewiegelt worden wäre?"

„Wie wär’s denn mit einem Krieg?" warf nun der unglückliche König ein.

„Krieg ist im Prinzip keine schlechte Idee. Er beschäftigt die Leute, sodass sie nicht auf dummen Gedanken kommen. Weil dann alle zusammenstehen müssen, ist in Kriegszeiten jede Art von Kritik ein Verrat am Allgemeinwohl. Auch Entbehrungen müssen bei bewaffneten Konflikten in Kauf genommen werden. Jeder rechnet damit und findet sich damit ab.

Ein Krieg hat also tatsächlich vieles für sich, und wir sollten ihn als Lösungsmöglichkeit in die engere Wahl ziehen.

Das Problematische am Krieg ist nur die Gefahr, dass man ihn eventuell auch verlieren kann. Ein derartiger Unglücksfall würde das Einkommen Eurer Majestät erheblich schmälern. Ein Sieg würde allerdings die finanzielle Lage erheblich verbessern.

Wenn mich Majestät um meinen ehrlichen Rat fragen, so halte ich nach Abwägung aller Fak­ten das Risiko bei einem Krieg für sehr hoch. Wir sollten deshalb noch andere Rettungsaktionen ins Auge fassen."

So rätselten die drei von der Verantwortung gebeugten Menschen noch lange und fanden keine Lösung. Sie wollten nur das Beste für alle und bei jedem neuen Plan tauchte auch ein neuer Haken auf. Nach vielen Stunden intensiver Beratung und ungezählten Camparis, Cinzanos und Vini rossi gaben sie endlich auf und beschlossen, sich erst einmal am Ort des Ge­schehens kundig zu machen, also ins Königreich zurückzukehren.

Dem König fiel der Abschied schwer. Er versprach seiner Froni, so bald wie möglich zurückzukehren. Dann küsste er ihr die Fingerspitzen mit den goldenen Ringen, die Handrücken und die von prächtigen Diamant­bändern gesäumten Unterarme. Seine Lippen suchten ihren Hals, den eine dreireihige Perlenkette umschlang, und brachten das smaragdene Ohrgehänge zum Klingen. Schließlich fuhren seine zarten Hände sanft durch das diademgeschmückte Haar.

Dann kam die Zeit des Aufbruchs. Die beiden Männer stiegen am Hotel, wo der König das Notwendigste packte, in die Kutsche und, weil sie es eilig hatten, gingen diesmal statt der üblichen sechs Pferde zehn Rösser im Geschirr.

Aber so sehr sie sich auch gesputet hatten, sie kamen doch zu spät. Die Revolu­tion hatte bei ihrer Ankunft bereits stattgefunden. Sie fanden alle Hofbe­amten eingekerkert, bis auf die Unglücklichen, die im Verlauf der Aufstände ihr Leben hatten lassen müssen.

Den König hatte man in Abwesenheit abgesetzt und freie Wahlen aus­geschrieben. Die Lage schien wirklich hoffnungslos.

Das Schloss durften der König und der Prinz nicht mehr betreten. Hühnchenschlachter und Fuhrknechte hatten sich darin breitgemacht. Aus den Fenstern der prunkvollen Räume, in denen früher niemand außer dem König es ge­wagt hätte, seine Stimme zu erheben, drang Keifen und Schreien. Kinder brüllten, Frauen beschwerten sich bei ihren Männern und forderten sie auf, Dienstpersonal herbeizuschaffen. Schließlich müssten sie als neue Schlossbewohner ebenso Bedienstete haben, wie ehemals der König.

Die Straßen waren unsicher, denn die Polizei hatte sich aufgelöst. Das Land wurde von einem Revolutionsrat regiert, der in sich zerstritten war und eigentlich nicht so recht wusste, was zu tun sei.

Es herrschten also chaotische Zustände, und der bisherige König hatte gute Gründe, sich um seine Apanage zu sorgen.

Prinz und König hatten Quartier im besten Gasthaus der Hauptstadt be­zogen. Dort wurden sie noch immer mit Hochachtung behandelt. Man wusste, was man blaublütigen Herrschaften schuldig war. Ein von Jugend an geübter Respekt verliert sich nicht durch eine kleine Revolution.

