Leseproben

 

  

  Die Ministerin im Bann der Tibet-Mafia

 

Für diesen Abend war im LOST eine besondere Veranstaltung geplant, der alle Leute entgegen fieberten. Nur ganz selten war dieser Event möglich, so hieß es, denn es fehlten meist die Akteure. Dies konnte sich Suzan eigentlich nicht vorstellen. Sie kannte diese Veranstaltung aus dem deutschen Fernsehen und dort standen die Bewerber Schlange, sie hieß: „Wer wird Millionär“. Warum sollte dies in den Staaten anders sein?

In der großen runden Veranstaltungshalle war in der Mitte ein Podium aufgebaut. Dort standen zwei hohe Stühle. Auch dieses Bühnenbild war Suzan bekannt, besonders die vielen Scheinwerfern, die an der Decke hingen und auf das Podium gerichtet waren. Riesige Bildschirme sorgten dafür, dass jeder im Raum das Geschehen auf der Bühne genau verfolgen konnte.

Suzan hatte die Fernsehsendung mit dem Moderator Günther Jauch in Deutschland gern gesehen und freute sich, nun einmal live dabei zu sein. Doch während bei RTL die Zuschauer wie in einer Arena auf aufsteigenden Bänken saßen, nahm man hier an Tischen mit Sektkühlern und bequemen Sesseln Platz. Die Deutsche wusste aber, dass das gleiche Spiel auch in Dutzenden von anderen Ländern gespielt wurde. Nun gut, dann würde man hier eben einen Ableger präsentieren. Sie war bereit mitzuraten und hielt den Kandidaten schon jetzt die Daumen.

Doch war sie sich unsicher, ob dieses Spiel auch hier in dieser Milliardärs-Enklave funktionieren würde. Schließlich machte es jedem Einzelnen in diesem Publikum nichts aus, ein Trinkgeld in Millionenhöhe zu geben, und dennoch sollten sie alle mitzittern, ob so ein armer Wicht 16.000 Dollar gewinnt oder verliert?

Ellen Mursovic hatte dafür gesorgt, dass sie Plätze ganz vorne an der Bühne hatten. Es traf sich die gleiche Clique, die schon die Besichtigungstour gemacht hatte: Master, Bendtsen, Balduzzi und Mursovic. Sobald sie sich gesetzt hatten, kamen diskrete Kellner, brachten Champagner und kleine ausgesuchte Häppchen als Appetitanreger. Langsam füllte sich der Saal, alle Tische waren nun mit Menschen besetzt, die sich lautstark unterhielten und schwarz gekleidete Kellner eilten eifrig hin und her. Ein aufgeregtes Murmeln erfüllte den Raum. Die Menschen unterhielten sich und dennoch lag eine seltsame Spannung in der Luft, wie sie Suzan ganz selten erlebt hatte. Es war die Spannung, die vor einer großen Schlacht herrscht, vor einem Boxkampf oder vor einem anderen Ereignis, bei dem es um Leben oder Tod geht. Es war, als witterten die Zuschauer Blut. Dabei ging es doch lediglich um Geld, das ein paar arme Schweine mit ein wenig Glück gewinnen konnten.

Plötzlich flammten alle Scheinwerfer auf und tauchten das Podium in gleißendes Licht. Musik setzte ein. Das Publikum klatschte und jubelte. Zusätzlich war auf die Bühne ein Spot gerichtet, ein Trommelwirbel ertönte und eine Stimme rief: „Guten Abend meine Damen und Herren, willkommen zu unserer Show mit Ihrem Moderator Luder Backridge. Sie alle kennen seine Show aus dem Fernsehen - aber bei uns ist alles ein wenig anders, wie Sie vielleicht schon wissen. Und wenn nicht, so lassen Sie sich überraschen.“

Lachen im Publikum.

Nun erschien unter donnerndem Applaus ein älterer Mann in einem glitzernden Anzug. Er warf die Arme in die Höhe und nahm den Beifall zufrieden entgegen. Dann stellte er sich in die Mitte zwischen den beiden hohen Stühlen.

„Ich freue mich, dass Sie so zahlreich gekommen sind und verspreche Ihnen einen unterhaltsamen Abend. Wir haben wieder einige Kandidaten, die gierig auf Geld sind.“ Der Saal lachte wieder. „Und, wie sie mir gesagt haben, sind sie auch bereit, dafür ein kleines Risiko auf sich zu nehmen.“ Lachen im Saal. „Nun, wir werden sehen, wie es mit ihrem Mut bestellt ist, wenn es darauf ankommt.“ Und wieder lachte der Saal, und Suzan konnte sich nicht vorstellen warum.

Der erste Kandidat war ein Student von einer Provinzuniversität in Texas.

„Lieber Himmel, was hat der denn für ein Hemd an! Diese Farbe ist eine Beleidigung für meine Augen“, stöhnte Corinne Master.

Als der Moderator ihn fragte, ob er Risiko spielen wolle, sagte unschlüssig: „Ich weiß nicht. Was meinen Sie?“

„Ich meine gar nichts“, sagte der Moderator scharf. „Sie müssen sich entscheiden. Ich dachte, Sie hätten diese Entscheidung bereits getroffen, als Sie sich hier gemeldet haben.“

Noch immer zögerlich sagte der Student: „Dann nehme ich doch lieber die risikolose Variante.“

Die Leute im Saal murrten lautstark, und Ellen Mursovic zischte: „Will der Hund denn ewig leben?“

Man sah dem Gesicht von Luder Backridge an, dass er mit dieser Antwort überhaupt nicht einverstanden war: „Aber Sie haben doch bei Ihrer Anmeldung gesagt, dass Sie die Risikovariante wählen würden.“

„Das schon, aber inzwischen habe ich eine neue Freundin, und wir wollen zusammenziehen.“

„Das ist ja prima. Dann brauchen Sie doch sicher Geld?“

„Deshalb bin ich ja hier.“

„Sie wollen sich also mit kleinem Geld zufrieden geben und auf Big-Money verzichten?“

Auf den Bildschirmen sah man das Gesicht des Kandidaten in Großaufnahme. Er schwitzte und seine Augen irrten hilflos hin und her.

„Also noch einmal – Risiko oder Nichtrisiko?“

Schweigen breitete sich aus. Alles wartete gespannt auf die Antwort. Endlich sagte der Mann gepresst: „Nicht Risiko.“

Der Moderator verzog das Gesicht, als sei ihm eben ein Zahn gezogen worden: „Dann kommen wir zur Sache!“

Er erkundigte sich nicht mehr lange nach der Person seines Gegenübers und vergaß sogar zu fragen, welche Vertrauensperson er mitgebracht hatte. Rasch ging er die einführenden Fragen durch, die den Kandidaten aufwärmen und beruhigen sollten. 500 Dollar waren gewonnen. Nun ging es richtig los.

Wie viele Staaten haben die USA?

Dies war nun wirklich eine leichte Frage, jeder Schüler konnte diese Zahl im Schlaf aufsagen. Der Student lächelte erleichtert. Rasch antwortete er: „31.“

Der Moderator verzog das Gesicht: „Meinen Sie dies wirklich? Sie wissen, gerade bei Zahlen, die einem selbstverständlich erscheinen, irrt man sich leicht. Wollen Sie vielleicht einen Joker nehmen?“

Auf den großen Bildschirmen sah man, dass der Student verwirrt war. Er entschied sich für fifty-fifty-Joker und beantwortete die Frage unter den matten Beifall des Publikums richtig.

