Wer regiert die Welt? Ein brisanter Weltverschwörungs-Thriller

 

Eine tödliche Familie

   

Unterwegs in Europa

1

Nach etwa zwei Stunden landete die Beech King in Rom auf dem Flughafen Fiumicino. Schon beim Anflug sahen sie aus den Fenstern das Mittelmeer, und Jeannette erinnerte sich an ihre Ankunft auf der Jacht. Wie viele Tage waren seitdem vergangen? Was hatte sie inzwischen alles erlebt! Auf jeden Fall mehr, als in den übrigen sechsundzwanzig Jahren, die sie bisher auf dieser Welt war. Und die Abenteuer nahmen kein Ende. Sie hatte das Gefühl, als ginge es nun erst richtig los.

Vor dem Flughafen stiegen sie in ein Taxi und fuhren in die Innenstadt von Rom. Fiumicino liegt an der Mittelmeerküste über 30 Kilometer von der Stadt entfernt, und die Fahrt erschien Jeannette endlos. Beinahe eine Stunde quälten sie sich durch verstopfte Straßen und Staus. Niemand schien sich an irgendwelche Verkehrsregeln zu halten. Es war das berühmte römische Chaos.

Ihr Ziel war das Hotel Raphael in der Nähe der Piazza Navona. Als sie aus dem Taxi stiegen, schaute das Mädchen voller Staunen auf die Fassade, die völlig mit Efeu bewachsen war. In der Eingangshalle hingen Bilder von Picasso und Miró. Es war ein gediegenes Hotel, und Jeannette freute sich auf den Aufenthalt.

Maria verständigte sich mit der Frau an der Rezeption auf Italienisch und buchte ein Doppelzimmer. Höflich wurde sie um ihre Kreditkarte gebeten. Doch sie zog ein Bündel Geldscheine aus der Tasche. Die Stimme der Frau an der Rezeption wurde misstrauisch. Ihr Misstrauen wuchs noch, als sie hörte, dass das Gepäck später gebracht würde.

Der Boy, der sie zu ihrem Zimmer brachte, riet ihnen in schlechtem Englisch auf jeden Fall die Dachterrasse zu besuchen. Sie sei über drei Ebenen angelegt und biete einen Panoramablick über Rom und ganz besonders eine atemberaubende Ansicht auf den Vatikan und den Petersdom. Die Frauen bedankten sich, gaben ein gutes Trinkgeld und ließen sich erschöpft auf das breite Doppelbett sinken. Wie im übrigen Hotel, so hing auch hier ein echtes Kunstwerk an der Wand.

„Da sind wir nun“, sagte Maria müde.

„Und was sollen wir hier?“ fragte Jeannette.

„Das werden Sie noch sehen“, war die Antwort. „Ruhen Sie sich aus. Die nächsten Tage werden anstrengend.“

Ohne weitere Umstände zog sich die Mentorin aus. Sie trug unter dem schwarzen Hosenanzug lediglich einen weißen BH und einen Slip in der gleichen Farbe. Durch den dünnen Stoff schimmerte ihr schwarzes Haar. Ganz selbstverständlich schnallte sie sich das Unterschenkelholster mit der Smith and Wesson ab und danach das Holster mit der Magnum, das sie auf der nackten Haut ihres Oberkörpers trug. Dann schlüpfte sie unter die Decke des Doppelbettes und war gleich darauf eingeschlafen.

Jeannette hatte ihr staunend zugesehen und legte sich dann auf die andere Seite des Bettes. Aber sie war aufgeregt und wachte bereits nach einer halben Stunde wieder auf. Sie hatte Hunger. Durch ihr ständiges Hin- und Herwälzen geweckt schlug bald darauf auch Maria die Augen auf und zog sich wortlos wieder an.

Die beiden Frauen gingen in das Restaurant. Dort standen antike Tische und mit Seide bezogene Stühle aus dem 19. Jahrhundert auf einem Marmorboden. Sie aßen Antipasti, Pasta und Fisch.

Nach dem Essen schlug die Mentorin einen Bummel zur nahe gelegenen Spanischen Treppe und zum Trevi-Brunnen vor. Es war heiß, und Jeannette schwitzte auf dem Weg dorthin. Doch Maria schien die Hitze nichts auszumachen. Sie blieb kühl und untadelig in ihrem schwarzen Hosenanzug.

Der riesige Trevi-Brunnen ist wohl der populärste von all den vielen römischen Brunnen und einer der bekanntesten Brunnen überhaupt auf der Welt. Um ihn herum war reges Leben. Jetzt im Hochsommer war die Stadt mit Touristen überfüllt. Junge Paare umarmten und küssten sich vor dem Brunnen. Da wurde fotografiert und posiert. Aber Jeannette dachte an Julian und wurde traurig.

„Sehen Sie das Pärchen, das über die Schulter Münzen in den Brunnen wirft?“ machte Maria sie aufmerksam. „Eine Münze führt zu einer sicheren Rückkehr nach Rom, zwei Münzen, dass man sich in einen Römer verliebt, und drei Münzen, dass man den Geliebten dann auch heiratet. Aber die beiden turteln nur zum Schein.“

„Ach, das sind eben zwei Verliebte“, antwortete Jeannette und dachte an den fernen Freund.

„Ja, zwei Verliebte“, lächelte Maria. „Seltsam ist nur, dass sie uns begleiten, seit wir den Flughafen verlassen haben. Und was halten Sie von dem jungen Mann zwischen den beiden Frauen, die auf der Treppe sitzen und rauchen?“

„Sind die etwa auch…?“ Jeannette war entsetzt.

„Ja, sie haben bereits am Hotel auf uns gewartet. Noch werden wir nur observiert. Aber wenn der Befehl von ganz oben kommt, dann ist unser beider Leben keinen Cent mehr wert. Dann werden diese Leute uns töten. Wir müssen diese Meute so schnell wie möglich loswerden.“

Ein Mann in den Fünfzigern trat auf sie zu: „Do you speak English?“

Als sie nickten, erzählt er eine irre Geschichte, von seinem Freund, der halb verhungert in einer Seitenstraße liege und so kraftlos sei, dass er sich nicht einmal mehr erheben könne. Die Frauen lachten schallend, und er machte keinen weiteren Versuch, sie zu überzeugen. Stattdessen eilte er geschäftig zu den nächsten Touristen und erzählte ihnen die gleiche Story.

„Der nimmt hier pro Tag mehr Geld ein, als er jemals mit vernünftiger Arbeit verdienen könnte“, sagte Maria verächtlich. „Ich frage mich, ob dieser Alt-Hippie echt ist oder auch hinter uns her.“

‚Sie hat einen Verfolgungswahn‘, dachte sich Jeannette.

Als sie zum Hotel zurückschlenderten, erinnerte sich Jeannette, dass sie weder eine Zahnbürste noch Unterwäsche zum Wechseln hatten. Maria nickte ernst, und sie gingen ins nächste Kaufhaus und kauften das Notwendige.

2

Wieder auf ihrem Zimmer duschten die beiden Frauen und legten sich dann in der Unterwäsche zum Schlafen nieder. Jeannette dachte noch lange nach. Doch dann gewann die Natur die Oberhand, und sie schlief ein. Es war ein traumloser Schlaf, aus dem sie durch ein sanftes Rütteln geweckt wurde.

„Wir müssen aufstehen“, flüsterte ihre Begleiterin. „Ich bin bereits durch das Hotel geschlichen und habe einen Weg gefunden, wie wir unbemerkt ins Freie kommen.“

Verschlafen rieb sich das Mädchen die Augen und stand widerwillig auf. Maria war bereits angekleidet und wartete ungeduldig, bis Jeannette fertig war. Ein Blick auf die Uhr zeigte vier Uhr am Morgen.

Leise gingen sie die Treppe hinunter, darauf bedacht den schlafenden Nachtportier nicht zu wecken, und waren bald darauf in einer dunklen, menschenleeren Seitenstraße. Um diese Nachtzeit bot Rom einen ungewohnten Anblick. Die Straßen waren tatsächlich leer. Nur einige späte Nachtschwärmer torkelten ihrer Unterkunft entgegen. In einiger Entfernung sahen sie einen dunklen Wagen.

„Die werden sich wundern“, wisperte Maria und machte sich auf den Weg zum nächsten Taxistand. Sie stiegen ein und schickten den Fahrer zum Flughafen. Auch der Flughafen war menschenleer. Alle Schalter hatten noch geschlossen. Deshalb setzten sich die Frauen auf eine Bank, von der aus sie den Eingang im Auge behalten konnten. Aber niemand war ihnen gefolgt.

Gegen halb sechs Uhr belebte sich die Halle. Geschäftsreisende und Touristen strömten zu den Schaltern, checkten ein und gaben ihre Koffer auf.

„Wohin fliegen wir?“ fragte Jeannette leise.

„Wir fliegen gar nicht“, war die Antwort. „Fliegen wäre viel zu gefährlich.“

Als sie das erstaunte Gesicht der jungen Begleiterin sah, erklärte sie: „Zum Fliegen braucht man gültige Ausweise. Selbst Lufthansa und British Airways machen inzwischen Stichproben. Da wir aber überstürzt das Château verlassen mussten, war keine Zeit geblieben, um uns mit falschen Papieren zu versorgen. Würden wir unter unseren tatsächlichen Namen einchecken, wäre man uns in kürzester Zeit auf den Fersen. Außerdem kann man in ein Flugzeug keine Waffen mitnehmen. Es wäre unter diesen Umständen jedoch Wahnsinn unbewaffnet durch Europa zu reisen. Nein, ich habe mir andere Wege ausgedacht, wie wir die Verfolger zumindest vorübergehend abschütteln können.“

„Und warum sitzen wir dann hier auf dem Flughafen und warten?“

„Wegen der Überwachungskameras. Ich möchte, dass man uns hier sieht. Alle Flughäfen, alle Bahnhöfe und die meisten öffentlichen Plätze werden mit Überwachungskameras kontrolliert. Die Leute, vor denen wir fliehen, haben elektronischen Zugriff auf alle diese Kameras. Und natürlich suchen sie zu allererst auf den Flughäfen nach uns. Wenn sie unsere Reiserouten kennen würden, könnten sie uns in ganz Europa beobachten. Sie haben mächtige Computer, mit denen sie alle Gesichter eines Flughafens oder eines Bahnhofs scannen und mit unseren Bildern abgleichen lassen. So entdecken sie gesuchte Personen in Windeseile. Natürlich könnten sie theoretisch einen derartigen Scann über alle europäischen Kameras laufen lassen. Aber für die Auswertung bräuchten selbst die Supercomputer Jahre. Wir müssen also so reisen, dass sie unsere Route nicht im Voraus ahnen können.“

Nach einer Weile flüsterte Maria ihrem Schützling etwas ins Ohr und ging zur Toilette. Jeannette stellte sich vor einem Touristen-Schalter an, an dem bereits viele Leute warteten. Als eine Gruppe von mehreren Personen abgefertigt worden war, mischte sie sich darunter und ging in ihrem Schutz mit zum Ausgang.

Vor dem Flughafengebäude stieg sie in einen Bus, der zurück nach Rom fuhr. Bald darauf erschien auch Maria und setzte sich in die letzte Reihe. Die beiden Frauen taten so, als würden sie sich nicht kennen. Am Bahnhof Termini stiegen sie aus. Sie ließen sich von einer wogenden Menge von Menschen treiben, die zur Arbeit wollten, und es eilig hatten. Maria drückte Jeannette verstohlen ein Bündel Geldscheine in die Hand und sagte: „Ab jetzt sollte man uns nicht mehr zusammen sehen. Wir fahren mit dem nächsten Bummelzug nach Orte. Ich hoffe, dass man uns auf diesem Weg nicht vermutet. Aber denken Sie daran, die Überwachungskameras sollten keine Großaufnahme von Ihnen schießen. Halten Sie den Kopf gesenkt und blicken Sie nicht nach oben!“

„Was werden Sie tun?“

„Ich fahre natürlich im gleichen Zug und werde ein Auge auf Sie haben. Aber man sucht zwei Frauen, die gemeinsam reisen. So leicht wollen wir es ihnen nicht machen.“

Der Zug von Rom nach Orte war überfüllt und Jeannette bekam keinen Sitzplatz. Sie stand eingequetscht zwischen verschlafenen Männern und Frauen, die einen langen arbeitsreichen Tag vor sich hatten. Sie rochen nach Schweiß, Zahnpasta und Kaffee. Das Mädchen war froh, als sie nach einer halben Stunde in Orte aussteigen konnte.

Sie war nun zum ersten Mal seit Wochen allein und auf sich selbst gestellt. Sie befand sich unter Menschen, sah aber weit und breit keine bewaffneten Männer. Es war ein seltsames Gefühl frei zu sein. Sollte sie nun einfach verschwinden und die Familie Lapisvent und den ganzen Albtraum vergessen? Doch wohin konnte sie schon gehen? Sie war zwar ohne Aufsicht, aber beileibe nicht frei.

3

In Orte trafen sie sich außerhalb des Bahnhofs, in der Hoffnung, dass man in dieser kleinen Stadt bisher auf Kameras verzichtet habe. Jeannette war fröhlich und stolz, dass sie die Verfolger abgeschüttelt hatten. Doch Maria beobachtete skeptisch die Straße in beiden Richtungen auf verdächtige Personen.

„Halten Sie sich dicht an die Häuser und Läden“, sagte sie. „Es gibt schließlich auch noch die Überwachung per Satellit.“

Sie hatten mehrere Stunden Zeit, bist ein Zug nach Venedig fuhr, und nutzten sie, um einzukaufen. Kleider, Reisetaschen, Toilettenartikel, Lektüre. Ganz besonderen Wert legte die Mentorin auf Hüte und Mützen. Sie dachte noch immer an die vielen Überwachungskameras.

Am Nachmittag fuhren sie nach Venezia Mestre. Natürlich saßen sie wieder in getrennten Abteilen. Jeannette hatte sich einen englischen Kriminalroman gekauft, in den sie sich vertiefte. Dabei aß sie gedankenverloren Sandwiches, die sie in Orte auf dem Bahnhof gekauft hatte. Sie war fast fertig mit dem Buch, als der Zug nach fünf Stunden Fahrt in Venedig ankam.

Dort stiegen sie in den Euronight-Express nach München. Jeannette erhielt im Liegewagen die obere Pritsche zugewiesen, während Maria im nächsten Wagen nur einen normalen Sitzplatz hatte. Aber sie würde so und so die ganze Nacht in den Gängen patrouillieren.

Alle Liegen waren belegt und bereits nach kurzer Zeit begann der Mann, der die Liege unter Jeannette hatte, entsetzlich zu schnarchen. So wälzte sich die junge Frau von einer Seite auf die andere, während sie vor sich hin grübelte und sich ihre Lage in den düstersten Farben ausmalte. Sie war endlich ein wenig eingedöst, als der Zug nach sieben Stunden in Salzburg hielt. Erschreckt fuhr sie hoch und sah durch halb geschlossene Augen, wie sich die Tür öffnete und eine Frau zustieg. Sie war jung und trug ein dunkles Kostüm.

Sofort dachte Jeannette, dies sei eine Verfolgerin. Man sei ihnen auf die Spur gekommen. Vielleicht war die Aufgabe dieser Frau, sie im Schlaf zu töten? Nun wurde auch die Abteiltür einen Spalt weit aufgeschoben, und Maria betrachtete die neue Mitreisende misstrauisch. Doch die hatte ihre Jacke ausgezogen und die Bluse ein wenig aufgeknöpft und sich ohne weitere Umstände schlafen gelegt. Dennoch wagte Jeannette nicht mehr zu schlafen, obwohl sie jetzt müde genug und dazu bereit war. Es wurde zwar eine schreckliche Nacht, aber sie verlief ohne irgendwelche Zwischenfälle, bis der Zug endlich am frühen Morgen in München einfuhr.

Nach dem Aufwachen hatten sich alle Fahrgäste zurechtgemacht, waren vor den Toiletten Schlange gestanden, um sich die Zähne zu putzen, und die junge Frau hatte ein Gespräch mit Jeannette gesucht.

Wohin sie fahre, wollte sie wissen. Was Jeannette beruflich mache. Ob sie häufig mit diesem Zug fahre.

Jeannette antwortete einsilbig und wurde immer misstrauischer. Ihre Gegenfragen beantwortete die Fremde nur vage. Als sie gemeinsam in München aus dem Zug stiegen, war Jeannette fest davon überzeugt, dass sie es mit einer Agentin zu tun hatte. Auf dem Bahnsteig sah sie Maria und gab ihr mit den Augen Hinweise auf die Fremde. Die Mentorin nickte unmerklich und heftete sich auf deren Spuren.