Ganz anders erging es dagegen den Hofbeamten. Besonders niedere Be­dienstete bekamen den Zorn des Pöbels zu spüren, und der König musste ohnmächtig von seinem Hotelbalkon aus zusehen, wie treue Gefolgs­leute unter dem Johlen der Menge durch die Straßen getrieben wurden.

Er beriet sich stundenlang mit dem Königssohn, was zu tun sei. Sie überlegten, Truppen aus den Nachbarländern zu Hilfe zu rufen und verwarfen den Plan wieder.

Der König schlug vor, mit einer flammenden Ansprache dem Volk ins Gewissen zu reden und so alle wieder zur Ver­nunft zu bringen. Doch sein Berater schüttelte zweifelnd den Kopf.

 Dabei drängte die Zeit, denn schon am nächsten Morgen sollte in einer Volks­abstimmung eine neue Regierung gewählt werden, die das Vertrauen al­ler Bürger hätte. Wäre dies erst einmal geschehen, so war alles zu spät. Dann wären Kultur und Sitte aus dem Königreich ein für allemal vertrie­ben, und nur noch die Dummheit und die Gier der niederen Stände wür­den regieren. Vorbei wären die Zeiten der schönen Künste, der prächti­gen Bauwerke. Niemand würde mehr Gnade vor Recht ergehen lassen und hin und wieder ein gerechtes Todesurteil aufheben, wie es damals bei Froni geschehen war.

Der König und der Prinz waren verzweifelt, und wären sie nicht beherrschte Männer gewesen, vielleicht hätten sie sogar geweint.

Als sie in ihrer Verzweiflung nicht mehr ein noch aus wussten, öffnete sich plötzlich die Tür. Herein traten eine alte Frau, ein verwunschenes Reh und ein zerlumpter Mann. Sie blieben schweigend in der Mitte des Zimmers stehen und sahen die beiden Männer von blauem Geblüt an.

„Was ist euer Begehr?" fragte der Königssohn.

Da antwortete das Reh für alle drei: „Als wir Hunger hatten, hast du uns von deinen Hähnchen abgegeben, obwohl du dich auf einer langen Reise befandest und hättest verhungern können. Nun sind wir gekom­men, um unsre Schuld zu begleichen. Hört auf unsere Worte, und alles wird sich zum Besten wenden."

Und der Mann und die Frau und das Reh sprachen zusammen wie mit einer Stimme: „Stelle dich zur Wahl, aber achte des Volkes Stimme!"

So still, wie sie gekommen waren, verschwanden dann die seltsamen Besu­cher.

Der Sonntag der Wahl rückte näher, und die Spannung im ganzen Land wuchs. Wer würde von nun an die Geschicke des Volkes bestimmen? Niemand wusste Genaues, und alle erhofften sich das Beste. Gute Chan­cen gab man den Hühnerschlachtern.

Endlich war es soweit. Alles Volk versammelte sich auf dem gro­ßen Platz vor dem Schloss. Eine hohe Rednertribüne war aufgestellt und alle harrten der Dinge, die da kommen sollten.

 Zuerst kam der Führer der Revolutionäre und wurde, noch bevor er zu reden begann, frenetisch bejubelt. Er sprach von Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit und alle klatschten begeistert in die Hände. Bei so­ viel Beifall schien der Wahlausgang sicher.

 Der Vertreter der Schlächter machte nicht viel Worte. Er betrat das Podium und zwei seiner Mitarbeiter schleppten einen schweren Sack hinterher. Sie traten mit ihm ganz vorn an die Rampe, griffen hinein und schleuder­ten mit vollen Händen Geld unter die versammelte Menge. Die Leute wälzten sich am Boden und schrien vor Begeisterung.

Der Schlachter aber sagte nur: „Nun wisst ihr, warum ihr mich wählen müsst."

Dieser Auftritt war sehr wirkungsvoll, und das Rennen um die Herr­schaft im Land wieder völlig unentschieden.

 Der nächste Redner galt als Vertreter feindlicher Könige und wurde, noch bevor er den Mund geöffnet hatte, ausgebuht. Er versuchte von Frieden und Verständigung zu sprechen, aber keiner hörte zu, bis er mutlos aufgab.

Nun stand kein Kandidat mehr auf der Rednerliste. Der Form halber trat der Wahlleiter vor und rief: „Bewirbt sich noch jemand um das höch­ste Amt, das dieser junge Staat zu vergeben hat, so trete er vor!"