Suzan gab ihm keine Chancen. Es war klar, dass Luder Backridge ihn verlieren lassen wollte. Dieser junge Mann sollte so rasch wie möglich verschwinden – und auch das Publikum war dieser Meinung. Deshalb lockte Backridge den jungen Mann bei der 8000-Dollar-Frage in eine Falle und verabschiedete den Verlierer dann kühl.

Als nächstes kam eine Frau im mittleren Alter. Sie trug Jeans, hochhakige Schuhe und ein T-Shirt mit der Aufschrift: „We are the Champions!“ In der Maske hatte man sie sorgfältig geschminkt und frisiert. Als Begleitung hatte sie ihre Schwester mitgebracht, die nun auf den Bildschirmen in Großaufnahme erschien. Sie saß zusammen mit den anderen Begleitern der Spieler auf einer Empore und wurde hart von einem Spot angestrahlt, was ihr sichtlich unangenehm war.

Die Kandidatin sagte unter Tränen, sie brauche das Geld, um die Operation für ihre Tochter zu zahlen.

„Da kann Ihnen geholfen werden“, tröstete sie der Moderator. „Aber sind Sie auch bereit, ein Risiko dafür in Kauf zu nehmen?“

„Für meine Tochter tue ich alles“, war die tapfere Antwort der Frau.

„Gut dann wollen wir beginnen!“

Mit Hilfe des Moderators erreichte die Kandidatin rasch die 500.000 Dollar-Frage und hatte bis dahin erst drei von vier Jokern verbraucht. Mithilfe des vierten Jokers, der Hilfe einer Frau aus dem Publikum, beantwortete Sie auch diese Frage richtig. Und nun ging es um eine Million. Das Geld würde zwar für die Operation der Tochter längst reichen, doch die Frau hatte Blut geleckt. Es war bisher so einfach gewesen? Warum sollte sie nun aufhören? Heute war schließlich Ihr Glückstag.

Der Moderator fragte ernst und eindringlich: „Wollen Sie weitermachen? Sie wissen, sobald ich die Frage vorgelesen habe, gibt es kein Zurück mehr. Wenn Sie dann aufhören verlieren Sie nach unseren Spielregeln alles. Machen Sie aber weiter, so winken Ihnen eine Million Dollars. Aber Sie haben ja noch fünf Joker.“

Das Publikum lachte, ohne dass sich Suzan erklären konnte warum. Die Frau nickte tapfer. Sie wollte ihr Glück wagen.

Backridge las ohne Betonung die nächste Frage vor: „Wer segelte als Erster rund um den Erdball?“

a. Vasco da Gama b. Magellan
c. Juan Sebastian Elcano d. Christopher Columbus

Die Frau wurde bei dieser Frage ganz bleich im Gesicht. Sie wusste ganz offensichtlich die Antwort nicht. Der Moderator ließ ihr Zeit, und es schien, als weide er sich an ihrer Verzweiflung. Endlich stellte er fest: „Sie wissen die Antwort nicht!“

Mit zusammengepressten Lippen schüttelte die Frau den Kopf.

„Das ist nicht tragisch“, säuselte Ludger Backridge, „dann spielen Sie ab jetzt mit den Sonderjokern. Sie haben schließlich fünf davon, nur das Risiko steigt halt mit jedem.“

„Ich weiß“ stammelte die Frau. Die Kamera zoomte auf ihre Hände, die heftig zitterten.

„Der Form halber muss ich Ihnen aber auch sagen, dass Sie auf Ihren bisherigen Gewinn verzichten und aufhören können. Wollen Sie das?“

Die Kandidatin zögerte eine Weile. Man sah, wie es in ihrem Kopf arbeitete. Dann nickte sie energisch: „Ich nehme den Risiko-Joker.“

„Das höre ich gern“, sagte Backridge. „Ich mag mutige Menschen. Und alle hier im Saal mögen sie auch.“

Donnernder Applaus! Als er sich wieder gelegt hatte und Stille eingekehrt war, verkündete der Moderator mit Nachdruck: „Und nun kommt Ihr Joker.“

Ein dumpfer Trommelwirbel erfüllte den großen Raum. Zwei ganz in Schwarz gekleidete Männer trugen einen schmalen, hohen Tisch herein. Hinter ihnen folgte eine Frau auch in Schwarz. Sie trug auf einem Silbertablett einen silbernen Colt. Der Colt wurde theatralisch auf die Platte des Tisches gelegt. Nun tauchte ein sechster Mann in Schwarz auf. Er hielt eine Patrone in die Höhe. Auch sie wurde von der Kamera in Großaufnahme gezeigt. Diese Patrone steckte der Mann nun in die Trommel des Revolvers und drehte das Magazin. Niemand konnte mehr wissen, an welcher Stelle sich die Patrone befand.

Nun schaltete sich der Moderator wieder ein: „Sie kennen die Spielregeln?“

Die Frau nickte tapfer.

„Ich werde Sie nun mit diesem hübschen, silbernen Instrument alleine lassen. Wir sind natürlich weiter in Kontakt. Ich sehe und höre Sie, und Sie vernehmen meine Anweisungen. Auf meinen Befehl halten Sie sich den Colt an die Schläfer und drücken ab. Damit ist Ihre Aufgabe gelöst, und Sie sind eine Runde weiter. Sollten Sie Pech haben, und die einzige Patrone im Lauf erwischen, so ist das Spiel für Sie beendet. Aber die Chancen stehen eins zu fünf für Sie. Und nun lass ich Sie allein und wünsche Ihnen viel Glück.“

Das Publikum applaudierte frenetisch, als sich der Moderator aus dem Lichtkreis zurückzog. Eine große gläserne Haube, wie eine überdimensionierte Käseglocke, senkte sich über die Kandidatin herab. Man sah den Schweiß auf ihre Stirn, die zitternden Hände, die Tränen aus ihren Augen.

Der Moderator erklärte inzwischen, dass diese Glasglocke aus schusssicherem Material sei und das Publikum schützen solle. Auch könne es, falls sich tatsächlich ein Schuss lösen sollte, zu einigen unappetitlichen, blutigen Erscheinungen kommen. Dem wolle man vorbeugen.

Nach dieser Erklärung wandte er sich wieder der Kandidatin, die über Lautsprecher und Mikrophon mit ihm verbunden war: „Sie machen dies alles doch wirklich freiwillig?“

Weil die Frau nicht reagierte, fragte er noch einmal schroff: „Die Spielregeln erfordern, dass Sie mit einem klaren Ja oder Nein antworten. Also, machen Sie das alles freiwillig und sind Sie sich der möglichen Folgen bewusst?“

Man konnte sehen, dass die Frau ihre letzte Energie aufbot und ein „Ja“ stöhnte.

„Und nun spannen Sie uns bitte nicht auf die Folter. Lösen Sie Ihren Joker ein.“ Die Stimme des Moderators duldete keinen Widerspruch.

Absolute Stille breitete sich im Saal aus. Nur noch der Trommelwirbel war zu hören. Suzan presste die Hände so stark zu Fäusten, dass sich ihre Fingernägel ins Fleisch bohrten. Diese ganze Vorstellung erschien ihr unwirklich. Das konnte doch nur eine Theaterinszenierung sein. Hier wurde doch nicht wirklich Russisches Roulette gespielt. Sollten all die Menschen hier tatsächlich Augenzeuge eines Selbstmordes werden, ohne dass jemand eingriff und diesem üblen Spiel ein Ende bereitete?