Während dessen gönnte sich Jeannette an einem der Imbissstände ein ungesundes Frühstück. Sie aß heißen Leberkäs und trank dazu eine Cola. Wie aus dem Nichts tauchte plötzlich Maria neben ihr auf. Sie hatte eingefallene Wangen und rot geränderte Augen.

„Sie ist in der U-Bahn verschwunden“, flüsterte sie. „Ich konnte nichts Ungewöhnliches feststellen. Aber das hat gar nichts zu sagen. Wir haben es hier mit Profis zu tun, die mit allen Wassern gewaschen sind. Wir werden zur Sicherheit noch einen kleinen Trip durch München machen, bevor wir mit dem Zug weiter fahren.“

„Warum mieten wir kein Auto?“

„Dann könnten wir gleich eine rote Signallampe über unseren Köpfen anzünden. Man kann heute kein Auto mieten, ohne eine Kreditkarte vorzulegen. Wenn ich eine meiner Kreditkarten benutze, haben sie uns in weniger als einer Stunde entdeckt. Übrigens, Sie stammen doch hier aus der Gegend. Das ist doch Ihr Jagdrevier. Wollen Sie nicht die Führung für eine Weile übernehmen?“

Mit diesem Angebot hatte Jeannette nicht gerechnet. Bisher war sie nur als dummes Mädchen behandelt worden, auf das man aufpassen muss. Selbstbewusst führte sie Maria in die U-Bahn, sie fuhren nur eine Station und verließen dort den Waggon, kurz bevor sich die Türen wieder schlossen und der Zug weiter fuhr. Mit ihnen zusammen war niemand mehr in letzter Sekunde ausgestiegen. Zu Fuß gingen sie dann durch die Prielmayerstraße zum Hauptbahnhof zurück.

Ihr nächstes Ziel war Regensburg. Dort hatten sie sogleich Anschluss nach Augsburg. Dieser Zug war ziemlich leer, und Jeannette konnte in den zwei Stunden Fahrzeit ihren Roman zu Ende lesen. In Augsburg stiegen sie in einen ICE ein, der über Stuttgart nach Frankfurt fuhr.

Dort übernahm Maria wieder die Regie. Sie hatte sich bei dem Aufenthalt in Augsburg einen Hotelführer gekauft und in der Zwischenzeit eifrig studiert. Nun nahmen sie ein Taxi und fuhren in einen der Vororte von Frankfurt, nach Dreieich. Dort quartierten sie sich im Gästehaus Kirchbornhof ein, ein einfaches preisgünstiges Haus. Als sie auf ihrem Zimmer waren, rissen sich beide die Kleider vom Leib und knobelten, wer als Erste unter die Dusche durfte. Maria gewann. Später legten sie sich ins Bett und schliefen sofort ein.

Am nächsten Tag ging die Irrfahrt quer durch Europa weiter. Diesmal hatte Maria einen ICE nach Amsterdam ausgesucht. Der Zug war überfüllt, und da sie im Großraumwagen nichts hatten reservieren können, saßen sie in unterschiedlichen, aber überfüllten Abteilen. Das Misstrauen von Jeannette war schon so groß, dass sie alle Mitreisenden taxierte, wer von ihnen wohl ein Agent sein könnte. War es der junge Mann schräg gegenüber, der ständig an seinen Fingern roch? Oder dieser mittelalterliche Typ im blauen Anzug? Es konnte aber auch die füllige Frau sein in ihren weiten Hippiekleidern? Jeannette steigerte sich so in ihre Angst hinein, dass sie glaubte, keine Luft mehr zu bekommen. Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus, wechselte in einen Großraumwagen der Ersten Klasse und zahlte beim Schaffner den Aufpreis.

Irgendwann bekam sie Hunger und ging in den Speisewagen. Dort setzte sich Maria wie zufällig neben ihren Schützling.

„Bis jetzt verlief doch alles glatt“, begann sie strahlend das Gespräch. „Wir beide sind ein gutes Team.“

Eine Frage hatte Jeannette schon seit dem gestrigen Tag bewegt: „Was hätten sie getan, wenn die Frau in München weiterhin verdächtig gewesen wäre?“

„Ich hätte sie umgebracht“, antwortete Maria lakonisch. „Es war vielleicht sogar ein Fehler, sie laufen zu lassen. Ich bin gar nicht sicher, ob sie nicht doch eine Agentin war.“

Jeannette begann, zu zittern. Mit einem Mord hatte sie nicht gerechnet. Und ihre Begleiterin sprach so selbstverständlich darüber wie über das Einkaufen.

„Sie würden tatsächlich jemanden auf Verdacht töten?“

„Wenn es nötig ist! Aber wir Frauen sind mit dem Töten nicht so schnell wie die Männer. Wir nehmen es ernster“, sagte sie beim Aufstehen, bevor sie den Speisewagen verließ.

4

„Wir gehen weiterhin getrennte Wege“, sagte Maria, als sie in Amsterdam wie zufällig auf dem Weg zum Ausgang nebeneinander liefen. „Sie wohnen im Blue Tower. Wir treffen uns wieder morgen früh an der Centraal Station.“

Dann drückte sie Jeannette einen Zettel mit der Hoteladresse in die Hand und verschwand.

Vom Bahnhof aus fuhr Jeannette mit dem Taxi zum Blue Tower Hotel am Rand des Stadtzentrums. Das Blue Tower war erst vor Kurzem eröffnet worden. Es hatte zwar nur drei Sterne, legte aber Wert auf besonderen Service und Gastlichkeit. Das Hotel lag an einem kleinen Marktplatz. Dort sah man alle möglichen Nationalitäten, und Jeannette beschloss, später in einem der kleinen Straßencafés etwas zu trinken und das bunter Treiben zu beobachten. Sie sehnte sich nach Ablenkung von ihren trüben Gedanken.

Zwar war im Hotel kein Zimmer für sie vorbestellt worden, aber das Haus hatte trotz der Ferienzeit noch freie Betten. Das Zimmer selbst war hübsch und freundlich und hatte einen TV-Flachbildschirm. Als sie wieder gehen wollte, um Kaffee auf dem Marktplatz zu trinken, sah sie das Telefon. Zwar warnte sie eine innere Stimme, aber dennoch hob sie den Hörer ab, drückte die Null für ein Amt und wählte die vertraute Nummer in Cambridge.

Eine Stimme sagte: „Hier Lena!“

„Ich bin es Lena“, antwortete Jeannette hastig. „Ich kann nur ganz kurz sprechen. Ich wollte dir nur sagen, dass es mir gut geht. Wenn wir uns wieder treffen, habe ich dir schrecklich viel zu erzählen.“

Die Stimme der Freundin änderte sich sogleich. Sie klang nun lauernd: „Wo bist du?“

„Das spielt jetzt keine Rolle.“

„Oh doch! Erzähl mir von dir. Ich will alles wissen.“

„Dazu ist jetzt keine Zeit. Ich wollte dir nur ein Lebenszeichen geben.“

„Aber deine beste Freundin musst du doch einweihen.“

Es war offensichtlich, dass Lena das Gespräch hinauszuzögern suchte. Nun wusste Jeannette, dass sie einen großen Fehler gemacht hatte. Sie verabschiedete sich rasch und legte auf. Die Lust auf einen Bummel war ihr gründlich vergangen. Maria hatte sich mit dem Verwischen der Spuren solche Mühe gegeben, und sie Närrin rief ohne Not die Freundin an. Dabei musste sie doch wissen, dass diese überwacht wurden. La famille hatte längst die Fühler nach England ausgestreckt. Die Adresse war ihnen schließlich bekannt. Wahrscheinlich war es auch möglich, sie hier in Amsterdam zu orten. Oh, wie dämlich hatte sie sich wieder einmal angestellt. Vielleicht waren die Agenten schon unterwegs zu diesem Hotel?

In aller Eile raffte sie ihre wenigen Habseligkeiten zusammen und verließ das Hotel,, ohne dem Portier Bescheid zu sagen. Auch ein Taxi wagte sie nicht zu nehmen, deshalb rannte sie zur S-Bahn und fuhr ins Zentrum der Stadt. Die meisten Hotels hatten aber keine Zimmer mehr frei. Erst im Bastion Hotel hatte sie Glück. Sie nahm das Delux-Zimmer, weil es eine Badewanne hatte. Dieses Hotel war nicht zu vergleichen mit dem Luxus im Blue Tower, den sie eben freiwillig hinter sich gelassen hatte. Sie ließ sich völlig erschöpft auf das Bett fallen und weinte.

Irgendwann stand sie auf und besah sich im Spiegel. Es war ein trostloser Anblick. Eine heruntergekommene Frau, die schon seit Tagen ihre Wäsche nicht gewechselt hatte. Das Haar war strähnig, um die Augen lagen tiefe Ringe. Sie schnitt sich selbst Grimassen im Spiegel und riss sich dann, einem plötzlichen Energieschub folgend, die Kleider vom Leib. Mit Duschgel wusch sie die Unterwäsche im Handwaschbecken und hängte sie zum Trocknen auf. Dann ließ sie Wasser in die Badewanne ein und streckte sich wohlig aus. Wie genoss sie es, sich ganz zart einzuseifen. Dabei musste sie an Julian denken und legte sich ins Bett. Endlich schlief sie entspannt ein.

5

Am nächsten Morgen stand sie früh auf, frühstückte in einem unpersönlichen Frühstücksraum und beglich dann die Rechnung für die Nacht. Ein Taxi wagte sie wieder nicht zu nehmen, sondern fuhr mit der S-Bahn zum Bahnhof. Auf dem Vorplatz erwartete sie Maria, tat aber so, als würden sie sich nicht kennen. An Marias Gesicht sah Jeanette, dass diese bereits alles wusste. In einer dunklen Ecke hinter dem Bahnhof konnten sie dann miteinander sprechen.

Die Mentorin war empört. „Die Zentrale hat es mir gleich mitgeteilt. Sie sind doch wohl die dämlichste Person, die ich je getroffen habe. Da fahre ich mit Ihnen quer durch Europa, um Sie zu retten und Ihre Spuren zu verwischen, und bei der ersten Gelegenheit machen Sie alles zunichte. Ja glauben Sie denn, diese Zugfahrten haben mir Spaß gemacht? Zum Glück haben Sie noch rechtzeitig das Hotel verlassen. Das Rollkommando war nämlich schon kurz nach Ihrem Anruf in Cambridge dort. Ich dachte schon, ich sehe Sie nie wieder. Ich muss Ihnen sagen, es hätte mir nicht leidgetan!“

„Es ist ja gut! Ich weiß, dass ich blöd war“, versuchte das Mädchen die Vorwürfe abzuwehren.

„Blöd ist gar kein Ausdruck für so viel Dummheit! Ich hatte vor, noch ein paar Tage zu reisen. Wir wären mit jeder Stadt unsichtbarer geworden. Doch diesen Plan haben Sie sabotiert. Wir beenden nun dieses Versteckspiel und fahren jetzt direkt zu unserem Ziel. Dort warten die Bodyguards. Die brauchen wir jetzt dringend, nachdem man unsere Spur entdeckt hat.“

„Es tut mir leid“, stammelte Jeannette. „Wie soll es nun weiter gehen?“

„Während Sie sich große Mühe gegeben haben, um uns zu verraten, war ich in verschiedenen Internetcafés und habe unsere weitere Reise gebucht.“

„Werden wir fliegen oder weiterhin Zug fahren?“

„Sind Sie eigentlich so dumm oder spielen Sie es mir nur vor? Sie müssen doch wissen, dass jetzt der Bahnhof und auch der Flughafen von Amsterdam streng bewacht werden. Dort dürfen wir uns auf keinen Fall sehen lassen. Nein, ich habe in weiser Voraussicht andere Reisemöglichkeiten ausgesucht. Und nun fragen Sie nicht mehr so viel, sondern kommen mit.“

Sie hatten einen Taxistand erreicht, und Maria stieg in den ersten wartenden Wagen.

Im Taxi fragte Jeannette: „Woher wussten Sie eigentlich von meinem dummen Anruf in Cambridge?“

„Ich habe noch immer Kontakt zu dem engsten Kreis um den Doktor. Aber ich weiß nicht, wie lange ich diesem Kontakt noch trauen kann. Man wird unsere Leute bald entfernen. Doch so rasch kann man das Personal der SFL nicht auswechseln. Unsere Leute sind dem Doktor selbst ergebener als la famille.“

Jeannette registrierte erstaunt, dass Maria Doktor Warner nur mit seinem Titel bezeichnete, so als gäbe es nur einen Menschen mit einem Doktortitel auf der Welt.

„Und wie halten Sie Kontakt?“

„Über ein spezielles Mobiltelefon. Es baut eine sichere Leitung auf und verschlüsselt alle Gespräche.“

Das Taxi hielt vor einem kleinen Parkplatz in der Nähe des Jood Museum. Maria lief ohne zu zögern zu einem parkenden Opel Vectra, der sicher schon etliche Jahre auf den Rädern hatte, und stieg ein. Der Wagen hatte ein deutsches Kennzeichen. Erstaunt folgte Jeannette.

Doch das Rätsel löste sich rasch. Maria hatte am vergangenen Tag über eine Mitfahrzentrale eine Fahrt nach Hamburg gebucht. So umgingen sie die öffentlichen Verkehrsmittel und hatten die Chance Amsterdam unbemerkt zu verlassen.

Sie waren bereits eine halbe Stunde gefahren, als sich Maria endlich entspannte.

„Ok“, sagte sie. „Sie haben Mist gebaut. Aber das lässt sich wohl nicht mehr ändern. Ich schlage vor, dass wir uns wieder vertragen.“

„Dann sagen Sie bitte endlich ‚du’ zu mir. Wir sind schließlich Tag und Nacht zusammen. Auch sind Sie nicht mehr das Zimmermädchen, sondern spielen eine völlig neue Rolle in meinem Leben.“

Da lachte die Mentorin und nickte.

Der Fahrer, ein junger Student, redete ununterbrochen. Er wollte den beiden attraktiven Frauen imponieren und fuhr wie der Teufel. Verzweifelt krallte sich Jeanette mit weißen Fingern an der Lehne des Vordersitzes fest. Maria hingegen schlief ruhig und fest.

Derweil erzählte der Fahrer von seiner letzten Urlaubsreise, dass er sich bald einen neueren Wagen kaufen würde, von seinen Ferienjobs und von seiner holländischen Freundin, die er gerade besucht hatte.

Sein Redefluss wurde durch die Polizei gestoppt, die ihn kurz vor der Grenze anhielt und wegen des schnellen Fahrens dreihundert Euro kassierte. Bei diesem Zwischenfall war Maria aufgewacht, und als der Student seine Passagiere um Beteiligung an diesen Unkosten bat, schüttelte sie nur stumm den Kopf.

Nach fünf Stunden Fahrt stiegen die Frauen in Hamburg am Hafen aus. Sie sahen dem Wagen nach, bis er um die Ecke gebogen war, dann rief Maria ein Taxi, das sie zur Universität brachte. Dort fragten sie sich zum Büro des studentischen Schnelldienstes durch und trafen auf eine junge Studentin. Auch dieses Treffen hatte die Mentorin aus einem Internetcafé heraus am Vortag organisiert.

Maria hatte der Studentin in ihrer Email einen Stundenlohn von zehn Euro versprochen. Ihre Bedingung war aber, die Studentin müsse über ein fahrtüchtiges Auto verfügen.

Die Studentin hieß Claudia und hatte ihr Auto in der Clarissenstraße geparkt. Dort angekommen fragte sie: „Also, was soll ich für euch tun?“

„Du sollst uns nach Kopenhagen bringen. Wir zahlen natürlich zusätzlich zu deinem Lohn auch alle Unkosten.“

Claudia schwieg eine Weile, dann sagte sie: „Das geht nicht.“

„Und warum nicht?“ mischte sich Jeannette ein.

„Weil das ungesetzlich wäre. Das Risiko ist mir zu hoch.“

„Wie bitte?“ Jeannette war sprachlos.

„Ganz einfach. Ich habe keinen Personenbeförderungsschein. Mein Auto ist nicht als Mietwagen zugelassen und nicht entsprechend versichert. Ich habe keine Gewerbeanmeldung und würde sicherlich noch gegen eine Menge weiterer Bestimmungen verstoßen.“.

„Aber wir sind bereits mit einem Studenten gefahren, den uns eine Mitfahrzentrale vermittelt hat.“

„Das ist etwas anderes. Da wurden die Formalitäten und rechtlichen Fragen von der kommerziellen Zentrale geregelt. Es tut mir leid, ich kann euch nicht fahren. Schade, ich hätte das Geld dringend gebraucht.“

Maria hatte bisher geschwiegen. Nun fragte sie in perfektem Deutsch: „Was studierst du?“

„Jura im zweiten Semester.“

Daraufhin lächelte die Mentorin: „Ich mache dir einen Vorschlag. Wir engagieren dich nicht als Arbeitskraft und zahlen dir auch keinen Stundenlohn. Stattdessen sind wir deine Freundinnen und unterstützen dich in deiner finanziellen Notlage mit sechshundert Euro. Zum Dank dafür fährst du uns nach Kopenhagen. Hast du noch immer Bedenken.“

Nun lachten alle drei Frauen, und es wurde eine angenehme Fahrt. Maria saß im Font und Jeannette auf dem Beifahrersitz. Claudia fuhr auch auf der Autobahn nicht schneller als 120 Stundenkilometer, war aber sehr sicher und souverän.