 Schweigen breitete sich auf dem Platz aus. Alle sahen sich um. Plötzlich rief eine ruhige, befehlsgewohnte Stimme: „Ja, ich bewerbe mich."

 Der König trat gemessenen Schrittes aus der Menge heraus, schritt zur Tribüne und alle machten ihm noch immer ehrfürchtig Platz.

Dann ergriff er das Wort und sprach: „Freunde, Landsleute! Man hat euch übel mitge­spielt. Zuerst zwangen euch meine ruchlosen Beamten, täglich Hühner zu essen, bis das ganze Land vor Übelkeit ächzte. Hätte ich es gewusst, mit dem Schwert des Henkers wäre ich drein gefahren, um euch zu ret­ten.

Doch ihr habt euch aus eigener Kraft befreit. Ich beglückwünsche euch zu dieser heldenhaften Tat. Nun aber steht ihr in Gefahr, euch wiederum in die Hände von Rattenfängern zu begeben. Heute wirbt man um eure Stimme. Doch wenn ihr sie aus der Hand gegeben habt, wird man euch wieder schamlos ausnutzen.

Bedenkt doch nur, womit man euch lockt. Der eine verspricht euch Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Fürwahr hohe Ziele, es sind wahrscheinlich die höchsten, die es für uns Menschen gibt. Aber ich weiß es, und ihr wisst es auch, sie sind auf Erden nicht zu verwirklichen und deshalb bleiben sie nur leere Worte.

Der andere Mitbewerber wurde schon konkreter. Ihr habt aber sofort gemerkt, dass dieses sogenannte Geld aus Blei und Eisen geschlagen und so gut, wie nichts wert ist. Mit diesem Plunder lasst ihr euch doch nicht kaufen.

Am schlimmsten aber hat es der Dritte getrieben. Er hat versucht, euch mit seinem Gefasel vom Frieden an den Feind zu verkaufen.

Nein, ich will nicht wieder euer König werden. Die Zeit der Könige ist vorbei. Alle Macht dem Volk ist heute die Devise, der auch ich mich gern beuge. Wenn ihr mich wählt, will ich euer Präsident sein.

 Dann aber, so verspreche ich euch, wird in diesem Land nie wieder ein Huhn auf dem Tisch stehen. Wir werden die Hühner aus dem Land ja­gen, und kein ein Huhn soll je unsere Grenzen überschreiten. Wir werden wachsam sein. Immer wenn der Feind versucht, Hühner ins Land zu bringen, werden wir mit aller Macht zurückschlagen. Die Ver­gangenheit hat uns gelehrt, auf der Hut zu sein, und wir vergessen die Lehren der Vergangenheit nicht.

Natürlich müssen wir, um diese hohen Ziele zu verwirklichen, die ge­samte Wirtschaft umstellen. Dies fordert Entbehrungen von euch allen. Doch ich bin sicher, dass ihr gerne Hunger und Mühsal auf euch nehmt, wenn ihr nur keine Hühner mehr essen müsst.

Gelingt aber unsere große Reform, und ich zweifle keine Sekunde daran, dann soll wieder Lachen und Spaß in unserem Lande sein. Die Schatten der Vergangenheit werden vergehen, und glückliche Menschen sich täglich mit frohen Gesichtern in den Häusern um die Tische versammeln. Doch was werden sie essen?

Halt! Dies ist die entscheidende Frage. Ich sehe Ungeduld in euren Gesichtern. Ihr wollt die Antwort wissen! Bevor ich sie euch aber gebe, stelle ich euch eine Frage: Mögt ihr Kuchen?

Als Antwort schallte dem ehemaligen König ein donnerndes „Ja!" entgegen und erhob sich zum Himmel.

Der König ließ dieses „Ja" verhallen, wartete noch einige Momente und sprach dann sehr ein­dringlich, aber so leise, dass die Menschen die Ohren spitzen mussten: „So verspreche ich euch heute und hier und ihr alle seid Zeugen meines Schwurs, dass jeden Tag in jedem Haus ein Kuchen auf dem Tisch stehen soll."

 Der Jubel, der diesen Worten folgte, war unermesslich und dauerte noch lange an. Dann schritt man zur Wahl. Wer wohl die Wahl gewonnen hat?