Die Frau hatte inzwischen den silbernen Colt vorsichtig in die Hand genommen, so als sei er eine Schlange, die sie gleich beißen würde. Dann hob sie ihn vorsichtig an die Schläfe. Doch sie drückte nicht ab, sondern starrte mit angstverzerrten Gesicht vor sich hin. Immer wieder wurde jetzt die Schwester im Publikum eingeblendet, die bleich und schreckensstarr auf die Szene blickte und mit großen Augen ihre Hand vor den Mund drückte, um nicht zu schreien.

Suzan wollte schon aufstehen und protestieren. Da dröhnte wieder die Stimme des Moderators aus den Lautsprechern.

„Nun wird es aber wirklich Zeit“, drängte er. „Wir haben viel Verständnis für ihr Zögern, aber auch unsere Geduld ist begrenzt. Ich gebe Ihnen noch zehn Sekunden. Wenn sie dann nicht abdrücken, haben Sie alles verloren.“

Nur noch der Trommelwirbel überlagert vom Ticken einer Uhr waren zu hören und eine Stimme, die rückwärts zählte: „9,8, 7… „

Plötzlich hörte man ein Klicken, und die Frau ließ den Colt fallen. Sie hatte abgedrückt und war noch einmal mit dem Leben davon gekommen.

„Bravo!“ rief Luder Backridge triumphierend. „Das haben Sie gut gemacht! Sie sind eine Runde weiter und eine Million Dollar gehören Ihnen.“ Die Glashaube wurde wieder nach oben gezogen und der Moderator sprang auf die Bühne. Er und die Kandidatin nahmen wieder Platz. Das Publikum tobte. Es gab donnernden Applaus.

„Na, war es schlimm?“ fragte er Mitleid heuchelnd.

Die Frau schüttelte stumm und tapfer den Kopf.

„Wollen Sie weitermachen und auf 5 Millionen erhöhen?“ Nun war die Spannung im Saal beinahe wieder mit Händen zu greifen. Wetten wurden an den Tischen abgeschlossen. Wie würde sich die Frau entscheiden? Was war größer ihre Gier oder ihre Todesangst?

Sie schüttelte ernst den Kopf und sagte: „Ich gebe auf, das stehe ich nicht noch einmal durch. Ich muss auch an meine Tochter denken. Sie braucht die Mutter.“

Der Moderator sprang von seinem Stuhl, trat auf sie zu und schüttelte ihr die Hand, um sie zu beglückwünschen.

„Damit haben Sie eine Million Dollar gewonnen.“ Er betonte jedes einzelne Wort. „Der Operation Ihrer Tochter steht wohl nichts mehr im Weg. Wir alle wünschen ihr gute Besserung und Ihnen weiterhin viel Glück!“

Nun stürmte die Schwester auf die Bühne, und die beiden Frauen umarmten sich unter Tränen.

Backridge wandte sich ans Publikum: „Ich weiß, Sie alle haben mit dieser mutigen Frau gezittert. Sie hat den Gewinn verdient. Und Sie alle konnten miterleben, wie nahe Freud und Leid beieinander liegen. So etwas bekommen Sie nur hier in Seventh Heaven geboten.“

Beifall und Bravo-Rufe.

Thor Bendtsen sagte leise: „Ich kann nicht verstehen, wie jemand für Geld sein Leben riskiert.“

Ein fremdes Mädchen, das neben ihm saß, stimmte zu. Sie hatte sich als Abigail Mussow vorgestellt und erklärt, sie sei Studentin der Betriebswirtschaft. In der nun folgenden Spielpause gab sie ihr Wissen zum Besten: „Geld ist schließlich nur ein Tauschmittel, ein Zahlungsversprechen, im Grunde ein Stück Papier. Und dennoch riskieren Menschen dafür ihr Leben. Einfach irre!“

„Das ist schon richtig“, sagte nun Suzan. „Aber man braucht diese Papierfetzen ganz einfach zum Leben, und damit man sie bekommt, muss man wohl oder übel arbeiten.“

„Ich habe noch nie gearbeitet“, behauptete Abigail Mussow strahlend. „Ich glaube, mein Dad hat auch noch nie in seinem Leben gearbeitet und meine Mom schon gar nicht. Sie liegen falsch. Es geht auch ohne diese entwürdigende Beschäftigung und damit ohne Geld.“

„Und womit bezahlen Sie Ihre Kleider, Ihr Zimmer im Studentenwohnheim?“ Suzan wurde über so viel dämliche Naivität langsam wütend.

„Mit Kreditkarten. Aber es stimmt schon, hin und wieder brauche ich auch Geldscheine. Die lasse ich mir dann geben.“ Sie änderte die Stimme und klang auf einmal nicht mehr so naiv. „Seien Sie nicht böse. Ich habe nur Spaß gemacht. Unser Familienvermögen ist geerbt. Wir sind schon seit Generationen ziemlich reich. Aber Vater hat tatsächlich nie wirklich gearbeitet, obgleich er ständig allen Leuten erzählt, wie beschäftigt er ist. Schließlich ist für ihn jede Form von Beschäftigung Arbeit, so zum Beispiel wenn er seine Jagdgewehre reinigte, sein Angelzeug ordnete oder mit seinem Steuerberater überlegte, wie er den Staat noch besser übers Ohr hauen kann.“

„Und wie ist es mit Ihnen? Werden Sie auch niemals arbeiten?“

„Natürlich werde ich einen Job annehmen. Dafür studiere ich ja. In meiner Generation ist das alles ganz anders. Wir sind heute emanzipiert. Allerdings werde ich irgendwann heiraten, und dann muss ich mich wohl meiner Familie widmen.“

Hier wurde Abigail von Backridge unterbrochen, der in die Hände klatschte und rief: „Lasst uns weitermachen. Es gibt schließlich noch mehr Menschen, die ihr Glück hier erproben wollen, Menschen, die etwas Glück dringend brauchen.“

Der nächste Kandidat hieß Wilmar Smith und hatte seine schwangere Frau mitgebracht. Er trug ein T-Shirt, das seine Muskelpakete zur Geltung brachte. Es war offensichtlich, dass er in seiner Freizeit intensiv Bodybuilding betrieb. 

Er arbeitete in einem Fachhandel für Farmer. Dort wurden Saatgut, Dünger und Pestizide verkauft. Aber seine Aufgabe war weniger der Verkauf, wie er verschmitzt gestand, sondern die Kontrolle der Farmer. Das Saatgut von Monsanto war nämlich urheberrechtlich geschützt. Das bedeutet, die Bauern dürfen nicht wie seit tausenden von Jahren einen Teil ihrer Ernte im nächsten Jahr zur neuen Aussaat benutzen. Das Saatgut musste komplett jedes Jahr neu von Monsanto zusammen mit dem Dünger und den Pestiziden gekauft werden. Mister Smith musste überwachen, dass die Farmer nicht schummelten und Monsanto um die Gewinne brachten.

„Was machen Sie, wenn Sie so eine Schummelei aufdecken?“ fragte Backridge.

„Diese Verbrecher werden angezeigt und bekommen eine hohe Geldstrafe. Zumeist verlieren sie dann auch ihre Farm.“

„Und Sie haben keine Skrupel, die Leute zu ruinieren?“

„Nein“, sagte Wilmar Smith und grinste über das ganze Gesicht, während das Publikum applaudierte.

„Der kommt sich verdammt gut vor“, sagte Suzan leise zu Toni Balduzzi, der neben ihr saß.