Sie waren bereits eine Weile auf der Autobahn, da sagte die Studentin plötzlich: „Wir sind doch unter uns Frauen. Da kann ich auch mal eine Frage stellen: Was ist der Unterschied zwischen einem Mann und einem Autoreifen?“ Und nach einer Pause löste sie selbst das Rätsel auf: „Der Reifen hat Profil.“

Nun erinnerten sich auch die anderen an Frauen-Witze, bei denen Männer keine gute Rolle spielten. Bald dröhnte das Auto von ihrem Gelächter.

Jeannette dachte an Bernard, als sie rief: „Was haben Wolken und Männer gemeinsam? - Wenn sie sich verziehen, kann es noch ein schöner Tag werden.“

Dann war Maria an der Reihe: „Warum brauchen Männer keine Angst vor BSE zu haben? - BSE greift nur das Gehirn an.“

Claudia erwies sich als kämpferische Feministin und die drei Frauen verstanden sich immer besser. Schließlich sangen sie gemeinsam sogar alle Beatles-Lieder, die sie kannten.

Als sie nach fünf Stunden Fahrt in Kopenhagen ankamen, war es bereits dunkel. Sie hielten an irgendeinem Hotel, fragten nach Zimmern und gingen dann gemeinsam zum Abendessen. Dort tranken sie eine Flasche Rotwein und lachten noch immer viel. Sie waren tatsächlich Freundinnen geworden.

In dieser Nacht schlief Jeanette endlich wieder einmal gut und wurde nicht von Albträumen geplagt. Nach einem heiteren Frühstück am nächsten Tag brachte Claudia sie noch zum Flughafen Kastrup. Dann mussten sie schweren Herzens Abschied nehmen.

6

Kastrup ist ein großer Flughafen, der zentrale Knotenpunkt für den gesamten skandinavischen Luftverkehr. Natürlich gibt es dort jede Menge Leihwagenfirmen. Maria hatte sich bei ihren Internetrecherchen auch um einen Leihwagen gekümmert und war bei der Autovermietung Alamo fündig geworden. Dort bekam man einen Wagen nur mit Barzahlung und ohne Kreditkarte.

Die freundliche Angestellte führte sie auf den kleinen Parkplatz hinter dem Gebäude und überreichte ihnen die Schlüssel für einen Opel Corsa. Jeannette zog ein langes Gesicht, als sie den unbequemen Kleinwagen sah, aber Maria war begeistert.

„Dieser Corsa ist die perfekte Tarnung“, erklärte sie später.

7

Sie fuhren gerade über den Store Bælt, als Maria fragte: „Kannst du Autofahren?“

Jeannette nickte.

„Das ist gut, denn wir sollten uns am Steuer abwechseln. Wir werden etwa neun Stunden unterwegs sein. Unser nächstes Ziel ist Odense.“

„Darf ich dich etwas fragen?“

„Nur zu!“ sagte Maria.

„Wer bist du, und wie heißt du wirklich?“

„Warum sollst du mich nicht kennenlernen?“ sagte Maria mehr zu sich selbst und dann zu ihrer Begleiterin, „Ich heiße Maria Jaramago. Ich bin Spanierin! Schon meine Mutter war bei der Familie beschäftigt. Von la famille bekam ich eine umfassende Ausbildung.“

„Was hast du gelernt?“

„Das musst du nicht wissen.“

Jeannette war enttäuscht. „Sollen wir so Vertrauen zueinander aufbauen?“

Maria Jaramago schwieg eine Weile. Man konnte förmlich sehen, wie es in ihrem Kopf arbeitete. Dann sagte sie: „Du hast ja recht. Ich weiß alles über dich und du nichts von mir. Nun gut, dann erzähle ich dir eben meine Geschichte.

Ich bin mit la famille eng verbunden. La famille ist meine wirkliche Familie. Schon meine Eltern waren im Dienst der Lapisvent. Meine Mutter war eine Spanierin und arbeitete als Zimmermädchen auf einer der vielen Jachten. Dort lernte sie meinen Vater kennen. Er war Jurist und Manager in einer Bank der Familie. Der mächtige Banker begann, wie es so oft vorkommt, ein Verhältnis mit seiner Bedienung. Als dann meine Mutter schwanger wurde, ging er natürlich auf Distanz und ließ diese Frau, die Probleme machte, zurück nach Spanien bringen. Da kam ich auch zur Welt und habe deshalb die spanische Nationalität. Aber la famille hat eine gute Seite. So streng sie auch mit Abtrünnigen verfährt, sie lässt die Getreuen niemals hängen, auch wenn es nur ein kleines Zimmermädchen ist. Mutter durfte wieder in ihren Job zurückkehren, und ich wurde in die Obhut von la famille aufgenommen.“

„Was ist jetzt mit deinen Eltern? Hast du Kontakt zu ihnen?“ Jeannette konnte ihre Neugierde kaum zügeln.

„Von meinem Vater habe ich nie wieder etwas gehört. Alles, was ich von ihm weiß, hat mir Mutter erzählt. Es kann natürlich sein, dass er aus dem Hintergrund seine Hand über mich gehalten hat. Ich glaube es aber nicht. Dieses Produkt von ein paar Wochen Ferien auf dem Mittelmeer war ihm doch nur lästig.“

„Und deine Mutter?“

„Das ist eine tragische Geschichte. Sie hat es nicht verwinden können, dass man mich ihr weggenommen hat. Sie wurde immer depressiver, und bald konnte man sie nicht mehr als Zimmermädchen beschäftigen. Eine Bedienung mit rot geweinten Augen ist nicht gut für die Stimmung der Gäste. Sie kam in eine Nervenheilanstalt und hat sich dort irgendwann umgebracht.“

„Das tut mir leid. War es sehr schlimm für dich?“

„Ich hatte doch gar keine Beziehung zu dieser Frau. Hin und wieder haben wir uns gesehen, dann hat sie mir von Vater erzählt. Aber ich musste andere Wege gehen.“

8

Sie hatten inzwischen die Abzweigung nach Norden auf die E45, nach Århus, erreicht und machten an der Raststätte Vejle Halt. Dort tankten sie den Wagen auf und gingen etwas essen. Maria erklärte, sie sei müde und bat Jeannette, ab jetzt das Steuer zu übernehmen. Diese wandte ein, dass man ihr alle Papiere, also auch den Führerschein auf dem Schloss abgenommen habe. Doch ihre Mentorin meinte, es werde schon keine Kontrollen geben.

Sie fuhren weiter, und Jeannette machte das Steuern großen Spaß. Das Fahren in Dänemark erschien ihr völlig stressfrei. Obgleich an vielen Teilen der Autobahn 130 Stundenkilometer erlaubt waren, fuhren die meisten Autofahrer doch nur 110. Alle hatten brav das Licht eingeschaltet und hielten sich streng an die Verkehrsregeln. Schon nach kurzer Zeit vermisste sie deshalb die Adrenalinstöße und wurde schläfrig. Um sich abzulenken, fragte sie ihre Begleiterin: „Und wie war deine Ausbildung?“

Maria war ein wenig eingenickt und öffnete nun schlaftrunken die Augen. Noch müde sagte sie: „Du scheinst dich ja wirklich für mein Leben zu interessieren. La famille schickte mich in ein Internat für die Kinder aus der hohen Führungsebene.“

„Dem InnerCircle?“

„Nein, der steht noch weit darüber. Aber die Familien der Kinder, mit denen man mich zusammen steckte, waren schon etwas ganz Besonderes.“

„Warst du etwa in Salem?“

Da lachte Maria wieder ihr herzliches Lachen: „Ist Salem etwa das einzige Elite-Internat, das du kennst? Nein, ich war nicht in Salem. Salem wäre für diese Ebene von la famille viel zu poplig gewesen. Du weißt doch, la famille hat es gern exklusiv. Eigene Krankenhäuser, eigene Jachten und eigene Flieger und natürlich auch eigene Internate. Ein Kind aus der Führungsschicht der Familie würde man niemals in eine öffentliche Schule schicken. Meine Schule war in Italien, in der Toskana. Sie befand sich in einem alten Grafenschloss, umgeben von einem verwunschenen Park. Die nächste Stadt war weit, sodass wir Eleven nicht auf dumme Gedanken kamen. Der Unterricht wurde in Englisch und Französisch abgehalten. Aber auch Deutsch wurde zwei Stunden in der Woche unterrichtet. Dazu kam Musik, wir mussten alle ein Instrument lernen.“

„Ich spiele Cello“, unterbrach sie Jeannette.

„Oh, das ist schön. Und ich habe Flöte gelernt. Wir müssen unbedingt zusammen musizieren. Das Leben in dem Internat war hart, sehr hart. Obgleich meine Mitschüler aus den besten Familien stammten, wurde uns nichts geschenkt. Wir schliefen in großen Schlafsälen und waren praktisch nie allein. Bei den geringsten Verfehlungen oder bei Versagen gab es sogleich harte Strafen. Wir wurden morgens um 6 Uhr geweckt, dann hieß es kalt duschen und anschließend ins Freie zur Gymnastik. Diese Gymnastik war Sommer wie Winter obligatorisch. Danach gab es Frühstück, und dann begann der Unterricht. Wir hatten garantiert die besten Lehrer, die aufzutreiben waren. Aber ein junges Mädchen sehnt sich eben nach mehr als guten Lehrern. Die anderen durften wenigstens in den Ferien nach Hause zu ihren Familien. Ich hingegen musste mit jeweils einem anderen Lehrer und seiner Familie verreisen. Das war manchmal recht schön und manchmal auch schlimm. Denn für die meisten Lehrer war ich ein lästiges Anhängsel, um das sie sich auch noch in den Ferien kümmern mussten. Ich war damals sehr einsam und oft verzweifelt.“

„Warum sind alle Menschen, die mit la famille zu tun haben, so einsam?“

„So, sind sie das? Wie kommst du denn zu dieser Diagnose?“ Maria lachte wieder, aber diesmal recht bitter. „Mir hat diese Erziehung auf jeden Fall nicht geschadet, sondern sie hat mich stark gemacht. Ich möchte die Zeit im Internat nicht missen.“

„Würdest du auch dein Kind dorthin schicken?“

„Auf jeden Fall habe ich alle späteren Ausbildungen mit Bravour bestanden und rasch Karriere gemacht. So wurde ich in die Führungsspitze der SFL aufgenommen und später sogar die Assistentin vom Doktor.“

„Und Doktor Warner hat dich beauftragt, mich im Schloss zu überwachen?“

Maria nickte.

„Und Doktor Warner hat dich jetzt als meine Mentorin eingesetzt?“

Maria nickte wieder. Plötzlich kam Jeannette ein Gedanke: „Und du hattest ein Verhältnis mit Doktor Warner?“

Maria lächelte versonnen und nickte erneut.

Später fragte Jeannette: „Hast du Kinder?“

„Gott bewahre, nein!“

„Und, möchtest du irgendwann welche haben?“

Maria schwieg eine Weile nachdenklich, dann sagte sie: „Einmal war ich schwanger. Aber ich habe es umgehend wegmachen lassen. Pickel soll man gleich ausdrücken.“

Bei Århus bogen sie nach Nordwesten nach Viborg ab, und Maria übernahm wieder das Steuer. Die beiden Frauen sprachen nicht mehr viel. Jede hing ihren Gedanken nach, aber zwischen ihnen war nun ein tiefes Gefühl der Vertrautheit entstanden. Das hielt auch an, als sie kurz nach Mitternacht endlich in Hanstholm angekommen waren.

Sie mussten eine Weile suchen, bis Maria ein Hotel fand, das trotz der Ferienzeit noch ein Zimmer frei hatte. Der Nachtportier vom Hotel Hanstholm begrüßte die späten Gäste herzlich und führte sie auf ihr Zimmer. Am nächsten Morgen, nachdem sie ausgiebig und lange geschlafen hatten, fragten sie den Kellner, wie denn die Fährverbindungen zu den Färöern wären. Der machte ihnen klar, dass nur einmal in der Woche ein Schiff dorthin fuhr, und zwar am Samstagabend. Jeannette war nicht traurig, noch eine Nacht und einen Tag in diesem gemütlichen Gasthof zu verbringen. Sie sehnte sich nach Ruhe. Aber Maria war unruhig. Sie nahm ihr Handy und machte sich auf einen Spaziergang, wie sie sagte. Aber Jeannette wusste, dass sie mit Doktor Warner telefonieren würde.

Später bummelten sie zum Hafen und kauften dort englische Zeitungen. Außerdem buchte Maria zwei Plätze auf der Fähre für den nächsten Tag. Von ihrem Gespräch mit der Zentrale berichtete sie nichts und Jeannette fragte auch nicht danach.

9

Das Hotel Hanstholm verfügte über einen Innen-Swimmingpool, ein Solarium und eine Sauna. Die beiden Frauen besorgten sich Badeanzüge und ließen sich verwöhnen. Nach all den Strapazen der vergangenen Tage genossen sie den Luxus und die Ruhe.

Am späten Nachmittag begaben sie sich dann noch auf eine Besichtigungstour. Sie standen am Hafen und sahen den ein- und auslaufenden Fischkuttern zu. Maria hatte einen Reiseführer gekauft und las daraus vor, dass Hanstholm der größte Fischereihafen Dänemarks sei. Im Zweiten Weltkrieg war hier ein Herzstück des deutschen Atlantikwalls gewesen. Neugierig wanderten sie zu dem großen Bunkermuseum mit den unterirdischen Wohnquartieren.

Jeannette war sehr schweigsam geworden. Endlich sagte sie: „Wenn ich das alles hier sehe, so verstehe ich, warum man uns Deutsche in Europa noch immer mit Misstrauen begegnet. Selbst für mich, die ich doch noch recht jung bin, ist die Vergangenheit eine Hypothek, an der ich schwer trage.

Bis zum Abendessen sah Jeannette die BBC-Nachrichten auf ihrem Zimmer, während Maria an der Bar einen Drink nahm. Sie wusste nicht, warum sie den Fernsehapparat eingeschaltet hatte. Vielleicht dachte sie, dass inzwischen über die Treibjagd auf ihr Leben sogar in den Nachrichten berichtet würde. Dies war natürlich Unsinn. Statt dessen wurde ausführlich über die Wirtschaftskrise berichtet. Inzwischen waren ganze Staaten bankrott.

Den Abend verbrachten die beiden Frauen mit gutem Essen und gingen früh schlafen. Auch der nächste Tag verlief ruhig, obgleich Maria nach mehreren Telefonaten misstrauisch die Gegend beobachtete und nach Leuten Ausschau hielt, die man ihnen eventuell auf die Fersen geschickt haben könnte.

10

Dann war es endlich so weit. Zwei Stunden, bevor die Fähre nach Tórshavn ablegte, gingen sie an Bord und bezogen ihre Kabine.

Nachdem alle Autos eingeladen waren, und die Fähre abgelegt hatte, gab es gegen 10 Uhr am Abend noch etwas zu essen. Die beiden Frauen suchten sich einen Tisch im Hintergrund und bestellten Fisch und Wein. Sie waren noch bei der Vorspeise, als ein älterer Herr an ihren Tisch trat und sie höflich fragte, ob er sich zu ihnen setzen dürfe. Er sprach Dänisch und wechselte dann ins Englische, als er bemerkte, dass ihn die Damen nicht verstanden.

Er bestellte ein Steak mit Pommes frites und ein Heineken Bier. Bald kam man ganz zwanglos ins Gespräch. Der Mann hieß Rasmus Jorgensen und kam aus Lind, einem dänischen Ort bei der Stadt Herning. Seine Familie machte Urlaub in Kaldbak, einem kleinen Dorf auf den Inseln, bei Verwandten. Sie wollte er für eine Woche besuchen. Länger hatte er sich als Grundstücksmakler nicht freinehmen können.

Bei diesem Wetter werde die Fähre wahrscheinlich achtunddreißig Stunden unterwegs sein, meinte er. Da sei es gut, wenn man angenehme Gesellschaft habe.

Die Frauen tranken noch eine Flasche Wein, und Jorgensen war bei der vierten Flasche Bier. Der Mann war recht unterhaltsam. Sie waren alle gut gelaunt und lachten viel. Es war schon nach Mitternacht als Maria meinte, nun müsse sie unbedingt ins Bett. Jeannette war aufgekratzt und noch gar nicht müde. Sie wollte noch ein wenig das Meer bei Nacht und den Sternhimmel betrachten. Jorgensen bot sich an, sie an Deck zu begleiten. Er kenne sich in Astronomie aus, sagte er, und könne ihr sogar die Sternbilder erklären.