Der König wurde Präsident und der Prinz sein Kanzler. So kam die Herrschaft des Volkes in die Welt. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben der König, will sagen der Präsident und seine Froni und wahrscheinlich auch der Königssohn noch heute.

Copyright © Horst Neisser

 

 

Vorbemerkung: Im Saarland heißt die Fleischwurst Lyoner und ist dort so etwas wie ein Nationalgericht. In einem Sammelband, genannt das Lyonerbuch, sollten von mir die psychologischen Seiten der Fleischwurst beleuchtet werden. Der folgende Bericht für eine Akademie (Kafka lässt grüßen) ist das Ergebnis.

 

Die Lyoner als solche schlechthin

 

(Ein Bericht für eine Akademie)

 

 

Eure Magnifizenz, Spektabilitäten, hohe Damen und Herren von der Akademie!

 

Sie erweisen mir die Ehre, mich aufzufordern, der Akademie einen Bericht über meine Lyoner-Erfahrungen einzureichen. Dazu muss ich etwas ausholen und leider

Ihre Geduld auf eine, wenn auch, wie ich hoffe, erträgliche Probe stellen,

 

Der Genuss von Fleisch ist ein animalischer Akt. Er führt phylogenetisch beinahe bis zur Entstehung des Lebens zurück, kennzeichnet aber ontogenetisch eine relativ späte Stufe der Entwicklung.

 

Vor Millionen Jahren herrschte nur nackte Barbarei auf der Erde. Eine Amöbe fraß die andere mit Haut und Haaren. (Diese Aussage ist unter biologischen Gesichtspunkten natürlich nur als Sentenz zu verstehen.) Aber wie auch immer, schon der Gedanke daran ist unappetitlich. Relikte dieser abscheulichen Sitte finden sich in der menschlichen Gesellschaft noch bei der Spezies der Gourmets. Jene Menschen, die Schnecken, Muscheln, ja sogar kleine Fische, wie zum Beispiel Sardinen, ohne anatomische Differenzierung und der Ausscheidung der Gedärme und was sich sonst noch alles Ekelerregendes in einem Lebewesen befindet, verzehren.

 

Selbst die Natur missbilligt derartige unästhetische Fressgewohnheiten. Deshalb entwickelte sie bei den höher stehenden Lebewesen ein gesitteteres Vorgehen, nämlich die Teilung der Beute und deren partiellen Verzehr. Der Löwe frisst das geschlagene Tier nicht mehr im Ganzen, sondern reißt einzelne Fleischbrocken heraus. Er trifft dadurch eine Auswahl und erhöht selbstverständlich den Genuss. Nicht das blindwütige Verschlingen, die totale Einverleibung des anderen Lebens dominiert, sondern die dezente, taktvolle Ernährung. (Eine Ausnahme von dieser Höherentwicklung findet sich lediglich bei der Schlange, die deshalb auch zwangsläufig in einem recht schlechten Ansehen steht.)

 

Meine Damen und Herren, wieder einmal stehen wir staunend vor einer höchst sinnreichen Entwicklung der Natur, die so ganz unserem eigenen hoch stehenden Denken und Fühlen entspricht. Doch lassen Sie mich fortfahren.

 

Die Zubereitung der Mahlzeit durch Kochen, Braten, Würzen ist von allen Lebewesen allein dem homo sapiens vorbehalten. Er sucht sich die schmackhaftesten Stücke aus seinen Jagd- oder Haustieren aus, und unterzieht sie einer Sonderbehandlung Dies ist nicht nur augenfälliges Zeichen für die Beherrschung und Sublimierung seines tierischen Erbes, dem Fresstrieb, sondern drückt gleichzeitig seine Reverenz vor dem ihm zur Nahrung dienenden Geschöpf aus.

Die Umwandlung des Fleisches, eine Transmutatio, lässt den Menschen dessen tierische Herkunft, das Blut und den Schmerz, vergessen. Beim Verzehr eines Kalbsschnitzels denkt wohl niemand mehr an die traurigen Augen des jungen Rindes, sondern man lobt den Koch, der diesen göttlichen Bissen cum grano salis erschaffen hat.

 

Oh, bedenken Sie, welch' große kulturelle Entwicklung von der Barbarei der Amöbe bis zum Nierenrollbraten nötig war. Doch mit dem Drehen des Bratspießes gab sich der menschliche Geist nicht zufrieden. Er strebt stets nach Totalität, ruht nicht, bevor nicht das Vollkommene erreicht ist. Deshalb machte sich der homo sapiens daran, die fleischliche Nahrung auch äußerlich umzuformen.