„Der genießt doch nur seinen kurzen Ruhm“, war die Antwort. „Wie sagte bereits Andy Warhol: In Zukunft wird jeder einmal für fünfzehn Minuten berühmt sein.“

„So tüchtige Menschen wie Sie brauchen natürlich Geld“, sagte der Moderator inzwischen auf der Bühne. „Und wir sind dazu da, dieses Geld zu beschaffen. Also, fangen wir gleich damit an.“

Die Aufwärmfragen waren rasch überstanden und auch bis 4000 Dollar hatte Smith keine Schwierigkeiten. Mit der Hilfe des Quizmasters und zwei Jokern erreichte er schließlich 125000 Dollar. Wilbur Smith avancierte zum Publikumsliebling. Als er gefragt wurde, was er mit seinem Gewinn machen wolle, sagte er, ein eigenes Geschäft aufbauen. Er wolle eine Art Detektei gründen, die landesweit die Bauern überwachen soll. Er habe auch bereits mit den Leuten von Monsanto gesprochen, die bereit wären, für jeden überführten Saatgutbetrüger eine Kopfprämie zu zahlen. Und dann gäbe es schließlich noch andere Konzerne, die auch ihre Copyright-Rechte verteidigen müssten. Bald gebe es nicht nur gentechnisch veränderte Pflanzen, sondern auch modifizierte Tiere, ja vielleicht sogar irgendwann Menschen für die Konzerne ein Patent beanspruchen. Dies zu kontrollieren werde große Geschäft sein. Aber natürlich brauche man für diese Pläne eine Menge Anfangskapital, und das wolle er hier gewinnen.

Bei der 500.000-Dollarfrage hatte Wilmar schließlich keine Joker mehr und sah seine Felle davonschwimmen. Er sollte entscheiden, was die beiden Buchstaben „AD“ bedeuten und wusste es nicht. Schweiß brach ihm aus, wie alle sahen.

Backridge erfasste sogleich die Situation. Seine Stimme war nun noch jovialer, als er sagte: „Verzweifeln Sie nicht. Noch ist nichts verloren. Noch haben sie den Risikojoker. Wollen Sie ihn jetzt benutzen?“

Wilmar Smith nickte ergeben, und das Publikum feierte frenetisch seine Entscheidung.

Nun wiederholte sich die Prozedur wie bei der vorherigen Kandidatin. Der silberne Colt wurde hereingetragen, und die schusssichere Glasglocke schwebte herab. Und wie seine Vorgängerin zögerte auch Wilmar Smith, während der Trommelwirbel und das Ticken einer Uhr durch den Saal dröhnte und die bekannte Stimme rückwärts zählte. Dann hörte man das Klicken, das Licht ging an, der Kandidat war am Leben und eine Runde weiter. Er hatte eine halbe Million gewonnen, verbeugte sich vor dem klatschenden Publikum und nahm die Glückwünsche des Quizmasters entgegen.

Auf die Frage: „Wollen Sie weitermachen?“ nickte er stumm.

Auf den Bildschirmen erschien seine schwangere Frau, die heftig den Kopf schüttelte und verzweifelt die Hände rang.

Die nächste Frage, wie viele Inseln genau zu Indonesien gehören, hätte wohl keiner im Saal beantworten können, und auch Wilmar Smith war ratlos. Doch der Moderator tröstete ihn: „Verzweifeln Sie nicht. Sie haben schließlich noch immer den Risiko-Joker. Wollen Sie ihn benutzen?“

Smith stammelte „Ja“, und dann wiederholte sich die bekannte Prozedur. Es wurde jedoch kein neuer Colt hereingetragen. Die silberne Waffe lag noch immer auf dem Tischchen. Keiner hatte sie inzwischen angefasst. Hatte der Kandidat beim ersten Mal noch eine Chance von 1:5 gehabt, mit dem Leben davon zu kommen, so hatte sie sich jetzt auf 1:4 verringert.

„Der spinnt, wenn er weitermacht“, war die trockene Bemerkung von Thor Bendtsen.

„Ja, ja die Gier“, fügte Ellen Mursovic theatralisch seufzend hinzu.

Doch als der Mann wieder allein unter der Glasglocke stand und den Colt in der Hand hielt, schien ihn der Mut zu verlassen. Mit hängenden Schultern starrte er auf die Waffe, unfähig sich zu bewegen. Und wieder bot der Moderator seine ganze Autorität auf – doch vergeblich. Die Uhr tickte zwar noch immer, aber die Stimme hatte längst bis Null gezählt, und noch immer regte sich der Kandidat nicht.

Nun wurde das Publikum ungeduldig. Die Menschen im Saal standen auf, klatschten rhythmisch in die Hände und skandierten: „Ab-drü-cken, ab-drü-cken, ab-drü-cken!“

Unter diesem Druck hob Smith langsam die Waffe an die Schläfe und noch immer gellte „Ab-drü-cken, ab-drü-cken, ab-drü-cken!“ durch den Saal.

Dann fiel ein Schuss, und der Kopf von Wilmar Smith explodierte.

Sofort ging das Licht aus. Es wurde stockdunkel im Saal. Man hörte Angstschreie und das Schluchzen einiger Frauen. Doch das alles währte nur ein paar Sekunden, dann flammten an der linken Peripherie Scheinwerfer auf. Auch dort war eine Bühne aufgebaut, auf der vier Musiker standen, die nun mit Ohren erschütternder Lautstärke den alten Songs der Rolling Stones anstimmten: „I can get no satisfaction, i can get no satisfaction, I can get no satisfaction, but I try but I try, but I try!“

„Was soll das denn?“ fragte Suzan verwirrt. Sie war völlig geschockt. Eben war ein Mensch gestorben und nun dies.

„Das können Sie sich doch denken“, antwortete Ellen Mursovic. „Die müssen die Leiche abtransportieren und die Bühne sauber machen. Dabei will niemand zusehen! Was glauben Sie, was dort für eine Schweinerei entstanden ist. Das Gehirn von dem hängt doch nun am Glas. Deshalb hat man diese kleine Abwechslung eingebaut. Amüsieren Sie sich einfach.“

Nach dem Song sprang einer der derzeitigen Stars aus der Comedian-Szene auf die Nebenbühne und begann sofort, Witze zu erzählen: „Also wissen Sie, ich habe ein tolles Schätzchen. Sie hat wunderbare Titten, ist große Klasse im Bett und sieht mit ihren strohblonden Haaren fabelhaft aus. Das einzig Dumme ist, sie ist nicht besonders helle. Aber vielleicht ist das gar kein Fehler sondern ein Vorteil. Da muss ich ihnen eine Geschichte erzählen, die ihr vor kurzem passiert ist. Sie hat wie so oft ein anderes Auto geschrammt, und der wütende Fahrer des anderen Wagens rief ‚Haben Sie überhaupt eine Fahrprüfung gemacht‘ und da hat mein Schätzchen geantwortet ‚Bestimmt öfters als Sie.‘“

Der Saal tobte vor Lachen, obgleich mindestens 80 % der anwesenden Frauen blonde Haare hatten. Der Beifall spornte den Comedian an, und er fuhr fort: „Was macht eigentlich eine Blondine, wenn der Computer brennt?“ Lachen im Saal. „Sie drückt die Löschtaste.“

Wieder tobte der Saal vor Vergnügen.