An Deck wehte ein kalter Wind, und Jeannette fröstelte in ihrem Sommerkleid. Dennoch wollte sie noch nicht nach unten in die Kabine. Jorgensen meinte, auf der anderen Seite des Schiffes in Lee, wie er sich fachmännisch ausdrückte, sei es erheblich angenehmer. Er geleitete die junge Fremde aus dem Lichtschein nach hinten zum Heck. Dort war es dunkel, und Jeannette, bei der der Wein zu wirken begann, lehnte sich entspannt an die Reling. Der Mann trat neben sie und erkundigte sich freundlich, ob er denn nun mit seiner Erklärung der Sternbilder beginnen solle.

„Erzählen Sie mir irgendetwas“, sagte sie verträumt. „Endlich fühle ich mich sicher und geborgen. Von mir aus können wir ewig diesen wunderschönen Himmel betrachten.“

Jorgensen lehnte sich neben sie und zeigte ihr den Polarstern und von ihm ausgehend den Großen Wagen. Dabei rückte er immer näher an sie heran. Sie dachte schon, der Mann wolle einen Annäherungsversuch machen, und kicherte.

Da spürte sie plötzlich, wie sich seine Hand um ihren Hals legte. Sie wollte schreien, aber er drückte ihr die Kehle so fest zu, dass sie keinen Ton herausbringen konnte. Sie keuchte, rang nach Luft und schlug um sich. Doch ihre Bewegungen waren kraftlos. Todesangst überfiel sie. Sie versuchte, ihn zu treten, aber ihre Füße stießen ins Leere. Nun drückte er sie mit aller Gewalt nach hinten. Sie spürte schmerzhaft die Reling in ihrem Rücken und verlor den Boden unter den Füßen. Schlagartig wurde ihr klar, der Mann wollte sie über Bord stoßen. Ihre Hand grapschte nach seinem Ohr, hielt es fest und zog daran. Sie musste ihm große Schmerzen verursachen, denn er wurde immer wütender. Die Wut wiederum verlieh ihm Riesenkräfte. In den nächsten Sekunden würde er das Mädchen über Bord geworfen haben.

Da hörte Jeannette eine Stimme: „Jetzt reicht’s!“

Der Griff um ihren Hals lockerte sich und ihre Füße standen wieder auf dem Deck. Der Mann hatte von ihr abgelassen und wandte sich der neuen Gegnerin zu. Es war Maria, die ihre Stöckelschuhe ausgezogen hatte und barfuß auf dem metallenen Boden stand. Sie hatte eine geduckte Kampfhaltung eingenommen und wartete auf den Angriff des Mannes. Der erkannte, dass diese Gegnerin nicht so leicht zu besiegen war, und umkreiste sie vorsichtig. Die Beiden belauerten sich und warteten auf eine Schwäche des Gegners.

Jeannette überblickte die Szene und rief: „Maria ich helfe dir!“

Ohne zu zögern, sprang sie dem Fremden auf den Rücken und erhielt noch im Sprung einen Faustschlag, der sie auf den Boden schmetterte. Zu ihrem Unglück hatte sie mit ihrer Aktion die Mentorin abgelenkt, sodass ihr der Mann einen Tritt in den Bauch verabreichen konnte. Maria klappte stöhnend zusammen. Nun lagen beide Frauen auf dem Boden und der Fremde stieß Maria, so fest er konnte, in die Rippen. Die versuchte, von ihm fort zu kriechen, doch er folgte ihr und trat sie immer wieder. Jeannette war nun wieder bei Bewusstsein und stemmte sich mühsam auf die Knie. Sie schüttelte den Kopf, um klar denken zu können. Dann eilte sie Maria zu Hilfe, warf sich auf den Mann und umklammerte seine Beine so fest, dass er stürzte. Auf diese Chance hatte Maria nur gewartet, sie sprang auf und trat dem Mann mit aller Kraft gegen die Kehle. Es gab ein dumpfes Knirschen. Doch noch immer bewegte sich er sich. Da beugte sich Maria über ihn und stieß ihm mit aller Kraft ihren Ellenbogen in den Hals, bis der Körper schlaff wurde.

Jetzt zischte sie: „Hilf mir! Wir müssen ihn beseitigen.“

Gemeinsam schleiften sie den schweren Mann an die Reling, stemmten ihn mit aller Kraft hoch und warfen ihn über Bord. Dann fielen sich die beiden Frauen in die Arme.

Auf dem Weg zu ihrer Kabine murmelte Maria mehr zu sich selbst: „Die Jagd ist eröffnet!“

Als sie sich auszog, sah Jeannette, dass ihr Körper über und über mit blauen Flecken übersät war. Vorsichtig tastete sie die Mentorin ab.

„Ein Wunder, dass meine Rippen nicht gebrochen sind“, sagte diese. „Der Kerl war ziemlich brutal. Ich habe ihm schon nicht getraut, als er an unseren Tisch gekommen war. Aber ich musste auf eine Gelegenheit warten, um ihn zu überführen und dann zu eliminieren.“

„Wenn du Bescheid gewusst hast, warum bist du mir nicht früher zu Hilfe gekommen?“

„Das bin ich doch! Du hast nur ein paar Sekunden mit ihm gekämpft, aber dir erschien es wie eine Ewigkeit.“

„Jetzt sind sicher noch mehr Leute auf unserer Spur, und wir sind unseres Lebens nicht mehr sicher?“ Jeannette zitterte noch immer und lief in der engen Kabine auf und ab.

„Der Typ war nicht von der SLF. Solange der Doktor auch nur den kleinsten Einfluss hat, wird kein Mitglied der Security Hand an ein Mitglied des InnerCircle legen. Aber der Einfluss des Doktors schwindet, und natürlich ist er dem Oberhaupt von la famille untergeordnet. Ich nehme an, man hat irgendwelche fremden Killer angeheuert und sie von der Zentrale aus mit den nötigen Informationen versorgt. Unser Tischnachbar war meiner Ansicht nach ein gedungener Mörder, der auf eigene Rechnung entsprechende Aufträge übernimmt. Aber die Zentrale musste ihn informiert und beauftragt haben. Das könnte bedeuten, man weiß, wo wir uns aufhalten und unsere ganze Mühe, die Spuren zu verwischen, war umsonst.“

 „Heißt das, mit dem nächsten Anschlag auf mein Leben ist von nun an jede Stunde zu rechnen?“

„Möglich!“ war die kalte Antwort. „Aber es gibt noch eine andere Erklärung, die mir viel wahrscheinlicher erscheint. Die neue Führung hat alle Killer und Kopfgeldjäger in den wichtigsten Häfen Europas mobilisiert. Dieser Typ hat uns durch Zufall entdeckt. Sein Verschwinden wird so rasch niemandem auffallen.“

Auf einmal überfiel Jeannette eine große Übelkeit. Sie musste sich auf der Toilette übergeben. Ihr war klar geworden, in welcher Gefahr sie geschwebt hatte und dass sie soeben einen Menschen getötet hatten. Als sie sich Maria anvertraute, sagte die nur: „Mach dir nichts daraus. Das war nicht mein Erster, und es wird auch nicht mein Letzter bleiben! Und jetzt hilf mir bitte!“

Sie holten Eis aus der Minibar und legten es auf die Hämatome von Maria. Langsam wich das Adrenalin aus Jeannettes Körper. Schließlich überfiel sie eine bleierne Müdigkeit, sodass sie sich schlafen legen musste.

11

Noch in der Nacht änderte sich das Wetter. Starker Wind kam auf, und das Schiff begann, gegen immer höhere Wellen zu kämpfen. Es stampfte und schlingerte. Und nun zeigte sich die Schwachstelle bei der sonst so starken Maria: Sie wurde seekrank. Stöhnend lag sie im Bett und schleppte sich in kurzen Abständen zur Toilette, um sich zu übergeben. Jeannette wunderte sich über sich selbst, denn ihr machte der Seegang nichts aus. Gegen morgen suchte sie sogar hungrig den Speisesaal auf und ließ sich ein opulentes Frühstück schmecken.

Das schlechte Wetter hielt auf der gesamten Überfahrt an und entsprechend schlecht ging es Maria. Als aber die Faröer in Sicht kamen, brach die Wolkendecke auf und die Sonne strahlte golden auf die grünen Inseln. Sie erschienen den Reisenden wie urzeitliche Ungeheuer mit ihren schroffen Klippen. Nirgendwo war ein Baum oder auch nur ein höherer Strauch zu sehen. Alles war so unwirtlich, dass sich Jeannette nicht vorstellen konnte, dass dort Menschen wohnten. Wovon sollte man in dieser Öde leben?

Die Mentorin hatte sich aus dem Bett gewälzt und sich angezogen. Nun stand sie stand neben Jeannette am Heck des Schiffes, dort wo sie in der ersten Nacht um ihr Leben gekämpft hatten. Dieses Erlebnis kam Jeannette nun so unwirklich vor, fast so als hätte sie alles nur geträumt. Sie konnte es sich kaum vorstellen, dass Maria und sie dort einen Mann getötet haben sollten. Sie, Jeannette Grashuber, hatte einen Menschen getötet und nicht die Polizei, den Kapitän oder wen auch immer gerufen, sondern ihn einfach mit ihrer Begleiterin über Bord ins Meer geworfen. Das musste ganz einfach ein Traum gewesen sein.

Dann kam der Hafen von Tórshavn in Sicht. Zuerst sah man die Häuser und die vielen weißen und gelben Schiffe. Es war ein Gewirr von Schiffen und Masten. Im Hintergrund standen rote, gelbe, blaue und weiße Häuser. Das ganze Ort war bunt und fröhlich, so als wollten seine Bewohner einen Kontrast zu der kargen Landschaft und dem Nebel und dem Regen setzen.

Routiniert legte das große Schiff am Kai an. Die Gangways wurden an die Ausgänge geschoben und die Leute strömten vom Schiff. Da war ein Gedränge, so als gäbe es Prämien für die Ersten an Land.

Maria und Jeannette ließen sich bewusst Zeit. Noch vom Schiff aus sah sich die Mentorin nach verdächtigen Gestalten um, aber sie witterte keine Gefahr. Als sie dann an Land die Absperrung verließen, standen da fünf Männer in Jeans und Lederjacken, die auf sie warteten. Es waren die Bodyguards, deren Abfahrt Jeannette in Carcassonne beobachtet hatte. Alle begrüßten sie mit Handschlag und stellten sich vor, aber sie konnte sich die Namen nicht merken. Nur ein Mann stellte sich als Peter Stein vor und sprach Deutsch: „Schön eine Landsmännin zu treffen. Stets zu Ihren Diensten“ und nach einer kurzen Pause fügte er anzüglich hinzu: „Dienste jeder Art“.

12

Maria verwandelte sich nach der Landung in eine souveräne Anführerin, die Befehle erteilte und unbedingten Gehorsam erwartete. Zuerst musste ein Boot gechartert werden, und dann galt es, noch eine Menge Formalitäten zu erledigen. Die Männer hatten das Gepäck aus dem Range Rover ausgeladen und die Koffer am Kai gestapelt. Maria erklärte, dass Jeannette nicht für jedermann sichtbar im Hafen herumstehen sollte. Sie schickte ihren Schützling in den Range Rover und ließ sie von Peter Stein durch Tórshavn spazieren fahren.

„Da könnte ihr euch in eurer Sprache unterhalten, und du gewöhnt dich leichter an die fremde Umgebung“, sagte sie zu Jeannette.

Jeannette betrachtete neugierig die fremde Stadt. Die Hauptstadt Tórshavn war nur eine kleine Siedlung. Es fuhren nur wenige Autos, sodass es reichliche Parkplätze gab und man überall nach Belieben über die Straße gehen konnte. So musste es in Europa in den Fünfziger Jahren ausgesehen haben. Jeannette stellte fest, dass ihr dieses Tórshavn gefiel. Hierher würde sie gern wieder kommen. Sie kurvten um ein stählernes Denkmal mit riesigen Möwen und fuhren dann ein wenig in die Umgebung. Die Landschaft war unwirtlich und gleichzeitig grandios. Schroffe Berge inmitten von Meer, Buchten mit blauem Wasser, Straßen in die Felsen gesprengt. Jeannette war überwältigt.

Ihr Begleiter hatte bisher geschwiegen. Nun sagte er: „Du gefällst mir. Wir können uns hier eine schöne Zeit zusammen machen.“

Jeannette sah den Mann erstaunt an. Er war schlank, hatte kurz geschnittene Haare und kantigen, gebräunten Gesichtszügen. Sein Körper war sehnig und durchtrainiert. Er wusste, dass er bei Frauen gut ankam, und machte daraus keinen Hehl. Aber er war nicht Jeannettes Typ. Seine offen zur Schau gestellte männliche Arroganz ärgerte sie.

Kühl erwiderte sie: „Ich glaube nicht, dass ich auf Ihnen stehe. Eine schöne Zeit hier stelle ich mir anders vor. Und nun fahren Sie mich zurück.“

„Nun sag bloß, du magst mich nicht?“ fragte er selbstsicher lächelnd.

„Nein!“

Plötzlich hatte Stein ganz schmale Lippen, zwischen denen er hervor presste: „Das wirst du dir noch einmal überlegen. Du wirst noch auf den Knien zu mir rutschen und betteln, dass ich mich deiner annehme.“

Am Hafen hielt ihr Maria die Autotür auf und fragte: „Na, hast du wieder Kräfte gesammelt? Du wirst sie brauchen.“

Das Boot, auf das sie nun gebracht und dort sogleich unter Deck geführt wurde, war ein alter Küsten-Trawler. Jeannette konnte nur durch kleine Bullaugen das Ablegemanöver verfolgen. Deshalb legte sie sich bald auf eine der Pritschen und schlief rasch ein. Hin und wieder wachte sie auf, fühlte das Schiff stampfen und schaukeln. Von fern drangen in ihr Bewusstsein die Rufe von Männern. Einmal sah sie schlaftrunken über sich das Gesicht von Maria, die sie kritisch betrachtete. Ein paar Mal stand sie auch auf und setzte sich zu den Männern und der Mentorin an den Tisch. Man schenkte ihr dann heißen Kaffee ein, den sie dankbar schlürfte. Doch sie konnte den Gesprächen nicht folgen und legte sich wieder hin.

Sie wusste nicht ob Stunden oder Tage vergangen waren, als das Boot endlich anlegte, und sie nach oben gebracht wurde. Es war düster. Ein kalter Wind fuhr durch ihre dünnen Kleider und ließ sie erschauern. Als sie von dem schaukelnden Schiff auf den Anlegesteg kletterte, wäre sie beinahe ins Wasser gefallen. Doch starke Hände hielten sie fest.

In der Ferne hörte sie das Rauschen eines großen Wasserfalls, und dann erreichten sie ein Haus, in dem Licht brannte. Hilfreiche Hände geleiteten sie eine Stiege empor in den ersten Stock und in ein Zimmer. Dort war es warm. Maria kam mit einem heißen Grog, in dem mehr Rum als Wasser war. Gedankenverloren trank Jeannette, dann zog sie sich aus und legte sich wieder schlafen.

Malta, Schloss von Sir Ludovic, August – Jeannette Grashuber

1

Es war eine große Reisegesellschaft, die sich zu Sir Ludovic auf den Weg machte. Bernard hatte auf einem ganzen Heer von Bodyguards bestanden. Deshalb wurde auch ein großer Flieger für Jeannette und ihren Tross benötigt. Issam wich wie immer nicht von ihrer Seite, und auch Helen ließ es sich nicht nehmen, mitzukommen. Und dann saß da noch jemand im Flugzeug. Eine Person, die Jeannette nicht erwartet hatte: Maria Jaramago.

Die beiden Frauen gaben sich scheu und verlegen die Hand. Als Erste fing sich Maria wieder: „Wie ich höre, hast du Karriere gemacht?“

Jeannette lachte bitter: „Karriere nennst du das?“

„Nun, du gehörst jetzt zur wirklichen la famille und bist eine der reichsten Frauen dieser Welt. Wenn das keine Karriere ist?“

„Darüber kann man geteilter Meinung sein. Wahrscheinlich wäre ich lieber noch immer eine einfache Studentin in Cambridge.“

„Wir hatten eben schon immer unterschiedliche Vorstellungen von Ehrgeiz.“

„Wie ist es dir ergangen?“ Jeannette wollte das Thema wechseln.

„Ich habe gearbeitet!“

Sie wurden durch Helen unterbrochen. Die hatte sich im Flieger umgesehen und rief enttäuscht: „Weiber, Weiber, Weiber! Wohin man blickt, Weiber! Selbst die Bodyguards, die mit uns fliegen, sind Weiber. Ist das hier der Betriebsausflug eines Lesbenklubs oder die Wallfahrt eines Nonnenklosters? Wo bleiben die Männer? Ich brauche ein wenig Abwechslung!“

„Bin ich kein Mann?“ fragte Issam beleidigt.