Kurz: Auf den Schinken folgte die Wurst.

 

Gemessen an evolutionären Zeitaltern ist diese Entwicklung sehr jung. Aber sie ist ein überaus augenfälliges Beispiel für die überlegene Beherrschung der Natur. Die Anweisung, "Macht euch die Erde untertan", wurde mit der Wurst ernst genommen und akribisch befolgt. Der Mensch formte das ihm vorgegebene Leben nach seinem Willen. Die Wurst ist deshalb ein zivilisatorischer Akt.

 

Der Inbegriff der Wurst aber ist die Lyoner. Sie ist gleichsam die Wurst an sich. In der Lyoner transzendiert sich die Wurst. Man kann deshalb zu dem legitimen Schluss kommen: Die Existenz der Lyoner ist der augenfällige Ausdruck für die kulturelle Entwicklung des Menschen.

Natürlich gebietet die wissenschaftliche Redlichkeit, dass ich vor Ihnen, erlauchte Damen und Herren, die Sie sich alle auf Ihren Forschungsgebieten als Koryphäen ausgezeichnet haben, den Wahrheitsbeweis für diese These antrete. Dazu muss ich meinen Streifzug durch die Evolution verlassen, und mich der Basis allen Lebens, der Materie selbst, zuwenden.

 

Während die Griechen das Chaos als das absolute Nichts interpretierten, das aus sich selbst Gaia, die Erde, gebar, sahen die Römer im Chaos das Ungeordnete. Alle Elemente sind bereits vorhanden, aber noch nicht zu Strukturen und Funktionseinheiten vereinigt. Dies geschieht erst im Schöpfungsakt. Besser als durch dieses mythologische Bild ist wohl die "Ursuppe, die von den Biologen als Ausgangsbasis für das Leben auf der Erde angenommen wird, nicht zu kennzeichnen.

Wer je eine Fleischwurst-Fabrik besichtigen durfte, der weiß, dass diese Beschreibung auch auf den Urzustand der Lyoner zutrifft. Der Sud aus geschleudertem Knochenbrei, aus Fett, Sehnen und Fleischmatsch, der sich schließlich in zarten, fleischfarbenen Därmen zu der von uns allen geschätzten Wurst materialisiert, ist der Inbegriff des lateinischen Chaos. In dem von mir entwickelten Sinn steht er aber nicht mehr allein für Materie und Leben, sondern reicht weit darüber hinaus. Aus dieser fleischwurstlichen Ursuppe entstehen nämlich nach einer faszinierenden Metamorphose Kommunikation und damit menschliche Gesellschaft. Diese wiederum ist Grundlage für den Geist, ja für den Sinn überhaupt,

 

Ja, wer auch nur einmal in seinem Leben bei einem Vereinsfest mit Bier und Lyoner dabei war, der weiß, wovon ich spreche. Bei diesem gemeinsamen Mahl wird die Wurst in der Hand gehalten, mit Senf verfeinert und schließlich ohne zivilisatorische Hilfsmittel wie Messer und Gabel zum Mund geführt. Dieser Akt hat nicht nur etwas die ganze Menschheitsgeschichte umschließendes Ursprüngliches an sich, sondern auch etwas ungemein menschlich Verbindendes. Das gemeinsame Bemühen, von der im Durchmesser für den Munde zu großen Wurst ein Stück abzubeißen, ohne das künstliche Fell, die Kleidung zu beschmutzen, schafft Nähe, mindert die Distanz, die die heutige komplexe Gesellschaft zwischen ihren Mitgliedern aufgebaut hat. Das vertrauenerweckende, beinahe auf Symbiose zielende "Du" geht leichter von den Lippen, ein echter, unverstellter Gedankenaustausch wird in den Gesprächen nicht nur möglich, sondern geradezu initiiert. Schließlich vereinigen sich dann alle Individuen zu einem großen, übergreifenden Ganzen. Sie haken in einer Art dialektischem Prozess ihre Arme ineinander, bewegen die Oberkörper in gemeinsamem Rhythmus und vereinigen ihre Stimmen zu einem gewaltigen Unisono, das die Gefühle der Beteiligten im Gleichklang bis in die Grundfesten erbeben lässt. Landschaften, Getränke und Flüsse werden besungen und der Wunsch beschworen, dass solch' ein Tag, der dieseUnio-mystica stattfinden ließ, nie vergehen möge.