„Neulich bat ich mein Schätzchen: ‚Schau doch bitte nach, was in dieser Woche in meinem Terminkalender steht.‘ Sie müssen wissen, ich bin sehr beschäftigt, und mein Terminkalender ist für mich äußerst wichtig. Ganz eifrig nahm sie das kleine lederne Buch in die Hand und blätterte darin. Dann sagte sie stolz: ‚Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag‘.“

Die Band begann wieder zu spielen, diesmal einen aktuellen Hit der gerade über alle Sender lief und sich blendend verkaufte. Das Publikum ging mit und klatschte den Takt. Dann wurde es wieder dunkel, und als die Scheinwerfer erneut aufflammten, sah man eine dritte Bühne. Dort waren fünf Kletterstangen aufgebaut und davor standen fünf Frauen im Alter do etwa zwischen zwanzig und fünfundvierzig. Sie hatten sich aufwendig zu recht gemacht und trugen ihre wahrscheinlich besten Kleider. Zwei von ihnen hatten kurze schwarze Haare, die anderen waren blond mit Dauerwellen. Eine der Kandidatinnen war gertenschlank, zwei recht füllig und zwei hatten eine normale Figur. Die Frauen blickten unsicher, aber auch trotzig in den dunklen Saal und harrten der kommenden Geschehnisse, von denen sie noch nichts wussten.

Ein weiterer Moderator erschien unter dem Beifall des Publikums. Er hieß Mark Winpad. Suzan hatte ihn irgendwann einmal im Fernsehen gesehen. Mit einem Mikrofon in der Hand ging er von einer zu anderen Frau, fragte nach ihrem Namen, Beruf, Ehemann und Kindern.

„Die wissen natürlich nicht, wo sie sind und was hier abgeht“, flüsterte Ellen Mursovic. „Die denken, sie sind in einer normalen Fernsehshow.“

Dann erklärte Winpad das Spiel. Die fünf Frauen hatten am Nachmittag, bevor sie nach ins LOST geflogen worden waren, in den exklusivsten Boutique ihrer Stadt einkaufen dürfen, alles was gut und teuer war, was immer ihr Herz begehrte. Gucci Taschen, Kostüme, Schuhe, Mäntel Kleider von Armani, Astley Clarke, Bogner, Catherine Weitzman und wie die Designer alle heißen. Diese Schätze hingen nun in Beuteln am Ende der Kletterstangen.

Die fünf Frauen waren nervös und blickten gierig nach oben. Da hing ihre in langen Stunden ausgesuchte Garderobe. Diese Frauen, die normalerweise bei Woolworth einkauften, hatten noch nie solche Kleider besessen.

„Ja, meine Damen, Sie haben sich wunderbare Sachen ausgesucht und dies alles gehört auch wirklich Ihnen, mit einer kleinen Einschränkung.“ Winpad lächelte verschmitzt, und der ganze Saal lachte. „Sie müssen sich die Kleider, Taschen oder Schuhe erst noch besorgen. Da oben hängen Sie. Klettern Sie einfach hinauf und holen sich, was ihr Herz begehrt. Leider können wir Ihnen dafür nur fünf Minuten zugestehen. Die Show muss schließlich weitergehen. Die Zeit läuft ab jetzt.“

DieFrauen zögerten keine Sekunde, umklammerten die Stangen und versuchten hoch zu klettern. Doch dies gelang ihnen nicht, sie rutschten immer wieder ab. Die erste begann ihrer Hose und Strumpfhose auszuziehen und kletterte nun, nur noch mit einem Slip bekleidet, nach oben. Ihre nackten Füße fanden an der glatten Stange so besseren Halt. Sie hatte bereits einen Meter geschafft, als die anderen Frauen sahen, wie erfolgreich die Konkurrentin war. Nun rissen auch sie sich die Kleider vom Leib und versuchten erneut zu kletterten. Die Zuschauer tobten vor Vergnügen. Man hörte anfeuernde Rufe. Zum Erstaunen von allen erreichte die dickste der Frauen als erste das Ende der Stange und zog an einer roten Schnur. Ihre Schätze fielen zu Boden, und sie rutschte sogleich wieder die Stange herunter, aber so schnell, dass sie hart auf den Boden aufprallte und sich dabei, wie man an ihrem schmerzverzerrten Gesicht sehen konnte, den Knöchel verstauchte. Sie humpelte zu Mark Winpad, der Sie beglückwünschte. Der Saal applaudierte höflich. Inzwischen hatten zwei weitere Frauen das Ziel erreicht, während sich die verbliebenen Teilnehmerinnen noch immer vergeblich bemühten, nur noch mit Slip und BH bekleidet, die Stangen zu erklimmen.

Plötzlich ertönte ein lauter Gong und Winpad rief: „Es ist vorbei!“

Die Frauen mussten sich in einer Reihe aufstellen, die einen wurden beglückwünscht und erhielten Applaus, den anderen schüttelte Winpad die Hand und heuchelnd sein Bedauern, dass sie nun leer ausgehen mussten. Eine der Verliererinnen brach in Tränen aus. Da stand sie vor einer unsichtbaren Menge in ihrer billigen Unterwäsche, man sah den Speck um ihre Hüften und die Orangenhaut an den Oberschenkeln. Die Zuschauer, die tausende Dollars im Monat nur für den Friseur ausgaben, buhten erbarmungslos.

Nun erlosch das Licht, und die fünf Frauen und ihr Schicksal verschwanden in der Dunkelheit. Stattdessen erstrahlte nun wieder die Bühnenmitte in hellem Licht. Luder Backridge, der Moderator war zurück, die bequemen hohen Hocker standen wieder auf ihrem Platz. Alles war sauber und rein, so als hätte es keinen tödlichen Zwischenfall gegeben.

Suzan hatte genug gesehen. Ihr war übel von dieser menschenverachtenden Veranstaltung. Deshalb stand sie auf und verabschiedete sich von ihren Bekannten. Die waren mehr als erstaunt und erklärten, dass doch der Spaß nun erst richtig begänne. Eine solche Show gäbe es erst in drei Wochen wieder. Doch Suzan ließ sich nicht aufhalten und schlief in dieser Nacht sehr schlecht.

8

Mon dieu, der Typ sah gut aus. Braun gebrannt, aber nicht zu dunkel, etwa 180 groß und 66 Kilo schwer, mit keinem Gramm Fett an seinem Körper. Mit seinen 24 Jahren war er bereits umfassend gebildet und studierte - natürlich - in Harvard.

Man sah ihm an, dass er ausgiebig Sport jeder Art betrieb und sicher in der Footballmannschaft der Universität die Rolle des Quarterbacks innehatte. Wenn er sprach, benutzte er gerne französische Floskeln wie mercie, si vous plais, bon jour, a votre plaisir und so fort. Ein Amerikaner, der gerne Französisch parliert, war nun wirklich eine Besonderheit, wenn man bedenkt, was man in den USA von den Franzosen hält.

Es war schwierig gewesen, ihr Gefolge, dass sei ständig umgab, loszuwerden, aber auf dem kleinen Segelboot hatten eben nur zwei Menschen Platz. Der Typ hatte Suzan den ganzen Nachmittag in einer kleinen Schaluppe über den See geschippert und sie dabei prächtig unterhalten. Dies war schließlich auch sein Job. Nein, nicht sein richtiger Job, den übte er in Harvard aus, sondern sein Ferienjob. Zwar hatte seine Familie unendlich viel Geld, und er hätte es eigentlich nicht nötig gehabt, in den Ferien zu arbeiten, aber seine Familie war der Meinung, dass es nichts schade, wenn die jungen Leute die Härte des Berufslebens frühzeitig kennenlernen. Die Jugend solle am eigenen Leib erfahren, wie schwer es ist, Geld zu verdienen.

Man kann zwar Segeln bei strahlendem Sonnenschein nicht unbedingt als hartes Berufsleben bezeichnen, und der Verdienst, den sich Tom Jenkings, so hieß der Junge nämlich, damit erarbeitete, reichte nicht einmal für eine Tankfüllung seines Porsches aus, aber er nahm dennoch die Aufgabe sehr ernst und gab sein Bestes.