„Doch schon, aber du gehörst Jeannette. Ich hoffe auf Malta ändert sich die Zusammensetzung dieser Reisegruppe!“

2

Die Fahrt vom Flughafen bis zu Sir Ludovics Domizil dauerte etwa eine halbe Stunde. Zu Jeannettes Überraschung galt auf Malta Linksverkehr. Die Straßen waren schlecht und trotz der Federung des teuren, gepanzerten Wagens wurde sie kräftig durchgeschüttelt. Die Polizei begleitete den Konvoi mit Blaulicht und machte die Route frei. Natürlich hatten die Sicherheitsleute auch zwei Alternativrouten ausgearbeitet, und die Fahrer kannten für den Notfall den Weg zu den nächsten Krankenhäusern. Über dem Konvoi kreiste ein Hubschrauber.

Das Ziel war Mdina, die stille Stadt. Sie thronte auf der höchsten Erhebung der Insel. In ihren alten, engen Gassen war kein Platz für den Konvoi und so fuhr nur der Wagen mit den Gästen weiter, während die Bodyguards zu Fuß mitliefen. Die Pulizia sperrte solange die Straßen für die vielen Touristen. Endlich öffnete sich in einer hohen Mauer ein Tor, und die Besucher fanden sich in einem prächtigen Innenhof wieder.

Dort warteten bereits Sir Ludovic und seine Frau. Er empfing die Gäste recht freundlich und umarmte alle. Jeannette fragte er herzlich, wie es ihr gehe, und wusste natürlich bereits, dass sie schwanger war und auch von wem. Doch er verlor darüber kein Wort.

Seine Frau zog sogleich alle Augen auf sich. Sie hieß Letícia und war mindestens drei Jahrzehnte jünger als ihr Ehemann. Sie war unverkennbar in Südamerika geboren. Sie trug ein weißes Kleid, das zu den langen schwarzen Haaren und dem dunklen Teint wunderbar kontrastierte. Ihre Figur war atemberaubend.

‚Sie ist der Traum eines jeden Mannes‘, dachte sich Jeannette und kam sich ganz mickerig und bieder vor.

Nachdem sie alle zur Begrüßung ein Glas Champagner getrunken hatten, zeigte der Hausherr stolz seinen Besitz. Das Gebäude stammte aus dem 17. Jahrhundert, der Zeit der Johanniter, war aber aufwendig renoviert und modernisiert worden. Jetzt war es mit Fußbodenheizung, etlichen Bädern und sogar einem kleinen Swimmingpool ausgestattet.

„Dieser Palast verbindet die Erinnerung an die Vergangenheit mit den Annehmlichkeiten der Gegenwart“, verkündete Ludovic stolz.

Die Gruppe schlenderte durch Gänge und prachtvoll ausgestattete Räume und gelangte schließlich über eine Wendeltreppe in die oberen Etagen.

„Hier werde ich wohnen!“ entschied Jeannette.

Der Gastgeber erkundigte sich besorgt: „Meine Liebe, sind die vielen Treppen in Ihrem Zustand nicht zu anstrengend?“

„Aber nein! Hier ist es gar zu romantisch, und ich habe einen wundervollen Blick über die gesamte Insel.“

„Das finde ich auch“, mischte sich Maria ein. „Ich möchte hier auch unterkommen.“

Es war offensichtlich, dass sie den Auftrag hatte, Jeannette zu bewachen – zum Schutz oder zur Kontrolle, das wusste nur sie selbst. Der Anblick Marias erinnerte Jeannette noch immer an deren Vertrauensbruch und ihre Brutalität. Sie wollte mit dieser Frau nichts mehr zu tun haben, und doch konnte sie ihr nicht entgehen.

Die Besichtigung endete schließlich auf einer großen Dachterrasse, von der man weit ins Land blicken konnte und einen wunderbaren Überblick auf den grünen Innenhof mit seinem Springbrunnen hatte. Dort erkannte Jeannette auch ein Beet, auf das die Buchstaben des Sator-Arepo-Quadrats gepflanzt waren. Im Gegensatz zu der Installation im Lapisvent-Schloss hatte man aber hier rote Rosen verwandt.

Jeannette bemerkte, dass der Hausherr sie beobachtete. Sie blickte ihm in die Augen und lächelte verständnisvoll. Ludovic lächelte zurück und nickte. Sie hatten sich verstanden.

Dann wandte sich der Mann an seine anderen Gäste und verkündete: „Hier werden wir die Abende verbringen!“

3

Am folgenden Morgen schlief Jeannette lange. Sie hatte endlich keine Albträume gehabt und wachte erholt und fröhlich auf. Nach einem ausgiebigen Frühstück begab sie sich auf Entdeckungsreise durch diesen Palast und später, ohne es jemandem zu verraten, durch die kleine Stadt, in der jeder Stein Geschichte atmete.

Issam wich nicht von ihrer Seite und mit ihm Pauline Rivault, die Bernard persönlich als Bodyguard für die Mutter seines Sohnes ausgesucht hatte. Pauline war klein und hatte einen dunklen Teint. Sie trug die schwarzen Haare sehr kurz geschnitten und hatte ein offenes, sympathisches Gesicht. Pauline war sehr schweigsam. Man bemerkte ihre Anwesenheit kaum. Issam verstanden sich prächtig mit Pauline. Die beiden waren, wann immer es ging, zusammen. Dies mochte daran liegen, dass Pauline geduldig zuhörte, wenn Issam sprach - und er sprach gern und viel.

Jeannette erinnerte sich an ein seltsames Erlebnis, das sie mit Pauline drei Tage vor ihrer Abreise gehabt hatte. Die junge Frau war zu ihr gekommen mit einer Bibel in der Hand, um ihr unverbrüchliche Treue und Loyalität zu schwören. Issam habe sie dazu aufgefordert, hatte sie gesagt. Jeannette hatte gelacht und gemeint, dies sei nun wirklich nicht nötig. Auch ohne Schwur mochte Jeannette das beinahe gleichaltrige Mädchen und hatte großes Vertrauen zu ihm.

4

Es war Samstag, und für den Abend hatte Sir Ludovic eine kleine Einladung geplant. Am späten Nachmittag saßen sie auf der Dachterrasse unter der großen Marquise, die sie vor der Sonne schützte. Der Tag auf der Mittelmeerinsel war sehr warm. Deshalb hatte Sir Ludovic angeordnet, auch die Kühlgeräte einzuschalten. Seine Frau lag etwas abseits im Bikini in einem bequemen Liegestuhl. Sie wollte noch etwas Sonne tanken, bevor die Gäste kamen, und wusste um die Wirkung ihrer Figur auf jeden Beobachter.

Die Diener servierten kalte Getränke, und Helen erzählte wieder einmal Erlebnisse von ihrem Ausflug in das einfache Leben. Sie konnte so pointiert berichten, dass den Zuhörern alles ungeheuer komisch erschien, und sie aus dem Lachen nicht mehr heraus kamen.

In dieser ausgelassene Stimmung erschienen die ersten Gäste. Es waren Tanaka Hiroshi mit seiner Freundin Damayanti, die in Attard, dem Villenviertel, zusammen mit anderen Prominenten und Diplomaten wohnten. Tanaka kam aus Japan und hatte, bevor man ihn in den Ruhestand schickte, einen Weltkonzern geleitet. Doch irgendwann brachen die Umsätze ein, und der alte Mann musste gehen. Enttäuscht und wütend verließ er sein Land und kaufte sich auf der anderen Seite der Erde ein exklusives Domizil. Dort lebte er nun mit seiner indischen Freundin, die seine Tochter hätte sein können. Damayanti war schüchtern und hielt allen zur Begrüßung ihre schlaffe Hand hin, ohne den Händedruck zu erwidern. Auch Tanaka Hiroshi, obgleich sehr selbstbewusst, war schweigsam und hielt sich gern im Hintergrund, aber er beobachtete genau.

Nun erhob sich auch Letícia, streifte einen Bademantel über und verschwand, um sich anzukleiden. Als sie wieder erschien, trug sie ein kurzes weiß-blaues Kleid von Dior und exquisiten Schmuck von Cartier. Und wieder zog sie alle Augen auf sich und genoss es sichtlich.

Auch das nächste Paar, das eintraf, kam aus dem asiatischen Raum. Es waren Jeong Tamaki und Jeong Minia aus Südkorea. Er leitete eine neue erbaute Fabrik in einem kleinen Ort in der Slowakei. Es sollte die größte ihrer Art in Europa sein. Aber das Leben in der Provinz gefiel seiner Frau nicht. Deshalb hatten sie ein Haus auf Malta gemietet, ebenfalls in Attard. Jeong Minia kam am Wochenende aus dem Norden mit seinem Privatjet.

Höflich sagte Jeannette: „Herr und Frau Tamaki, ich freue mich, Sie beide kennenzulernen“, und wunderte sich über das Gelächter, das sie hervorrief.

Helen klärte sie dann auf, dass in den meisten asiatischen Sprachen der Familienname vorangestellt wird, und die Vornamen folgen. Sie hatte die beiden ganz formell mit Vornamen angesprochen.

Jeong Minia war eine kleine, aber äußerst attraktive Frau Mitte vierzig. Sie trug ein schlichtes schwarzes Kostüm mit einer Perlenkette, dazu Perlenohrringe und einen Perlenring. Ihr Mann mochte im gleichen Alter sein und ebenso groß wie sie. Die beiden sahen aus wie Geschwister.

Tamaki war schlecht gelaunt und trank das Begrüßungsglas Champagner auf einen Zug leer. Er war am Flughafen von Sicherheitskräften über eine halbe Stunde lang festgehalten worden.

„Ich muss mich entschuldigen“, sagte Sir Ludovic. „Ich glaube, die Ursache dafür ist unser Besuch.“

Er deutete auf Jeannette. „Der Vater ihres Kindes möchte, dass ihr auf keinen Fall etwas zustößt. Deshalb hat er zu meinen eigenen Sicherheitskräften und der Pulizia von Malta noch ein ganzes Heer weiterer Bodyguards abgestellt. Überall lauern Scharfschützen und laufen Patrouillen mit scharfen Hunden. Der Flughafen und der Schiffshafen werden genau überwachen und jeder Ankommende kontrolliert. Auf dem Flughafen stehen zwei bewaffnete Helikopter ständig bereit, bei Gefahr einzugreifen, und um die Insel kreuzt seit Tagen ein bewaffnetes Schiff. So wie jetzt wurde die Insel wahrscheinlich nur im Mittelalter und auch da nur in Kriegszeiten bewacht.“

„Das ist doch Irrsinn“, stellte nun Tanaka Hiroshi fest. „Ist bei Ihnen der Präsident der USA zu Besuch? Was sagen die maltesischen Behörden dazu?“

„Nichts!“ antwortete der ehemalige Generalmanager von la famille und lächelte. „Auch sie brauchen ab und zu Geld.“

„Und warum dies alles?“ fragte Jeong Minia.

Ludovic lachte: „Der Mann, der die Aufträge erteilt hat, ist eben ein Paranoiker.“

Nun mischte sich Frau Ludovic ein. „So darfst du nicht über Bernard reden, Johnny“, sagte sie vorwurfsvoll. „Du solltest ihn lieber hierher einladen. Ich möchte ihn auch einmal kennenlernen.“

Jeannette hörte zum ersten Mal diesen Vornamen und fand, dass dieser Name überhaupt nicht zu Sir Ludovic passte.

Sie wurden unterbrochen durch die Ankunft des letzten Gastes. Sergio Lorca Hernandez inszenierte einen großen Auftritt. Der Spanier betrat zwar die Terrasse, wartete aber schweigend, bis der Diener ihn angekündigt hatte. Dann hob er beide Arme in die Luft und rief: „Seid gegrüßt!“

Er küsste allen Frauen die Hand und umarmte die Männer. Alles wirkte galant und lässig. Nur der Handkuss von Letícia dauerte einen Augenblick zu lang. Doch niemand schien es zu bemerken.

Hernandez war schon Mitte fünfzig und wohnte im Badeort St. Georgs’s Bay. Die Hausherrin bemühte sich auch sogleich um den neuen Gast und brachte ihm persönlich einen Drink. Er sei schon seit drei Jahren geschieden teilte sie allen mit. Er habe jedoch nicht vor, sich wieder zu verheiraten.

„Warum auch“, lachte der Spanier. „Mir geht es ausgezeichnet. Ich habe zwei Ehen hinter mir und bin von diesem Irrtum kuriert. Ich meine, es reicht, wenn ich zwei Frauen ein angenehmes Leben finanziere.“

Inzwischen war die Dämmerung hereingebrochen, und die Diener entzündeten auf der gesamten Terrasse Fackeln. Dann wurde das Büfett eröffnet. Es gab Köstlichkeiten der Region und aus dem Meer. Zwei Köche bereiteten auf Wunsch warme Speisen.

„Ich werde euch nicht mit maltesischen Speisen traktieren“, lachte der Hausherr. „Beim Essen ist der Einfluss der ehemaligen britischen Kolonialherren leider noch nicht überwunden. Es gibt internationale Küche.“

Alle sprachen den Leckereien zu, nur Letícia hielt sich zurück. Sie nippte lediglich an ihrem Weinglas. Es war offensichtlich, dass sie Angst um ihre Figur hatte und dafür auf das Essen verzichtete. Jeannette tippte auf Anorexie.

Nun, nachdem die Sonne untergegangen war, wurde die Luft kühl, und Ludovic ließ auf der ganzen Terrasse Heizstrahler anzünden.

„Haben Sie kein schlechtes Gewissen bei so viel Energieverschwendung?“ fragte Jeong Tamaki. „In Europa sollen diese Dinger nun verboten werden. Ihr CO2-Ausstoß sei zu hoch.“

„Ja, er denkt nie an die Umwelt“, bekräftigte nun auch Letícia den Vorwurf. „Am Tag lässt er Kühlmaschinen laufen und Heizstrahler, wenn es dunkel wird. Wir können doch auch Pullover tragen.“

‚Dann würdest du aber nicht mehr so sexy aussehen‘, dachte Jeannette. ‚Ich glaube nicht, dass du bei so einer Einladung einen Pullover tragen würdest. Du bist eine Heuchlerin.‘

Jeong Tamaki, der tagtäglich mit Umweltauflagen kämpfen musste, stellte fest: „Die Europäer haben ein neues Steckenpferd entdeckt, den Umweltaktivismus. Dabei ist dieser CO2-Unsinn längst widerlegt.“

„Wollen Sie etwa die Erderwärmung und den Klimawandel leugnen?“ Jeannette war empört.