 

Kolleginnen und Kollegen, wir sehen in diesem Beispiel, welche katalysatorische Wirkung die Lyoner hat. Aus der Verbindung von Archaischem und höchst Artifiziellem entsteht das Utopische. Hier wird der Übermensch sichtbar, der nicht mehr singulär vor sich hin lebt, sondern sich mit Seinesgleichen zu einem höheren Wesen vereinigt. Hier endlich wird mit Hilfe der Lyoner der Gedanke Wirklichkeit, den John Donne so trefflich und bewegend in seinem Sonett ausgedrückt hat:

 

No man is an Iland intire of it selfe;

every man is a piece of the Continent,

a part of the maine.

 

Im Vorherigen wurde gesagt, dass die Lyoner ein artifizielles Produkt ist, das eine sehr späte Stufe der Menschheitsentwicklung kennzeichnet. Dies ist unstreitig schon allein wegen der Tatsache, daß nicht einmal die Art des Tieres, das zu ihrer Erzeugung herangezogen wird, noch erkennbar ist.

Wir alle wissen jedoch, dass das kluge Schwein für die Lyoner in die Pflicht genommen wird. Sein Metabolismus ist dem unseren nicht nur so ähnlich, dass das Schwein in der medizinischen Forschung einen bedeutenden Platz beanspruchen darf, darüber hinaus wirken die Heilmittel, die man ihm vor der Vollendung seines Lebens gibt, über die Vermittlungsinstanzen Kotelette, Eisbein und natürlich Lyoner infektionsabwehrend, beruhigend und damit segensreich auf den Menschen.

Die Fleischwurst schafft also nicht nur enge, ins Metaphysische gehende Beziehungen zwischen den Menschen, sondern ist auch sinnfälliger Ausdruck für die Symbiose zwischen Mensch und Haustier. Und doch verletzt ihr Genuss nicht das tiefe Gefühl der Liebe, das wir für Bruder Tier empfinden, und dem Franz von Assisi zu wortreich Ausdruck verliehen hat. Wir wissen zwar, dass wir Schwein essen, aber die konkrete Vorstellung von der Sau ist gleichzeitig weit von uns entfernt.

Lassen Sie mich damit zum Ende des ersten Teils meiner Ausführungen kommen. Meine ursprüngliche These ist hinreichend belegt, und ich will diesen philosophischen Bereich verlassen, um noch einen kurzen psychoanalytischen Exkurs anzuschließen.

 

Nicht nur C.G. Jung weist auf die Bedeutung von Mythos und Symbol im Leben des Menschen hin. Auch Freud sah in Symbolen, speziell aus dem Bereich der Sexualsphäre, die Vergegenständlichung einzelner Triebkomponenten.

Wenn ich diese Aspekte und archetypischen Konstellationen im folgenden untersuche, muss ich Sie, hoch verehrte Damen, und auch Sie, natürlich nicht minder verehrte Herren, um ihre Toleranz, Nachsicht und wissenschaftliche Distanz bitten. Selbstverständlich werde ich mich auf diesem heiklen Gebiet mit Andeutungen begnügen und Ihr Schamgefühl nur soweit strapazieren, als es für meine wissenschaftlichen Darlegungen unabdingbar ist. Dabei hoffe ich auf Ihr Vorstellungsvermögen, das mir nähere Ausführungen ersparen soll.

 

Die äußere Form der Lyoner ist nicht langweilig gerade, sondern zu einem Oval gebogen, Die Lyoner schließt sich damit andeutungsweise zu dem Vollkommensten, was wir denken können, dem Kreis. Gerade der zum Oval gestreckte Kreis ist tiefenpsychologisch gesehen ein Symbol für die Vulva.

Durch einen raschen Schnitt mit dem scharfen Messer wird diese geschlossene Form jedoch zerstört, wandelt sich der Fleischwurstring in Wurststücke, entwickelt sich aus dem Symbol des Weiblichen das Männliche, der Penis. (Diese Assoziationen verstärken sich, wenn beim Erhitzen der Lyoner-Stücke der Wurstinhalt an den Enden über die Haut hinaus quillt.)