Nach einem vergnüglichen Nachmittag saßen sie nun auf einer hölzernen Terrasse, die in das Wasser des Sees hinein gebaut war, und tranken in der untergehenden Sonne weißen italienischen Wein. Die Bedienung hatte windgeschützte Kerzen und einige Köstlichkeiten zum Knabbern auf den Tisch gestellt.

Suzan war entspannt und müde von diesem schönen Tag. Sie genoss jede Minute und hatte keine Lust zum Reden. Das musste sie auch nicht, denn dies besorgte Tom Jenkings. Er war offensichtlich der Meinung, dies gehöre zu seinem Job.

Der Doktortitel seines Schützlings hatte ihm schwer imponiert. Deshalb bemühte er sich, kein belangloses Zeug zu plappern, sondern eine anspruchsvolle Unterhaltung zu führen. Suzan war es gleichgültig, was er redete. Sie träumte ein wenig und versuchte, die Atmosphäre des Sees, die Ruhe, den Frieden des Ortes in sich aufzunehmen.

Nachdem Tom von seinem Studium berichtet hatte, er studierte Ethnologie, kam er ins Fabulieren über die Menschheit an sich. Die Erde sei ganz einfach überbevölkert, und die Hungerepidemien in der Dritten Welt gingen auf die dortige hemmungslose Zeugung von Kindern zurück. Es bringe überhaupt nichts, ständig neue Hilfsgüter zu liefern, man müsse das Übel an der Wurzel anpacken und die ständige Vermehrung einschränken. Deshalb habe man, wie er aus informierten Kreisen erfahren hatte, ein eugenisches Programm aufgelegt. Unter dem Vorwand, man wolle Infektionskrankheiten ausrotten, führe man umfangreiche Impfaktionen durch, mit einem Stoff, der gleichzeitig eine sterilisierende Wirkung habe. Sogar ein bekannter Bestsellerautor, sie kenne sicher Dan Brown, habe in einem seiner Thriller die Thematik aufgegriffen.

So wie die Natur gebändigt werden müsse, indem man Bäume und Sträucher zurückschneidet, um Wildwuchs zu verhindern, so müsse auch die Menschheit insgesamt gebändigt werden. Auch hier sei der Wildwuchs schädlich und ordnende Hände müssten eingreifen.

Ja, man schneide die Natur zurück, damit sie nicht alles überwuchert. Und, so hässlich es klingt, man müsse auch die Menschheit zurückschneiden. Dies sei natürlich ein schmerzlicher, wenn auch notwendiger Prozess: „Wir tragen die Verantwortung für diesen Planeten und müssen ihn bewahren, auch im Interesse unserer Kinder. Wir sind die Letzten, die eine Chance haben, das Unheil zu stoppen. Die Menschen kommen mir manchmal wie ein Krebsgeschwür vor, das man mit Stahl, Strahl und Chemie aus dem gesunden Fleisch entfernt muss. Aber wir werden den Krebs besiegen!“

Seine Augen leuchteten und seine Wangen hatten sich vor Erregung gerötet, als er weiter ausführte: „Die Menschheit hat sich über Jahrtausende hinweg ziellos entwickelt. Dem muss ein Ende gemacht werden. Es ist die Aufgabe der Eliten, diese Entwicklung zu steuern, Verantwortung für die ganze Menschheit zu übernehmen. Machen wir uns nichts vor, seit der Antike hat es keine wirkliche Fortentwicklung der Menschen mehr gegeben. Sicher, es wurden technische Innovationen geschaffen, um das Leben angenehmer zu gestalten. Aber wenn man die Völker und ihre Kultur betrachtet, so ist eigentlich kein wirklicher zivilisatorischer Fortschritt zu erkennen. Es ist unsere moralische Pflicht, die Menschheit endlich zu einer höheren Entwicklung zu führen. Ich will den Begriff des Übermenschen von Nietzsche bewusst vermeiden, aber es gibt eben höher stehende und niedrige Menschen.“

Dann fragte er, ob Suzan bei dieser Veranstaltung „Wer wird Millionär“ gewesen sei. Da habe man doch das Problem der niederen Menschen deutlich erkennen können.

Die Förderung des zivilisatorischen Fortschritts und die Reinerhaltung der höheren Blutlinien sei ein Teil des Begriffes der Neuen Weltordnung. Kriege würden sich wohl auch in der Zukunft nicht vermeiden lassen. Warum auch? Kriege und die Entwicklung von neuen Waffen waren stets die Treibmittel für zivilisatorische Sprünge, für Weiterentwicklung und Aufstieg in höhere kulturelle Sphären. Klar, Menschen stürben in Kriegen und müssten viel leiden, aber dies habe die angenehme Nebenwirkung, dass dadurch die Menschheit dezimiert und somit der Erdball gelüftet würde.

Suzan, die bisher nur mit halbem Ohr zugehört hatte, schreckte aus ihrer Nachdenklichkeit auf. Das, was Tom zum Besten gab, konnte sie nun wirklich nicht unwidersprochen stehen lassen. Andererseits war es unsinnig, mit diesem Jungen von 24 Jahren zu diskutieren, der schließlich nur das wiedergab, was ihm seine Umgebung zuhause und in der Universität eingetrichtert hatte. Aber dem Geschwätz weiter zuhören, das wollte sie auch nicht. Deshalb riss sie sich zusammen, erhob sie sich und bat Tom, sie zurück ins Hotel zu bringen. Der war über den abrupten Aufbruch zwar erstaunt, aber schließlich war sie die Auftraggeberin, und er wusste, dass er sich Ihren Wünschen anzupassen hatte.

Gemächlich schlenderten sie zu dem Jeep, mit dem er sie abgeholt und zum See gebracht hatte. Er fuhr langsam durch die anbrechende Dunkelheit zurück, und weil sie noch immer schwieg, sah er sich verpflichtet, weiter zu reden.

Er sprach von seiner Liebe zur klassischen Musik und kam dann auf den Bolero von Ravel zu sprechen. Er könne sich überhaupt nicht vorstellen, warum diese Musik seit ihrer Entstehung so falsch interpretiert worden sei. Der Bolero sei doch ganz eindeutig die musikalische Wiedergabe des Koitus. Er beginne langsam und leise aber rhythmisch, wobei der Rhythmus bis zum Ende durchgehalten werde, der Rhythmus eines ineinander verschlungenen Paares. Die Intensität steigere sich im Verlauf des Aktes und münde schließlich in den tosenden Orgasmus. Besser als durch die atonalen Akkorde von Ravel könne man diese höchste Erfüllung der Lust, die alle Grenzen sprengt, wohl nicht musikalisch darstellen.

Kurze Zeit später waren sie vor Suzans Suite angekommen, und Tom parkte den Wagen etwas abseits vom Eingang. Suzan reichte ihm die Hand, dankte ihm und wollte aussteigen. Doch er fasste sie an der Schulter und hielt sie zurück. Er wolle ihr seine Theorie über den Bolero demonstrieren, sagte er. Er habe auch eine CD mit dieser Orchesterstudie dabei. Triumphierend zog er eine silberne Scheibe aus dem Handschuhfach. Es wäre für seine Klientin sicherlich ein großes Erlebnis, die körperliche Umsetzung der Musik zu erfahren.

Suzan sah ihn verwundert an. Damit hatte sie nicht gerechnet.

Nein, sagte sie nach einer Pause, nach derartigen Erfahrungen stünde ihr zurzeit nicht der Sinn.