„Wir erleben in der Tat gerade eine Veränderung des Klimas. Aber wahrscheinlich wird es kälter statt wärmer werden. Und CO2 spielt dabei so gut wie keine Rolle. Nur lässt sich mit dieser unsinnigen Kohlendioxid-Hypothese eine Menge Geld verdienen und politisch so gut wie jeder Irrsinn durchsetzen. Wir erlebe es doch täglich. Die Leute stellen sich in ihre Küchen vier Mülltonnen zum Mülltrennen. Gleichzeitig sind aber die sauberen und teuren Müllverbrennungsöfen mit ihren vielen Filtern nicht mehr ausgelastet, sodass die Müllgebühren für alle Bürger steigen.“

Seine Frau bekräftigte mit ihrer hohen Stimme die Argumente ihres Mannes: „Die Menschen in Europa machen sich selbst ihr Leben ungemütlich, um Peanuts an Energie einzusparen. In Europa werden per Gesetz die Häuser so sehr isoliert, dass die Wände nicht mehr atmen können und Schimmel ansetzen, nur um bei der Heizung zu sparen. Inzwischen ist den Erderwärmungsverfechtern mehrfach Betrug nachgewiesen worden, doch das kümmert scheinbar niemanden.“

„Sie hat recht“, bekräftigte Ludovic. „Diese ganze Energiesparerei wäre auch dann absurd, wenn das Kohlendioxid tatsächlich diese schädliche Wirkung hätte, die man ihm andichtet. Wenn man zum Beispiel bedenkt, dass jährlich bis zu 170 Milliarden Kubikmeter Erdgas auf den Ölplattformen weltweit abgefackelt oder abgelassen werden. Würde man das Gas in den USA verkaufen, hätte es einen Marktwert von rund 40 Milliarden Dollar. Das entspricht übrigens fast der Hälfte der gegenwärtigen CO2-Emission in Deutschland. Oder denkt an die Vulkane der Erde. Sie geben ungeheuer viel von diesem Gas an die Atmosphäre ab. Allein der Vesuv speit täglich 300 Tonnen Treibhausgas in die Luft. Da fallen meine Heizstrahler nun wirklich nicht ins Gewicht. In China brennen seit vielen Jahren riesige Flächen mit Braunkohle. Ihr könnt euch denken, wie das die Luft verpestet. Aber hier in Europa rechnen ein paar Schlaumeier den CO2-Ausstoß von Marathonläufern und Kühen auf der Weide nach.“

„Das mag schon sein“, Jeannette gab sich noch nicht geschlagen. „Diese Beispiele sind schlimm genug. Doch sie können nicht bedeuten, dass nicht jeder Einzelne etwas zur Verbesserung der Lage beitragen muss. Jede Verminderung von Kohlendioxidemission, und sei sie auch noch so gering, ist wertvoll.“

Ludovic lachte schallend. „Sie argumentieren wie ein Sepsis-Kranker, dessen Blut schon ganz vergiftet ist, und der im Fieber glüht. Er drückt sich einen Pickel aus, um so ein wenig Gift aus dem Körper auszuleiten und damit etwas für seine Gesundheit zu tun.“

 „Es gab in der ganzen Erdgeschichte Kälte- und Wärmeperioden“, unterbrach Tamaki die Lästerei. „Es gab Zeiten, da wucherte am heutigen Südpol ein Urwald. Grönland heißt deshalb Grünland weil dort früher blühende Landwirtschaft betrieben wurde,  und damals gab es, weiß Gott, noch kein von Menschen erzeugtes CO2. Ich finde es lächerlich, wenn Menschen, um die Umwelt zu schützen, in ihren Wohnungen die guten alten bewährten Glühbirnen gegen Energiesparlampen austauschen, die ein hässliches, kaltes und ungesundes Licht erzeugen und mit ihrem Quecksilber nun tatsächlich die Umwelt vergiften.“

„Das sind doch nur Entschuldigungen“, wandte Jeannette ein. „Man ignoriert den Klimawandel und die Schuld, die wir Menschen daran haben, um weiter das große Geld verdienen zu können.“

„Ich kann das nicht mehr hören", sagte der Japaner scharf. „An der Klimaschutz-Hysterie wird tatsächlich gut verdient. Aber ich frage mich, warum muss man den Menschen ständig ein schlechtes Gewissen einimpfen. Bis ins 20. Jahrhundert hinein hatte die christliche Kirche diese Funktion übernommen. Sie faselte ständig von einer absurden Erbsünde und zwang die Leute zu blödsinnigen Bußübungen. Heute tyrannisiert man die Menschheit mit Klimawandel und CO2-Ausstoß und verlangt als Bußübungen Mülltrennung und Sparlampen. Warum kann man die Menschen nicht in Ruhe lassen? Das Leben ist doch schon schwer genug! Aber nein, diejenigen Leute, die Verantwortungsgefühl entwickelt haben, sollen nun auch noch unter permanenten Schuldgefühlen leiten. Die wirklich Schuldigen aber haben kein schlechtes Gewissen. Wer hat schon jemals den Militärs verboten, mit ihren vierstrahligen Kerosinfressern sinnlos den Himmel zu verpesten? Wer hat jemals den Ölfirmen verboten, das kostbare Erdgas abzufackeln? Aber nein, statt dessen sollen die Leute, die mit Sprit sparenden Verkehrsmaschinen in den verdienten Urlaub fliegen, mit vor Scham roten Gesichtern auf ihren viel zu engen Plätzen in der Economy sitzen.“

„Dann haben Sie also keinerlei Verantwortungsgefühl für diese Erde unser aller Heimat?" Jeannette war wütend über so viel Ignoranz.

„Sind Sie jetzt nicht ein wenig pathetisch?" war die Antwort. „Natürlich ist Umweltschutz wichtig, aber dann doch bitte der wirklich nötige. Von diesem Umweltschutz, den unser Planet dringend braucht, wird aber mit CO2-Hysterie und ähnlichem Unsinn erfolgreich abgelenkt. Und ich glaube auch, es geht gar nicht um erfolgreichen Umweltschutz, sondern um ein Druckmittel auf die Psyche der Menschen."

„Der Druck bleibt eben durch all die Jahrhunderte der gleiche, nur die Mittel ändern sich", lachte Helen. „Wir leben eben immer noch im Mittelalter. Es werden Dogmen ausgegeben und nach einer Weile glaubt sie nicht nur jeder, nein, man wagt es gar nicht, etwas anderes zu denken. Einer dieser Klimaforscher soll sogar gefordert haben, dass der Staat die Leugnung der Erderwärmung unter Strafe stellt.“

5

Jeannette war über diese Diskussion so empört, dass sie ihr Glas mit dem Orangensaft nahm und von der Terrasse über die Außentreppe nach unten in den Innenhof kletterte. Sie wollte diesem zynischen Gerede nicht länger zuhören. Keiner der Anwesenden würde von der Klimaveränderung betroffen sein. Aber anderswo würden, so konnte man es schließlich jeden Tag in der Zeitung lesen, ganze Länder im Meer versinken und vielen Völkern die Lebensgrundlagen entzogen werden.

Unten sah sie zwei Gestalten zwischen den Oleanderbüschen. Zuerst dachte sie an Bodyguards, die hier Wache schoben. Doch dann hörte sie ein Stöhnen und schlich neugierig näher. Da erkannte sie im Mondlicht Letícia mit Sergio Hernandez in einer leidenschaftlichen Umarmung. Die beiden hatten sich bei der angeregten Diskussion unauffällig entfernt. Letícias Rock war geschürzt, und der Spanier hatte seine Hand zwischen ihren Beinen.

Entsetzt wandte sie sich um und ging zur Treppe zurück. Dort traf sie auf Sir Ludovic, der ihr gefolgt war. Er legte den Arm um sie und half ihr die Treppen empor.

„Sagen Sie den Leuten dort oben nichts“, bat er. „Letícia ist noch so jung und braucht Abwechslung, die ich ihr nicht bieten kann und auch nicht mehr bieten will.“

„Sind Sie denn gar nicht eifersüchtig?“ flüsterte sie.

„Ich glaube, diese Phase habe ich längst überwunden. Ich betrachte Letícia wie ein Schmuckstück. Wenn man es vorzeigt, macht es Eindruck. Aber warum sollte sich nicht auch jemand anderes an diesem Schmuckstück hin und wieder erfreuen?“

Zurück in der Abendgesellschaft und versorgt mit einem neuen Glas Saft, hörte Jeannette dem Südkoreaner zu. Jeong Tamaki war in der Zwischenzeit gesprächig geworden und klagte über die Weltwirtschaftskrise. Die Leute hielten ihr Geld zusammen und kauften weniger ein. Davon waren besonders die Elektronikartikel betroffen, die Jeongs Firma hergestellte. Der Umsatz sei in den letzten Wochen um vierzig Prozent eingebrochen, berichtete er. Vorbei seien die Zeiten, in denen in asiatischen Betrieben ein Treueverhältnis zwischen dem Management und den Angestellten geherrscht habe. Heute werde nach dem amerikanischen Prinzip gehandelt, nachdem nur das Ergebnis des nächsten Quartals zähle. Sogar seine Stelle sei bedroht, wenn es ihm nicht gelänge, den Umsatz in Europa umgehend wieder anzukurbeln.

Seiner Frau Minia war dieses Geständnis peinlich. Ihr Mann war schon so sehr europäisiert, dass er nicht mehr auf den Gesichtsverlust achtete. Immer wieder versuchte sie, ihn zum Schweigen zu bringen. Doch Tamaki hatte bereits etliche Gläser Whisky getrunken und wollte seine Sorgen loswerden. Während er so redete, trank er munter weiter und irgendwann schlief er zur Beruhigung seiner Frau ganz einfach ein. Er lehnte sich auf seinem Sessel nach hinten, schloss die Augen und begann zu schnarchen. Zwei Diener legten noch fürsorglich eine Decke über ihn, dann wandte sich die Aufmerksamkeit der Gesellschaft anderen Themen zu.

Jeannette war müde und gelangweilt. Deshalb ging sie nun still und ohne sich zu verabschieden ins Bett.

6

Am nächsten Morgen erwachte sie ausgeschlafen und war schon früh auf den Beinen. Sie wunderte sich, dass man im Innern des Palastes von den Heerscharen von Touristen, die durch Mdina streiften, nichts bemerkte. Mitten im Trubel lebte man im Haus von Sir Ludovic wie auf einer einsamen Insel.

Beim Frühstück traf sie einen einsamen Mann. Sie traute ihren Augen nicht, als sie ihn erkannte. Es war Doktor Warner, der ehemalige Sicherheitschef von la famille. Er war in der Nacht mit einem Hubschrauber von Italien gekommen.

Auch er hatte Jeannette gesehen und erhob sich sogleich, um sie höflich zu begrüßen. Nachdem die Frau von den Dienern versorgt worden war, begann der Doktor das Gespräch: „Sie haben eine aufregende Zeit hinter sich. Ich habe aus der Ferne die Turbulenzen mitbekommen.“

Doch Jeannette hatte kein Interesse an einer unverbindlichen Konversation. Sie kam direkt zur Sache: „Wem habe ich meine Rettung zu verdanken? Ihnen oder Bernard?“

„Nun, Bernard gab den Auftrag, sie zu schützen. Das ist richtig. Ihrem Freund Julian hingegen habe ich geholfen. Ich stand schließlich bei Ihnen im Wort.“

„Und warum sind Sie jetzt hier? Auch im Auftrag von Bernard?“

„Nein! Ich bin nicht sein Lakai, auch wenn er selbst es gern so hätte. Deshalb wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie ihm nichts von meinem Erscheinen berichten würden. Doch ich kann Sie zu nichts zwingen. Schließlich sind Sie inzwischen mit dem Familienoberhaupt liiert.“

„Machen Sie sich darüber keine Gedanken. Ich trage zwar das Kind von Baron de Lapisvent, aber ich bin mit ihm nicht liiert. Wir beide haben ein Geschäft abgeschlossen. Ich bin mehr so eine Art Gebärmaschine, die man eingekauft hat.“

„Wenn Sie es so sehen…“, der Doktor lächelte.

„Also noch einmal, warum sind Sie hier?“

„Sir Ludovic und ich wollen mit Ihnen reden.“

Kaum war der Name gefallen, da tauchte der Hausherr auch schon auf. Er begrüßte den neuen Gast sehr herzlich.

„Wie ich sehe, habt ihr euch schon getroffen und begrüßt.“

„Ja, und Mademoiselle weiß bereits, weshalb ich gekommen bin.“

„Dann sollten wir keine Zeit verlieren.“

7

Sie gingen gemeinsam in den Arbeitsraum von Ludovic im ersten Stock und Jeannette, deren Augen inzwischen für derartige Details geschult waren, bemerkt, dass er abhörsicher war. Zwar war er hell und hatte sogar Fenster zum Innenhof hin, aber die waren elektronisch geschützt.

Nachdem sie in den bequemen Sesseln Platz genommen hatten, ließ der Hausherr einen Diener kommen, der sie mit Getränken versorgte. Hinter dem Butler verschloss er sorgfältig die Tür und drehte den Schlüssel zweimal im Schloss. Aus einem Humidor holte er nun eine kleine Kiste mit Zigarren. Jeannette vermutete, dass sie besonders exquisite waren, und beobachtete fasziniert das Ritual, mit dem die beiden Männer die Kostbarkeiten entzündeten. Aber schließlich wurde sie ungeduldig und fragte: „Also, worum geht es?“

„Die Ereignisse in der Welt machen uns Sorgen“, begann Ludovic. „Erinnern Sie sich an jenen denkwürdigen Tag, an dem sie in den InnerCircle aufgenommen worden sind? Damals haben Sie mir gestanden, dass Bernard sie über gewisse Pläne informiert hat.“

Jeannette blickte von einem der Männer zum anderen. Beiden zogen ruhig an ihren Zigarren und bliesen graue Rauchwolken in die Luft. Ludovic nippte trotz der frühen Tageszeit an einem goldenen Cognac in einem riesigen Schwenker. Sie konnte sich noch immer nicht vorstellen, was die alten Männer von ihr wollten. 

Nach einer Pause fuhr Ludovic fort: „Vielleicht erinnern Sie sich auch noch an das Codewort unter der die globale Operation läuft?“

„World Balance.“

„Nun besteht die große Gefahr, dass das Ganze aus dem Ruder läuft. Anfangs sollte nur ein wenig gezündelt werden. Aber wie wir inzwischen erkennen können, gerät das Feuer mehr und mehr außer Kontrolle. Schon die Folgen der inszenierten Wirtschafts- und Währungskrise fressen sich als Flächenbrand um den Erdball. Das Ganze hat sich zu einer Krise des Kapitalismus entwickelt. Damit wird auch la famille radikal infrage gestellt.

Doktor Warner fuhr fort: „Der grundlegende Fehler besteht darin, dass Richard und Bernard die gesamte Führungsequipe von la famille ausgetauscht haben. Man darf in heiklen Situationen das erfahrene Personal nicht auswechseln. Das ist ein ehernes Gesetz. Es sieht danach aus, als werde die Welt im Augenblick politische neu gestaltet. Wie dies ausgehen wird, ist nicht absehbar. In all den Jahren ist es uns gelungen, behutsam das Vermögen und den politischen Einfluss der Lapisvent zu mehren. Dies alles ist nun alles gefährdet. Die Lage wird immer unkalkulierbarer. Das System fliegt auseinander.

Doch jede Übertreibung schafft sich auch ihre Antithese. Die Geister, die gerufen worden sind, wird auch Bernard nicht mehr los. Um die Lawine zu stoppen, will er seinen alten Plan wieder aufgreifen, der bereits in den Vorbereitungs­gremien des InnerCircle abgelehnt worden war. Kurz, Bernard will einen bewaffneten Konflikt.“

Da war es wieder dieses Wort, das Jeannette zusammenzucken ließ.

„Reicht ihm denn die weltweite Wirtschaftskrise nicht?“ fragte die Frau.

Es entstand eine lange Pause, und alle hingen ihren Gedanken nach. Jeannette hatte auf einmal großen Durst. Gierig griff sie nach dem Glas Eiswasser, das der Diener für sie bereitgestellt hatte. Am liebsten hätte sie ein kaltes Bier getrunken, wagte den Wunsch aber nicht zu äußern. Doktor Warner erhob sich und schenkte ihr aus der Karaffe nach.

Ludovic lehnte sich zurück und drückte seine Zigarre im Aschenbecher aus. Im Raum waberten nun die Rauchschwaden von zwei Zigarren. Er war wie ein Nebel, der die Sprecher verbarg. Jeannette hätte zu gern gelüftet, aber sie wusste, dass sich diese Fenster nicht öffnen ließen. Doch dieses Zimmer musste eine Klimaanlage haben. Sie wandte sich an den Hausherrn. Der erhob sich, drückte auf einen verborgenen Knopf und setzte sich wieder.

Plötzlich hielt sie diese höfliche distanzierte Atmosphäre nicht mehr aus. Blanke Wut überkam sie. Sie sprang auf und schrie: „Reichen Hunger und Elend in dieser Welt noch immer nicht? La famille ist doch schon so unermesslich reich, dass es über das menschliche Vorstellungsvermögen hinaus geht? Ist diese Gier denn niemals zu stillen? Und jetzt soll zu all dem Unglück auch noch ein Krieg hinzukommen? Reichen die Kriege im Irak und in Afghanistan noch immer nicht? Sind Korea und Vietnam schon vergessen? Ist das Gemetzel in Libyen oder in Syrien bereits vergessen? Gibt es nicht in Afrika schon genügend Bürgerkriege? Soll das Pulverfass aus Israel, Palästina und dem Iran auch noch zur Explosion gebracht werden?“

„Genau deshalb haben wir Sie zu diesem Gespräch gebeten. Auch wir beide sind der Überzeugung, dass ein bewaffneter Konflikt, der sich vielleicht zu einem die Erde umspannenden Krieg ausweiten könnte, derzeit mehr als verhängnisvoll wäre. Er muss unbedingt verhindert werden. Und auch das weitere lawinenartige Anwachsen der Wirtschaftskrise ist für alle verhängnisvoll und muss gebremst werden. Kurz, wir müssen schnellstens wieder Ordnung schaffen und zur Normalität zurückkehren.“ Auch Sir Ludovic war nun sehr erregt.