 

Wie bei allem Lebendigen begegnen wir bei der Lyoner demnach zuerst dem Femininum, das aus sich selbst das Maskulinum entstehen lässt. Diese Grundtatsache ist nicht nur ein Wunschdenken der feministischen Bewegung, sondern biologisch nachgewiesen. (Es ist schmerzlich, dies darf ich hier in Parenthese anmerken, dass die Genesis, diese sonst bis ins Detail zutreffende Allegorie, in diesem Punkt leider irrt.)

Doch ohne auf den Prioritätenstreit von Henne und Ei näher einzugehen, die Fleischwurst enthält eine männliche und eine weibliche Komponente. Sie vereinen sich hier auffallend zu einem Ganzen. Wir finden diese Konstellation auch genetisch beim Mann mit all den positiven und negativen Auswirkungen, die sich daraus ergeben.

 

Tiefenpsychologisch bedeutet dies neue Einsichten in die Triebstruktur des Menschen. Seine unbewußten Wünsche und Regungen werden beim Umgang mit dem Lyoner nicht nur angesprochen, sondern auch freigesetzt. Sie lässt die tiefsten und geheimsten Saiten im Menschen erklingen. Ein bedeutender Teil ihrer Beliebtheit ist darauf zurückzuführen. Doch muß ich wahrscheinlich konkreter werden, wenngleich auch jetzt Andeutungen genügen mögen.

Der Genuss der Lyoner löst im Unterbewusstsein, "Ubw", wie es Freud in seinen späteren Schriften abkürzt, Assoziationen aus wie Fellatio aber auch Kastration. Ein scheinbarer Antagonismus, der seine Erklärung im Penisneid der Frau findet.

Dieser Penisneid ist inzwischen von der psychoanalytischen Schule so oft behauptet worden, daß wir ihn als gegebene Tatsache hinnehmen können.

Andererseits wiederum bedeutet die Wandlung des Lyoner-Ringes in Wurststücke, dieser Schnitt, der das Feminine in ein Maskulines wandelt, eine Verstümmlung des Weiblichen, ja sogar seine Auflösung. Er ist ebenso ein hoch aggressiver Akt.

In Kastration übergehende Fellatio beim Beißen und Essen hier, Nihilation des Wesens, Deformation beim Schneiden des Ringes dort. Im Fleischwurstessen kommen die Schatten des homo sapiens, wie sie C.G. Jung definiert, zum Ausdruck. Seine latente Aggression und damit natürlich auch deren Januskopf, der Masochismus, nehmen Gestalt an, brechen sich mit Gewalt Bahn durch die Fesseln von Erziehung und Zivilisation.

Schon Aristoteles führt in seiner Poetik aus, dass das intensive geistige Erlebnis zur Katharsis führt, zur Abreaktion also und damit zur inneren Reinigung des Menschen. Dies wirft die Frage auf, Kolleginnen und Kollegen, was geht in uns allen vor, wenn wir Lyoner essen? Welche tiefen Schichten unseres Wesens brechen hier auf? Was aus unserem Unterbewussten wird mit jedem Bissen Fleischwurst verarbeitet?

 

Auch Sigmund Freud leugnet nicht die niederen Instinkte des Menschen. Gerade er hat dafür gekämpft, dass sie zugelassen und damit kontrolliert werden. Erst wenn wir zu ihnen stehen, wird Thanatos, der Todestrieb, entmachtet. Triebe, die im Menschen ständig verleugnet und verdrängt werden, brechen plötzlich und unkontrollierbar mit ungeheuerer Gewalt hervor. Kriege, Mord und Totschlag, Vergewaltigungen sind dafür sinnfällige Zeichen.

Nicht die Unterdrückung und Leugnung negativer Gefühle ist demnach die Aufgabe, die es zu leisten gilt, sondern deren Sublimierung. So ist die Kompensation von Aggression eine der vorzüglichsten Aufgaben der Kultur. Da, wo dies nicht gelingt, kann nicht von Kultur gesprochen werden.

Wie wir gesehen haben, findet beim Verzehr der Lyoner eine Aggressionsabfuhr statt. Das tiefe Auskosten des Schneidens und Beißens führt zur Katharsis und baut dadurch aggressive Triebe ab. So bestätigt sich wiederum meine eingangs vorgetragene These, dass die Fleischwurst einen wichtigen Platz in der Endstufe der kulturellen Entwicklung der Menschheit einnimmt, ja die Kultur eo ipso repräsentiert.