Dies sei sehr schade, war die enttäuschte Antwort, schließlich wolle auch er ausprobieren, ob seine Theorie stimmt. Mit den Mädchen seines Alters sei dies nicht möglich, die hätten andere Interessen und wollten keine musikalischen Theorien im Bett erproben.

Suzan tröstete ihn, er werde sicherlich noch eine entsprechende Partnerin zum Experimentieren finden, verabschiedete sich dann hastig, stieg aus und rannte mehr, als dass sie lief, zum Eingang.

9

Eine endlose Menschenschlange. Männer und Frauen. Der vorderste bückt sich und stützt seine Hände auf die Knie. Der hinter ihm Stehende springt über seinen Rücken, bleibt danach stehen und stützt ebenfalls seine Hände auf die Knie. Während er wartet, taucht eine schwarz gekleidete Gestalt auf, das Gesicht hinter einer Maske verborgen, und schlägt dem Springer den Kopf ab. Dann springt der Nächste, bleibt stehen und krümmt den Rücken und bekommt den Kopf angeschlagen. So geht es endlos weiter. Die Wiese, auf der das stattfindet, ist bereits voller Blut. Warum laufen die Menschen nicht davon? Warum warten sie geduldig, bis sie abgeschlachtet werden?

Endlich unterbrach das Läuten des Telefons den Alptraum. Suzan schreckte hoch. Sie war lange wach gelegen und hatte dann nur ein wenig gedöst, bis sie in den Alptraum versunken war. Eine derartige Wirkung trat bei ihr stets ein, wenn sie zu viel Weißwein oder Champagner getrunken hatte.

Verwirrt schaute sie auf die Uhr. Es war halb 3 Uhr in der Nacht. Wer konnte sie jetzt anrufen? War es der Graf? Sie hatte doch erst am vergangenen Morgen mit ihm telefoniert. Er war wie immer sehr interessiert und besorgt gewesen, aber es gab keine wirklichen Neuigkeiten. Auf seine Intervention hin, wurde sie von der Polizei nicht mehr gesucht und auch die Anklage wegen Versicherungsbetrugs war niedergeschlagen worden. Sogar die Zeitungen hatten sich die tolle Story über die verrückte Ex-Ministerin entgehen lassen und über den Vorfall geschwiegen. Der immense Einfluss des Grafen überraschte Suzan immer wieder.

Sie verkrampfte sich, als sie zum Hörer griff und brauchte eine Weile, bis sie kapierte, wer sie sprechen wollte. Ein Mann sagte immer wieder: „Hier ist Thor?“

Und sie antwortete: „Wer ist Thor?“

Endlich begriff sie, der Anrufer war Thor Bendtsen, einer ihrer unermüdlichen und aufdringlichen Begleiter.

„Was wollen Sie?“

„Ich muss mit Ihnen sofort sprechen?“

„Sofort? Was? Jetzt mitten in der Nacht?“

„Ja, ich stehe schon vor Ihrer Tür.“

Suzan stand langsam auf und versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen. Über ihr langes Nachthemd aus schwarzer Seide, das der Graf für sie ausgesucht hatte – so war eben sein Geschmack – zog sie einen Morgenmantel in der gleichen Farbe und aus dem gleichen Material. Dann tastete sie sich zum Eingang der Suite und öffnete die Tür.

Draußen stand tatsächlich Thor Bendtsen. Der große Mann trat schüchtern ein, aber an seinem roten Gesicht sah man, wie erregt er war. Ein Mann wie ein Bär und dennoch völlig aus dem Häuschen.

„Sie sind in Gefahr“, rief er, ohne sich zu setzen.

„Was soll das heißen?“

„Man will den Grafen treffen und plant deshalb ein Attentat auf sie.“

„Wer will hier in den Staaten etwas von mir? Und was wissen Sie vom Grafen?“

„Dahinter stecken die Familien!“

Suzan wurde ärgerlich: „Ich kann das Wort ‚Familien‘ einfach nicht mehr hören. Die ominösen Familien wollen dies, sie wollen das, sie haben dieses beschlossen, sie haben jenes beschlossen. Diese Familien stellen mir eine Betreuerin – oder sollte ich besser sagen - Aufpasserin zur Seite, damit alle meine Wünsche erfüllt werden. Wünsche, die ich gar nicht habe. Mein einziger Wunsch ist, in Ruhe gelassen zu werden. Und nun sollen die gleichen Familien mir ans Leder wollen? Das ist doch alles kompletter Schwachsinn.“

„Die Familien sind keine Einheit“, versuchte der späte Besucher zu erklären. „Es gibt auch bei ihnen unterschiedliche Interessen und Strömungen. Die einen sind um Sie besorgt, die anderen haben noch eine Rechnung mit dem Grafen zu begleichen.“

„Und was haben Sie damit zu tun? Woher wissen Sie so gut Bescheid?“

„Suzan, ich muss Ihnen ein Geständnis machen. Ich bin Ihr Bodyguard.“

Die Frau starrte ihn schweigend an, als er fortfuhr: „Ich bin zwar Ihr Bodyguard, aber eigentlich bin ich kein Bodyguard. Das ist ja das Problem, dass ich eigentlich als Ihr Bodyguard Sie beschützen soll, da ich aber gar kein Bodyguard bin, kann ich dies wahrscheinlich nicht.“

Suzan starrte den Mann entgeistert an und bat ihn, ganz langsam von vorn zu erzählen und endlich die Wahrheit zu sagen. So kam heraus, dass Thor Bendtsen selbst zu den Familien gehörte. Man hatte ihn geschickt, um ein Auge auf die prominente Besucherin aus Europa zu haben. Dahinter steckte wieder der Graf, der Suzan Bergstoh in Sicherheit wissen wollte. Vor einer Stunde hatte Thor jedoch einen Anruf erhalten, wonach ein Killer auf seinen Schützling angesetzt sei. Man wolle mit dem Mord den Grafen treffen und ihn in irgendeiner Sache zum Einlenken bewegen. Er, Thor, sei darüber so erschrocken gewesen, dass er Suzan gleicht habe warnen müssen.“

Die deutsche Frau bewahrte Ruhe. Sie fragte nur: „Mann oder Frau?“

„Was meinen Sie mit Mann oder Frau?“

„Ist der Killer männlich oder weiblich?“

„Das weiß ich nicht“, war die verlegene Antwort.

„Thor, Sie sind mir ein schöner Bodyguard. Haben Sie wenigstens eine Waffe?“

„Ja schon. Aber ich habe sie nicht dabei. Sie liegt in meinem Appartement.“

Suzan schenkte zwei Gläser mit Whisky ein, tat in jedes Glas zwei Eiswürfen und reichte ein Glas ihrem Besucher.