„Aber Bernard will den Konflikt“, fiel ihm Warner ins Wort. „Seine riskante Planung macht ihm ganz einfach Spaß. Er hat eine perverse Freude am Leiden ganzer Völker. Auch glaubt er, dass la famille als der große Sieger aus all dem hervorgehen wird. Das ist eine größenwahnsinnige Illusion. Das Risiko ist viel zu groß. Doch er ist nicht zu bremsen. Wer ihm widerspricht, wird abgesetzt und aus seiner Nähe verbannt. So ist es uns ergangen. Um ihn herum gibt es nur noch Jasager. Besonders Phil Rody und Gunter Jorgson, die neuen Generalmanager, bestärken ihn in seinen Plänen und treiben schon jetzt die Vorbereitungen voran.“

„Man nennt das Ingroup-Thinking“, erklärte Ludovic. „Die Mitglieder einer Gruppe kapseln sich ab, nehmen die Realität nicht mehr wahr und bestätigen sich nur noch gegenseitig in der Richtigkeit ihrer Meinung. Das Gefährliche daran ist, dass bei Entscheidungen das Für und Wider nicht mehr gegeneinander abgewogen wird, sondern alle die Irrsinnsideen von Bernard beklatscht.“

Wieder breitete sich Schweigen aus, bis Sir Ludovic nachdenklich sagte: „Da fällt mir eine Geschichte ein. Sie führt vielleicht ein wenig von unserem Thema ab, aber sie erläutert das Denken des derzeitigen Oberhaupts von la famille. Darf ich sie erzählen? Wir haben doch Zeit, und es ist eine gute Geschichte.“

Seine beiden Gäste nickten.

Ludovic trank den letzten Tropfen aus dem Cognacschwenker, dann begann er: „Ich weiß nicht, wo ich diese Geschichte gelesen habe, und kann mich auch nur noch an grobe Details erinnern, aber sie hat mich einiges gelehrt.

8

Es muss wohl zu Zeiten des Absolutismus gewesen sein, irgendwo in Europa. Zwei Fürsten, Herzöge, vielleicht auch Prinzen, also irgendwelche Herrscher, lagen miteinander im Krieg. Dieser Krieg hatte schon viele Opfer unter ihren Untertanen gefordert, aber bisher hatte keiner der beiden einen wirklichen Sieg errungen. Nun stand die Entscheidungsschlacht bevor. Die beiden Heere hatten Stellung bezogen. Am nächsten Morgen sollte der Kampf beginnen. Im Morgengrauen, nachdem die Herrscher gefrühstückt hatten, erklommen sie ihren jeweiligen Feldherrnhügel und ließen sich auf den eilig herbeigetragenen Sesseln nieder. Die beiden Hügel lagen so nah beieinander, dass man sich sehen und sich zuwinken konnte. Und so hielt man es auch. Die Herrscher begrüßten sich artig mit höflichen Handbewegungen, so wie es sich für Leute von hohem Stand gebührte. Nun konnte die Schlacht beginnen.

Doch bevor er noch das Zeichen zum Angriff gab, hatte einer der beiden Herrscher eine Idee. Er schickte einen Boten zum feindlichen Hügel und ließ eine Einladung überbringen. Es sei doch erheblich unterhaltsamer, wenn man die Schlacht gemeinsam verfolgen und kommentieren würde. Er schlug auch noch eine Wette vor. Für jede besiegte Schwadron und für jedes tote Fähnlein, oder wie auch immer man damals die Truppenteile nannten, sollte der der Verlierer dem Sieger jeweils 50 Dukaten zahlen.

Der Gegner war einverstanden. Die Schlacht wurde auf den nächsten Morgen vertagt. Man traf sich, setzte sich gemütlich nebeneinander auf bequeme Sessel, stieß mit gutem Wein an und gab das Zeichen zum Angriff. Die Hauptleute beider Heere trieben ihre Männer mit dem Ruf „Für das Vaterland“ in die Schlacht und das Gemetzel begann. Verbissen stürzten sich die Soldaten aufeinander und brachten sich auf alle erdenkliche Arten um. Die wenigen Deserteure wurden von den Hauptleuten eigenhändig mit dem Säbel niedergestochen. Aber die meisten kämpften ehrenhaft bis zu ihrem Untergang. Schließlich ging es um die Verteidigung des Vaterlands und natürlich nicht zuletzt um die Ehre.

Hinter den beiden Herrschern standen ihre Schatzmeister mit gut gefüllten Truhen voller Dukaten. Immer wenn ein Heerhaufen aufgerieben war, stießen die Herrscher an und gaben nach hinten ein Zeichen, wie viel Geld aus der einen Schatulle in die andere fließen sollte. Beide Herrscher waren gut gelaunt und hatten viel Spaß! Sie beschlossen, in Zukunft alle ihre Kriege gemeinsam zu führen.“

9

Jeannette war der Geschichte fassungslos gefolgt. Schließlich sagte sie stockend: „Und warum erzählen Sie uns das?“

„Nun ja, ich wollte mit diesem Beispiel klar machen, was von den Begriffen ‚Verteidigung des Vaterlands’ oder ‚Kampf für die gute Sache‘ zu halten ist. Gäbe es keinen Angreifer, so müsste auch nichts verteidigt werden, wobei Angreifer und Verteidiger meist nicht leicht auseinanderzuhalten sind. Man kann nur eines mit Sicherheit behaupten, an jedem Krieg hat irgendjemand seinen Spaß! Und damit sind wir wieder bei Bernard, und wie er denkt.“

Nun schwiegen die drei Menschen und hingen ihren Gedanken nach. Endlich brach die Frau das Schweigen: „Was will eigentlich Bernard? Was sind seine Ziele? Was sind die Ziele von la famille?“

„Zu dieser Familie gehören nun auch Sie, meine Liebe“, korrigierte sie Warner. „Man kann die Lapisvent mit den Fuggern oder den Thurn und Taxis vergleichen. Das waren einflussreiche Familien, die keine direkten Ziele hatten, außer der Vermehrung ihres Geldes und ihrer Macht über Königreiche. Macht und Geld als einziger Daseinszweck!“

„Und was ist mit Moral? Spielt die gar keine Rolle?“

„Über Moral lässt sich trefflich streiten. Ohne das Thema Moral hätten Legionen von Philosophen keine Bücher schreiben können. Seltsam, über Moral weiß jeder Bescheid, und jeder hält seine eigene Position für die einzig richtige. ‚Wer meine Moral nicht akzeptiert, der ist mein Feind und muss diffamiert oder gar eliminiert werden.‘ Wenn es um Moral geht, kennen die Menschen keine Selbstkritik und keine Zweifel. Moral wird für etwas Absolutes gehalten, und jeder glaubt, er habe seine Moral schon in der Wiege erhalten. Und noch etwas glauben alle Menschen: Wenn sich die ganze Welt ihren jeweiligen Moralvorstellungen anpassen würde, dann wäre sie endlich in Ordnung, und Friede und Glück würden sich ausbreiten. Und für Frieden und Glück in der Welt lohnen sich doch alle erdenklichen Opfer.“

„Also ist Moral etwas Relatives und die Vermehrung des Eigentums die natürliche Aufgabe des Menschen?“

„Ach, seien Sie doch nicht so bitter, meine Liebe. Niemand kann sagen, was die natürliche Aufgabe des Menschen ist. Ebenso wenig, wie man Moral allgemein verbindlich definieren kann. Beides ist von Mensch zu Mensch verschieden. Aber die Mehrung des Besitzes ist nichts Verwerfliches. Da müssen Sie mir doch recht geben?“ Sir Ludovic gab dieses Credo sehr ernst ab.

„Es kommt immer darauf an, mit welchen Mitteln diese Ziele verfolgt werden.“ Jeannettes Stimme klang böse.

„Jemanden umzubringen, um an seine Geldbörse zu gelangen, ist sicher nicht der richtige Weg, um den eigenen Besitz zu vergrößern. Da stimme ich Ihnen zu.“

„Wo ist der Unterschied zwischen einem Straßenräuber und zum Beispiel diesen Investoren, die man gemeinhin Heuschrecken nennt? Der eine vernichtet direkt die physische Existenz seines Opfers, die anderen plündern Firmen aus und vernichten über kurz oder lang auch die physische Existenz der dort Beschäftigten. Unter gierigen Finanzleuten leiden mehr Opfer, als unter Straßenräubern.“

„Oh, sie meinen die Hedgefonds. Aber das müssen Sie doch nicht so ernst nehmen. Die wollen doch nur spielen.“ Ludovic lächelte warm. „Manchmal habe sogar ich ein wenig mitgespielt. Aber das alles ist doch nicht der Rede wert. Der Unterschied zwischen einem Straßenräuber und einem Finanzspekulanten ist doch ganz offensichtlich: Der eine hält sich an herrschende Gesetze und agiert in ihrem Rahmen und der andere eben nicht.“

Jeannette begriff, dass es sich hier um eine andere Welt handelte, eine Welt, die sie nie verstehen würde. Die Hochfinanz dachte und fühlte anders. Sir Ludovic konnte sich nicht vorstellen, was es hieß, entlassen zu werden. Was es für eine Familie bedeutet, wenn die Bank das Häuschen versteigert.

„Handelt la famille vielleicht sogar mit Rauschgift? Damit ist doch das meiste Geld zu verdienen?“ Jeannette ließ nun jede Höflichkeit fallen.

Dies empörte den Doktor: „Aber meine Liebe, wo denken Sie hin? La famille würde nie etwas Illegales tun. Weder ich noch Sir Ludovic hätten so etwas unterstützt. Wir verachten den Handel mit Rauschgift genauso wie Sie. Deshalb werden kriminelle Rauschgiftbarone von uns bekämpft. Nicht zuletzt haben wir den Amerikanern geraten, Afghanistan zu überfallen, um den dortigen Rauschgiftanbau einzudämmen. Dass es dann ganz anders gekommen ist, und dort heute mehr Rauschgift produziert wird denn je, konnten wir nicht vorhersehen.“

„Ich glaube schon“, murmelte Jeannette. Laut sagte sie: „Sie haben mir nun Ihre Sorgen dargelegt. Ich weiß aber nicht, wie ich Ihnen helfen könnte. Was ist ihr Ziel? Was soll diese kleine konspirative Versammlung? Was erwarten Sie von mir?“

„Im Augenblick nur, dass Sie über das, was wir hier gesprochen haben, nachdenken.“

Sir Ludovic erhob sich.

10

Für diesen Tag war ein Ausflug geplant. Auch die Gäste des Vorabends kamen mit. Nur Letícia blieb zu Hause. Sie hatte Migräne.

Die Besichtigung der Dingli Klippen stand auf dem Programm. An diesen Klippen im Westen der Insel fällt das Land mehr als zweihundert Meter ab ins Meer. Die Gegend ist fast menschenleer und von rauer Schönheit. Den Namen verdanken die Dingli Cliffs einem englischen Ritter mit Namen Sir Thomas Dingli, der sich im 16. Jahrhundert in der Gegend niedergelassen hatte. Einen Besuch in den mit Touristen überfüllten Städten und zu den historischen Denkmälern wagte man aus Sicherheitsgründen nicht.

Oben an den Klippen führt eine Straße entlang, von der aus man nur das weite Meer sieht und die Rundung des Erdballs erkennen kann. Auf mittlerer Höhe, etwa 50 Meter tiefer, befindet sich in den Klippen ein breiter grüner Absatz. Hier wurden früher Gärten und einige Felder gepflegt, doch davon sind nur noch einige verfallene Geräteschuppen übrig.

Unbeschwert schlenderte die Gesellschaft über die schmale Straße und wich ab und zu einem der vorsintflutlichen Busse aus, die die gesamte Insel für billige Fahrpreise verbinden. Dennoch wurden die Sicherheitsmaßnahmen, die Bernard angeordnet hatte, streng eingehalten. Das bedeutete, dass lange vor dem Ausflug das gesamte Gelände nach Bomben und anderen Gefahren abgesucht worden war. Stunden vor der Ankunft der kleinen Gesellschaft waren bereits überall Scharfschützen postiert worden.

Jeannette genoss den Blick auf das Meer. Es war ein klarer, warmer Tag und, als sie eine Gaststätte sah, bestand sie zum Entsetzen der Bodyguards darauf, im „Bobbys Land“ einzukehren. Es war eine schlichte Gaststätte mit einer überdachten Terrasse und einem geräumigen Innenlokal. So ließ man die Terrasse räumen und schob die Tische unter dem massiven Dach zusammen. Dort war es kühl und schattig. Die wenigen Touristen wurden an der Ausflugsgesellschaft vorbei geführt. Issam und Pauline Rivault blieben stur neben ihrem Schützling stehen und betrachteten ununterbrochen misstrauisch die ganz Umgebung durch ihre dunklen Brillen. Natürlich erregte diese auffällige Gruppe mit den vielen Bodyguards die Aufmerksamkeit der anderen Gäste. Zum Teil scheu, zum Teil mit unverfrorener Neugierde wurde sie gemustert. Jeannette war es dabei unbehagliche zumute. Es war ihr noch immer unangenehm im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Schließlich tauchte auch noch ein Reporter auf und machte sich daran, die Gesellschaft zu fotografieren. Das hätte er besser nicht getan! Sir Ludovic gab seinen Leuten einen Wink und plötzlich sah sich der Klatschreporter von vier Hünen in schwarzen Anzügen umringt, die ihn weg von Bobby’s Land geleiteten und dort, wer weiß was, mit ihm anstellten. Auf jeden Fall erschienen in keiner Zeitung und in keinem Journal Bilder von dem gemütliche Mittagessen.

Die Gesellschaft, sonst mit Luxus verwöhnt, saß auf alten Stühlen und aß Rabbit, denn Ludovic hatte erklärt, der maltesische Hase sei die Spezialität der Gegend. Schließlich sei er zusammen mit den Vögeln das einzige noch lebende Wildtier auf der Insel. Alle warteten mit Spannung auf den berühmten Hasen. Doch wie groß war die Enttäuschung über das in Tomatensoße gekochte Fleisch. Ludovic lachte und meinte, in den meisten Restaurants würde das Fleisch in Tomatensoße gekocht, selbst die Steaks. Das sei eben die englische Vergangenheit!

Beim Essen erzählte der Gastgeber von der langen und aufregenden Geschichte der Insel. An ihren Befestigungen sei einstmals die türkische Invasion gescheitert und Europa somit gerettet worden. Er berichtete von den Johannitern, die sich auf die Insel zurückgezogen hatten, nachdem das Heilige Land an die Muslime verloren worden war. Hier in dieser zentralen Lage im Mittelmeer wandelten sich der fromme Ritter des Ordens zu Piraten, die das Meer mit ihren Kaperfahrten unsicher machten und Schutzgelder eintrieben. Von dem so erworbenen Reichtum zeugen noch heute die prachtvollen Kirchen. Besonders St. John’s Co-Cathedral sei seiner Meinung nach ein Symbol der Macht und des Stolzes und nicht der Demut vor Gott. Es gehe in dieser Kathedrale nicht um die Ehre Gottes, sondern um den Ruhm seiner Stifter und Erbauer.

Auf einmal senkte er die Stimme und raunte: „Wie ihr wisst, gibt es den Johanniter Ritterorden noch immer, und er ist noch immer sehr mächtig. Die Co-Cathedral ist sein geheimer Mittelpunkt. Dort sind gewaltige Geheimnisse verborgen, an denen täglich Tausende von Touristen vorüberlaufen, ohne dass sie davon auch nur etwas ahnen.“

Nach dem Dessert und dem Kaffee brach die Gesellschaft wieder auf, um noch die berühmten Karrenspuren, die Claphham Junction, aus der Bronzezeit zu besichtigen. Diese Spuren sind wie die Schienen einer Eisenbahn paarweise in den harten Kalkstein geritzten und etwa 50 cm tief. Sie verlaufen zueinander parallel in einem Abstand von 110 cm bis 140 cm. Zuweilen kreuzen und verzweigen sie sich oder bilden "Weichen", was den Eindruck von Bahngleisen noch verstärkt.

Wie viele kluge Leute vor ihnen versuchten auch die Gäste von Sir Ludovic, Herkunft und Sinn dieser „Schienen“ zu erraten. Selbst Erich von Daeniken habe schon darüber gerätselt, wie Ludovic lachend erklärten, und natürlich auf das Werk von Außerirdischen geschlossen.

„Seit ein paar Monaten bin ich nur noch von Geheimnissen umgeben“, sagte Jeannette ernst zu Issam Yatim.

11

Am nächsten Tag stand eine kleine Kapelle am Klippenrand auf dem Programm. Leider war sie abgeschlossen, aber die Aussicht, die sich dort bot, war fulminant. Sie saßen auf den Steinbänken, und Warner sagte anerkennend zu Ludovic: „Sie haben sich ein schönes Stück Land als Ruhesitz für das Alter ausgesucht.“

„Ja, es gefällt mir hier. Es ist für diese Jahreszeit der richtige Aufenthaltsort, noch warm, aber nicht zu heiß. In meinem Alter steckt man Hitze und Kälte nicht mehr so einfach weg.“

Dann berichtete Sir Ludovic von seinem Hobby. Er sammelte Anwesen, Landgüter, Schlösser oder Burgen. Sogar einige Inseln gehörten ihm. Meistens ließ er die Immobilien durch Strohmänner kaufen. Es sollte nicht bekannt werden, wie große sein Grundbesitz rund um den Erdball war. Zum einen fürchtete er nämlich die Sensationspresse, aber auch Erpressungen.