 

Die Sublimierung der Triebsphäre ist nach Freud die Aufgabe der Kultur. Die Menschheit hat sich bisher aber als unfähig erwiesen, im großen und ganzen mit der Aggression ihrer Individuen ja, ihrer Völker umzugehen. Kriege werden noch immer als unvermeidlich angesehen. Feindbilder gepflegt, Überrüstung als Friedensdienst gefeiert. Das Lyoner-Essen ist da zumindest der Weg zu einem kleinen bisschen Frieden.

 

Lassen Sie mich nun, hoch verehrtes Auditorium, zum Ende kommen. Gar vieles bliebe noch zu berichten. Ich konnte in dem mir vorgegebenen begrenzten Rahmen nur einzelne Schlaglichter auf die Gesamtthematik werfen. Doch je mehr man sich mit der Lyoner auseinandersetzt, desto umfangreicher und unergründlicher präsentiert sie sich. Mit etwas kreativem Problembewusstsein lassen sich aus der Lyoner noch für Jahre Dissertations- wenn nicht gar Habilitationsthemen gewinnen.

Denken Sie, liebe Kollegen, allein an die politischen Aspekte, die es noch auszuloten gilt. Die Lyoner ist schließlich eine demokratische Wurst, so wie die Kartoffel eine demokratische Frucht ist. Ihr Verzehr hat sich erst lange nach der französischen Revolution durchgesetzt. In der Rezeptionsgeschichte der Fleischwurst lässt sich nachweisen, dass sie nie das alleinige Privileg einer Gesellschaftsschicht war. Stets haben sich die unterdrückte arbeitende Klasse, aber auch die herrschenden Schichten an ihr gütlich getan. Wo sonst ist die Forderung nach égalité undfraternité so verwirklicht wie bei der Lyoner? Jeder hat in diesem unserem Staat das Recht, an allen Orten und zu jeder Zeit Lyoner zu essen, wenn er sie bezahlen kann.

 

Aber die Wirkung der Fleischwurst reicht bis in die Keimzelle unseres Staates, die Familie, hinein. Ihr Anwärmen im Wasserbad erfordert zwar Aufmerksamkeit und nicht zu unterschätzende Fähigkeiten, aber es kann auch vom Mann, dem pater familia, wie es seit den Römern bekannt ist, übernommen werden. Damit wiederum ist eine Entlastung im Alltag der geplagten Hausfrau möglich. Sie kann sich nun stärker ihrer Emanzipation widmen.

Doch trotz dieser Fakten kann keine gesellschaftliche Gruppe, auch nicht die Feministinnen die Lyoner für sich okkupieren. Die Fleischwurst bleibt neutral! Sie liefert auch der Gegenseite Argumente. So kann der Chauvi unter den Männern sie heiß machen, und sich dann seiner Kochkünste brüsten.

Last but not least sei noch an die Jugend erinnert, die nicht vergessen werden darf und immer an erster Stelle kommen muss. Sie, die inzwischen so gründlich an amerikanische Fastfood gewöhnt wurde, findet in der Lyoner eine echte deutsche Alternative. Es wäre zu wünschen, dass sich daraus bei ihr eine stärkere Autarkie gegenüber dem american way of life und der Hamburger-Kultur unserer Freunde aus dem Westen entwickelte.

Mit diesen Ausblicken auf künftige Forschungsaufgaben will ich nun schließen. Sie haben mir sehr lange Ihre Aufmerksamkeit für eine schwierige Thematik geschenkt. Dafür danke ich Ihnen. Ziel meines Vortrags war es, Ihnen paradigmatisch aufzuzeigen, wie die Wissenschaft interdisziplinär an einem Sujet Problembewusstsein entwickelt und dabei neue Relevanzen entdeckt und ausschöpft. Letztlich wird auf diesem Weg die Freiheit von Wissenschaft und Forschung und deren hohe staatliche Subvention gerechtfertigt. Unser aller Präferenz für die Lyoner war dafür zwar eine angenehme Basis. Der Primat der Wissenschaft muss aber letztlich den Vorrang haben.

© Horst Neißer

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