„Wenn Sie ein großes Anwesen sehen, das stark abgeschirmt ist“, erklärte er, „dann könnte es mir gehören. Oft wissen die Angestellten gar nicht, wer ich bin und halten mich für einen Gast. Das ist gut so! Meistens überlasse ich den ehemaligen Besitzern weiterhin die Verfügung über das Haus oder das Anwesen. Es genügt mir, dass ich weiß, mir gehört diese schöne Burg, und sie ist für mich im Grundbuch eingetragen.“

Als er die erstaunten Gesichter sah, lachte er ein wenig verlegen: „Irgendetwas muss der Mensch doch sammeln. Die einen sammeln Bierdeckeln, und ich sammle eben Anwesen.“

12

Sie waren schon über eine Woche auf Malta, und Jeannette fühlte sich mit jedem Tag wohler. Der Doktor und Sir Ludovic hatten keine Anstalten gemacht, das begonnene Gespräch fortzusetzen. Alle Sorgen und Probleme waren so weit weg.

Da luden Sir Ludovic und der Doktor sie zu einem kleinen Ausflug ein, diesmal nur in Begleitung der Bodyguards. Sie fuhren wieder zu den Steilklippen im Westen, wie immer umgeben von einem Pulk von Sicherheitskräften. Unter dem Protest von Issam und Pauline ließen sie die Schutzmannschaft oben auf der Straße zurück und wanderten allein nach unten zu dem breiten grünen Sims. Die Bodyguards nahmen weit oben Aufstellung und beobachteten von dort aus ihre Schützlinge.

Die beiden Männer und die Frau setzten sich auf eine alte zerfallene Steinbank und sahen hinaus aufs Meer. Es war ein schöner, sonniger Tag. In der Nacht fielen die Temperaturen zwar schon auf achtzehn Grad, aber an sonnigen Tag war es noch immer über 30 Grad warm.

Nachdem sie eine Weile geschwiegen und die Aussicht genossen hatten, fragte Doktor Warner: „Haben Sie über unser Gespräch nachgedacht?“

„Da gab es nicht viel zu denken“, antwortete die Frau. „Die Aussichten, die Sie eröffnet haben, sind trostlos und mir wurde bewusst, dass man dagegen nichts unternehmen kann.“

Sie rutschte nervös hin und her. Das Gespräch war ihr unangenehm. Schweigen breitete sich wieder aus. Was wollten diese Männer von ihr? Jeannette bekam eine Gänsehaut.

Endlich sagte Warner: „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie resignieren. So fatalistisch hätte ich Sie nicht eingeschätzt. Sie sind doch eine Kämpfernatur!“

„Heißt das, Sie erwarten von mir nichts Geringeres, als dass ich die Welt rette?“

„Ja“, antwortete Ludovic ruhig.

„Und wie bitte sollte ich das bewerkstelligen?“ rief Jeannette hysterisch.

„Sie müssen Bernard töten.“ Sir Ludovic stellte dies in aller Ruhe fest.

Die Frau lachte über diesen misslungenen Scherz: „Wäre dies nicht eine allzu radikale Lösung?“

Aber beide Männer blieben ernst. „Das sollte kein Scherz sein. Es ist tatsächlich der einzige Ausweg.“

„Ich bin keine Mörderin. Für einen Mord müssen Sie sich jemand anderen aussuchen.“

„Dann sind Sie schuld am Leiden und sogar am Tod von einer unüberschaubar großen Zahl von Menschen.“

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, fügte Ludovic hinzu.

„Aber Mord ist nichts Gutes. Er ist keine Lösung!“

„Und warum nicht?“ fragte Warner scharf. „Ich will Ihnen eine Situation schildern und Sie fragen, wie Sie sich entscheiden würden.“

„Ich habe erst einmal genug von Geschichten. Ich will in Ruhe gelassen werden. Ich will ein gesundes Kind zur Welt bringen. Mehr nicht! Lassen Sie uns endlich von etwas anderem sprechen!“

„Gern können wir über diese wunderschöne Insel reden und über die Vögel und all die lieben Kaninchen. Wir können uns sogar Herbstgedichte vorlesen. Ich habe nichts dagegen und freue mich darüber. Aber zuvor möchte ich Sie noch um eine Entscheidung bitten. Wie würden Sie sich in folgender Situation verhalten?“ Warner blieb hartnäckig.

„Na dann los, aber machen Sie es kurz!“ Jeannette war mehr und mehr dabei, ihre Höflichkeit zu verlieren.

„Auf einer Eisenbahnstrecke rast ein Zug führerlos auf zehn Arbeiter zu. Ihr Tod ist gewiss. Man könnte sie aber retten, wenn man eine Weiche umstellen und den Zug auf ein Nebengleis lenken würde. Auf diesem Gleis arbeitet nur ein einzelner Mann, der dann natürlich anstelle der Zehn sterben würde. Würden Sie die Weiche umstellen?“

„Ach ja, die alte scheinbar so moralische Regel: lactura paucorum servat multos! Die Wenigen opfern, um die Vielen zu retten“, sagte Jeannette genervt.

„Also würden sie die Weiche umstellen?“ wiederholte Warner seine Frage.

„Das weiß ich nicht. Es käme auf die Situation an. Aber mir ist klar, Sie wollen als Antwort hören, dass ich die zehn Männer retten und den einen opfern soll. Wären Sie immer noch dieser Meinung, wenn es sich bei dem einzelnen Mann um Albert Einstein handelte, noch bevor er seine Theorien verfasst hat? Ich könnte mir auch vorstellen, dass die einzelne Person Mutter Theresa wäre und die zu rettenden Männer allesamt Mörder. Wären Sie sich dann noch immer so sicher in Ihrer Entscheidung? Wer gestattet es uns, diese Weiche überhaupt zu verstellen? Woher nehmen wir das Recht, in das Schicksal einzugreifen, Gott zu spielen? Vielleicht ist das Opfer der Zehn und die Rettung des Einzelnen in einem großen Zusammenhang, den wir im Augenblick nicht überblicken, sinnvoll und richtig?“

„Da sind wir aber ganz schön auf die Nase gefallen“, meinte Sir Ludovic schließlich. „Wer hätte geahnt, dass wir es mit einer Fatalistin zu tun habe? Dennoch denken Sie bitte über die Möglichkeit nach, wie wir dieser armen Welt noch Schlimmeres ersparen können. Ich meine es ernst, sehr ernst!“

„Warum sollte ausgerechnet Bernard umgebracht werden? Er ist gerade dabei, sich zu ändern. Er ist menschlicher, nachdenklicher geworden und hat die Playboy-Attitüde abgelegt. Geben Sie ihm noch ein wenig Zeit und reden sie dann vernünftig mit ihm, ich bin sicher, wir können ihn überzeugen, dass ein Krieg Unsinn ist und dass diese Wirtschaftskrise endlich beendet werden muss. Oder sind sie einfach nur sauer, weil er sie abgesägt hat, und wollen sich dafür rächen?"

„Für Rächen und Beleidigtsein bin ich einfach zu alt", entgegnete Sir Ludovic leise. „Es geht mir wirklich um die Verantwortung, die wir tragen, ob wir wollen oder nicht."

„Können sie sich nicht vorstellen, dass man sich mit Bernard arrangieren kann?"

„Irren Sie sich nicht bei Ihrer Beurteilung von Bernard. Sicher ist er zurzeit recht nett zu Ihnen, aber wissen Sie denn, was in seinem Kopf vor sich geht, und welche Ziele er tatsächlich verfolgt? Mein Lieblings-Aphoristiker Stanislaw Lec hat irgendwo geschrieben: In der Hölle ist selbst der Teufel eine positive Gestalt.“

„Wissen Sie eigentlich, wie Bernard Ihren Freund schon wieder hereingelegt hat?“ Warner wechselte das Thema.

„Was meinen Sie damit?“ fragte Jeannette scharf. „Julian ist zurzeit in den USA bei seiner Familie und bringt alles wieder in Ordnung.“

„Oh nein! Er bringt nichts in Ordnung. Er sitzt nämlich im Knast.“

„Was soll er getan haben? Was wirft man ihm vor?“

„Verdacht auf Steuerhinterziehung und Betrug. Seine Kreditkarte ist beschlagnahmt worden. Die Kaution hat der Richter auf 80.000 Dollar angesetzt, die Julian natürlich nicht aufbringen kann. Das elterliche Haus hat man inzwischen versteigert. Seine Mutter lebte bei Verwandten.“

„Woher wissen Sie das?“

„Ein Mann wie ich muss ganz einfach Bescheid wissen.“

Wütend erhob sich Jeannette und lief mit gesenktem Kopf zurück zum Auto.

13

In dieser Nacht schlief sie wieder schlecht und hatte am Morgen Migräne. Diese schlimmen Kopfschmerzen und die Übelkeit waren bei ihr selten, sodass sie den begleitenden Arzt, Doktor Visconti, zurate zog. Der meinte, die Schwangerschaft könnte die Ursache sein. Jeannette könne aber auch das Klima nicht vertragen. Er sehe jedoch zu diesem Zeitpunkt keinen Grund für irgendwelche Besorgnis.

Jeannette blieb den Vormittag über im Bett liegen. Sie tat sich selbst sehr leid und genoss die Pflege durch die Dienerschaft. Außerdem kam ein Mitglied der Gruppe nach dem anderen und erkundigte sich besorgt, wie es ihr gehe. Diese Aufmerksamkeit tat ihr gut. Deshalb stand sie auch nicht auf, als es ihr längst besser ging. Bis Helen kam.

Die Baronin setzte sich auf die Bettkante und flüsterte: „Ich weiß jetzt über den Tod meiner Brüder Bescheid.“

Auch Jeannette flüsterte: „Von wem?“

„Ich habe so meine Quellen.“

„Ich weiß schon, Doktor Warner hat dich eingeweiht.“

Helen nickte.

„Na, dann erzähl mal!“

„Der Tod des kranken Arthurs wurde noch während der Sitzung des InnerCircle beschlossen. Richard und Bernard konnten die Anwesenden überzeugen, dass es unverantwortlich gewesen wäre, den Don noch länger an einen Mann zu binden, der nicht mehr Herr seiner Sinne war. Die Ärzte erhielten daraufhin die Anweisung, den armen Arthur mit Morphium eingeschläfert.

Der Don ist dann auf Richard übergegangen. Doch lange war mein Bruder nicht das Oberhaupt von la famille. Bernard hat ihn schon zwei Wochen später in aller Öffentlichkeit umgebracht. Er hat ihn einfach die Marmortreppe in der Eingangshalle des Schlosses hinuntergestoßen. Zwar erklärte er später, dass es ein Versehen, ein tragischer Unfall gewesen war. Es gibt jedoch Zeugen, und die sind sich einig, dass er es mit Absicht getan hat. Richard lebte nach dem Unfall noch ein paar Tage. Er lag in der Klinik des Schlosses und wurde beatmet. Irgendwann besuchte ihn Bernard und zog alle Schläuche von ihm ab. Dies wäre im Sinn seines Bruders, sagte er den Ärzten. Der habe ihn stets gebeten, ihn vom Leben zu befreien, wenn er einst nicht mehr über sich selbst entscheiden könne. Und auch diese angebliche Sterbehilfe war ein kaltblütiger Mord.“

Jeannette war fassungslos. „Wurde der Mord nicht untersucht? Hat man Bernard nicht wenigstens angeklagt?“

„Bernard ist nun das Oberhaupt von la famille. Er ist im Besitz des Don. Niemand auf dieser Welt wird ihn anklagen oder auch nur den Versuch unternehmen, ihn für seine Taten zur Verantwortung zu ziehen.“

Mit diesen Worten ging die Helen. Jeannettes Finger krampften sich in das Laken. Was sie eben über den Vater ihres Kindes gehört hatte, verschlug ihr die Sprache.

14

Am nächsten Tag ging es ihr wieder besser, und sie gesellte sich zu den anderen. Die beiden alten Männer freuten sich über ihr Erscheinen und luden sie zu einem neuen Ausflug ein. Jeannette wusste, was Ludovic und Warner beabsichtigten, und ihre gute Laune verflog sofort. Doch Ludovic und Warner blieben zwar freundlich aber hartnäckig. Und so blieb ihr nichts übrig, als wieder mit zu den Klippen zu fahren.

Sie saßen an der alten Stelle, und Ludovic fragte: „Nun, wie haben Sie sich entschieden?“

Jeannette antwortete verbissen: „Es ist zwar sehr schlimm, was ich in der Zwischenzeit über Bernard gehört habe, aber ich bin nicht seine Richterin, und ich bin keine Mörderin. Viel wichtiger ist für mich im Augenblick die Frage, wie ich Julian Strawman helfen kann. Bitte unterstützen Sie mich.“

„Ich habe einen guten Freund, den werde ich einschalten“, sagte Doktor Warner. „Ihrem Julian wird geholfen werden. Doch reden wir wieder von la famille!“

„Lassen Sie mich doch in Ruhe!“ rief Jeannette verzweifelt. „Ich kann und will es einfach nicht tun. Übrigens kann man Bernard nicht töten. Dies ist bei seiner Paranoia und all den Sicherheitsmaßnahmen, mit denen er sich umgibt, so gut wie unmöglich.“

„Sie haben recht, ein gewöhnlicher Meuchelmörder hätte wohl keine Chance. Aber bei der Mutter seines Kindes sieht dies wohl anders aus.“

Mit dieser Wendung hatte Jeannette nicht gerechnet. Die alten Männer hatten einen Plan. Sie wollten sie tatsächlich zum Mord am Vater ihres Kindes anstiften.

Sie versuchte abzuwehren: „Auch ich hätte keine Chance. Er traut niemandem. Natürlich werde auch ich genau kontrolliert, wenn ich zu ihm gehe. Mit einem Messer oder einer Pistole würden mich seine Bodyguards ganz schnell aus dem Verkehr ziehen. Nein, schlagen Sie sich das aus dem Kopf. Das alles ist Unsinn!“

Weiter kam sie nicht, denn plötzlich peitschten Schüsse, und Kugeln schlugen neben ihnen ein. Jeannette warf sich flach auf den Boden. Sie hörte, dass nun aus mehreren Gewehren geschossen wurde. Es entstand ein wildes Feuergefecht, dann war plötzlich Stille. Die Bodyguards rannten zu ihnen hinunter. Als sie endlich angekommen waren, warfen sie sich über sie, um sie mit ihrem Körper zu schützen. Andere bildeten mit Waffen in den Händen einen dichten Ring um die beiden Männer und die Frau. Auch Issam kam gerannt und fragte besorgt, ob ihr etwas geschehen sei.

Zum Glück war Jeannette unverletzt geblieben. Doch zum Schrecken aller rührte sich Sir Ludovic nicht. Sein heller Anzug war voller Blut. Man hatte ihn getötet.

15

Sir Ludovic war in der großen Eingangshalle aufgebahrt worden. Er trug einen schwarzen dreiteiligen Anzug und hatte die Augen geschlossen, so als ob er schliefe. Jeannette stand vor ihm und fühlte sich sehr allein. Sie hatte diesen Mann, der ihr ein zweiter Vater geworden war, geliebt. Nun hatte er sie verlassen, hatte sie allein in einer feindlichen Welt zurückgelassen. Und dies gerade jetzt, wo sie seinen Rat und seine Hilfe am dringendsten gebraucht hätte. Sie wunderte sich, dass sie nicht weinen musste.

Mit Bedacht hatte sie für diesen Abschied ein weißes Kleid ausgewählt und trug einen weißen Seidenschal um den Hals. Doktor Warner trat zu ihr und stellte sich schweigend neben sie.

„Wer hat es getan?“ flüsterte sie.

„Es war einer seiner eigenen Sicherheitsleute.“

„Warum?“

„Das wissen wir nicht. Er wurde bei dem Schusswechsel getötet. Wir konnten ihn nicht mehr verhören.“

Aber warum hat er es getan?“

„Wahrscheinlich hat man ihm viel Geld geboten.“

„Wer?“

„Ich vermute, Sir Ludovic war Bernard noch immer ein Dorn im Auge. Als Sie sich entschlossen haben, hierher nach Malta zu reisen, war dies das Todesurteil für den alten Ludovic. Sie wissen, dass der Vater Ihres Kindes über Leichen geht. Menschenleben bedeuten ihm nichts, nicht einmal das seiner eigenen Brüder.“

Nach einer Pause fragte Jeannette noch leiser: „Und wie soll ich diesen Auftrag ausführen? Wie können wir Bernards Sicherheitsmaßnahmen umgehen?“

Der Doktor zeigte keinerlei Erstaunen, sondern antwortete „Sir Ludovic und ich, wir sind auf eine geniale Idee gekommen.“

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