„So, trinken Sie erst einmal und beruhigen sich wieder.“

Um ihn abzulenken, fuhr die Frau fort: „Und nun erzählen Sie mir mal Ihre Lebensgeschichte. Ich glaube, wir beide sollten uns etwas näher kennenlernen.“

Thor nahm einen großen Schluck und klingelte dann nervös mit den Eiswürfel, während er mit seiner Erzählung begann: „In unserer Familie wird schon seit Generationen das Familienvermögen über die Frauen vererbt. Die Frauen suchen sich zwar Männer zum Heiraten, aber der gesamte Besitz geht jeweils an die älteste Tochter. Dies ist auch nicht anders möglich, denn seltsamerweise werden in unserer Familie nur selten Söhne geboren, ich bin da eine Ausnahme, und die sind nicht erbberechtigt. Wir sind also eine matriarchalische Familie.“

„Wow, da würden die Feministinnen in meinem Land aber jubeln, wenn sie davon wüssten. Aber wie ist dies möglich in einem derart patriarchalisch strukturierten Land wie die USA?“

„Dieses Land hat mehr Geheimnisse, als man in der Welt davon weiß. Ja, nicht einmal die Mehrzahl der eigenen Bevölkerung weiß überhaupt, dass es diese Geheimnisse gibt. Dabei machen die Eingeweihten gar keinen Hehl daraus. Selbst auf dem am meisten benutzten Geldschein finden sich entsprechende Hinweise. Aber die will man eben nicht wahrnehmen – und das ist gut so!“

„Ich weiß, ich weiß, die Pyramide und die geheimnisvollen Sprüche. Fahren Sie fort!“

„Über die Symbole auf dem Dollarschein gibt es ganze Bücher. Doch ich will Sie nicht langweilen. Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich mir einen Joint drehe? Ich brauche etwas zur Beruhigung.“

Suzan nickte, fragte aber: „Sie haben Rauschgift? Wo haben Sie das her?“

„Ein bisschen Hasch würde ich zwar nicht Rauschgift nennen, aber hier gibt es spezielle Shops, da können Sie alles offen kaufen.“

„Alles?“

„Klar alles. Cannabis, Heroin, Meskalin, LSD. Doch die meisten hier nehmen Kokain. Schon wegen dem Sex!“

„Das ist mir bisher gar nicht aufgefallen. Ich bin wohl etwas naiv.“

„Sie können hier auch in jedem Restaurant und in jeder Bar eine Art Mineralwasser bestellen, das mit Drogen versetzt ist, die high machen. Es heißt ‚Luck and Sunshine‘. Auf dem Etikett steht der Spruch: Health is more important than money. Mit diesem Zeug hat man Ihnen sicher schon zugeprostet.“

Suzan nickte: „Und jetzt fahren Sie mit Ihrer Geschichte fort.“

„Meine Mutter war also eine ziemlich reiche Frau, als sie auf meinen Vater aufmerksam wurde. Ihre Eltern, meine Großeltern, waren beide bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Mutter musste den gesamten Besitz, all die Beteiligungen an den Konzernen und Banken, kurz das gesamte Geflecht an Aktien, Aufsichtsräten, Firmen, und was sonst noch, verwalten. Damit war die junge Frau natürlich völlig überfordert. Deshalb suchte sie sich einen Ehemann, dem sie diese Aufgabe übertragen konnte. Zwar hatte sie Direktoren, Berater, Rechtsanwälte, aber sie vertraute ihnen nicht. Irgendwie war sie der Meinung, ein richtiges Familienmitglied müsse die Oberhand oder besser die Oberaufsicht über alles behalten. Sie suchte sich also einen Gatten, und wen fand sie? Sie werden es nicht glauben - einen Priester. Ja, mein Vater war früher ein Priester gewesen. Doch er erlag dem Charme dieser jungen Frau und schiss auf seine Gelübde. Sie heirateten auf dem Standesamt und nicht in der Kirche, denn diese hatte den abtrünnigen Priester exkommuniziert. Meine Mutter hat bis heute nicht verwunden, dass ihrer Ehe der göttliche Segen fehlt. Vielleicht aus diesen Schuldgefühlen, vielleicht aus anderen Gründen wurde sie immer bigotter und läuft nun beinahe täglich in die Kirche, um dort die Messe zu hören und ihre kleinen, harmlosen Sünden zu beichten. Sie ließ sogar auf unserem Land eine eigene prunkvolle Kirche bauen und stellte zwei Priester als unsere Bediensteten ein.

So weit so gut, sie hatte endlich einen Ehemann, wenngleich ohne Gottes Segen, aber zumindest sollte er die Verwaltung des Besitzes übernehmen. Doch damit war der Ex-Priester völlig überfordert. Ich kann heute so über meinen Vater sprechen, denn er lebt nicht mehr. Er hat seinem Leben selbst ein Ende gesetzt, wodurch meine Mutter nur noch mehr darin bestätigt wurde, dass ihrer Verbindung Gottes Segen gefehlt hatte. Inzwischen leiten Fachleute unseren Konzern, und es geht uns nicht schlecht dabei.

Ich war als Junge sehr schüchtern und zurückgezogen. Aber ich las viel und ging jedem Streit aus dem Wege. Vielleicht war ich feige, vielleicht war‘s Überzeugung. Wie schon gesagt, ist die Kirche das zweite Zuhause meiner bigotten Mutter. Als ich klein war, musste ich sie immer begleiten. Das war aber nicht schlimm, denn ich fand die Atmosphäre in der Kirche schön. Der Duft nach Weihrauch, die Gesänge, das Kerzenlicht, überhaupt alles, gefielen mir. Und so wollte auch ich dort mein Leben verbringen. In meinem Zimmer hielt ich auf einem selbst gebastelten Altar eigene Gottesdienste, denn schließlich konnte ich nach einiger Zeit die gesamte Liturgie auswendig.

Als ich die Schule endlich hinter mir hatte, begann ich Theologie zu studieren. Brav lernte ich Griechisch, Latein und Hebräisch. Aber das, was ich in den Vorlesungen hörte, passte so gar nicht zu meinen Vorstellungen von Religion, von Gott und von Christus. Da war nicht die Rede von einem gütigen Beschützer und seinen Schutzengeln, die stets ihre Hände über mich halten. Da ging es um Bibelkritik, im Alten Testament wurde von Völkermord, Sodomie, Ehebruch, Onanie berichtet. Nein, diesen Beruf konnte ich nicht ergreifen, der Gemeinde irgendetwas vom lieben Herz-Jesulein erzählen und gleichzeitig wissen, dass dies alles nur Ammen-Märchen sind. Ich konnte keine Kirche vertreten, die sich als Mittler zwischen Gott und den Menschen aufspielt. Ich fragte mich mehr und mehr, woher sich die Kirche das Recht nimmt, im Namen Gottes zu sprechen. Ich erkannte, dass es bei dieser Religion in erster Linie um Macht ging und weniger um das Seelenheil der Menschen - und sicher geht es auch um Geld. Da wollte ich nicht mitmachen, und so schmiss ich mein Studium und ging zum Militär.“

Suzan hatte bisher interessiert zugehört, doch nun wurde sie müde. Ihr fielen die Augen zu, und sie hörte nur noch Bruchteile der Erzählung: „Wurde ich Scharfschütze .. bekam Orden .. habe Menschen getötet .. ich, der ich doch ins Himmelreich kommen wollte … bekam große Depression … Mutter .. Therapie…meine Freundin .. haben uns getrennt … trainierte Kampfsportarten … bekam diesen Auftrag als Bodyguard … Sie sind mir sympathisch.“

Gewaltsam zwang sich die Frau die Augen zu öffnen. Ihr Körper straffte sich und sie sagte entschieden: „Wir sprechen morgen weiter. Ich muss schlafen, und Sie müssen jetzt gehen.“

„Aber wenn der Attentäter heute Nacht kommt, dann sind Sie ohne Schutz“, wandte der Mann ein.

„Dann sollen er oder sie eben kommen. Das ist mir auch egal. Ich muss jetzt schlafen.“

„Soll ich nicht doch lieber hier in Ihrer Suite bleiben und hier übernachte?“

„Nein, gewiss nicht!“ Suzan wollte nicht unhöflich sein, aber diese Führsorge ging ihr nun doch etwas zu weit. „Ich werde die Tür abschließen, das dürfte genügen.“

Am Frühstückstisch waren wieder alle versammelt und es wurde munter geplaudert. Thor sah Suzan immer wieder an und zwinkerte ihr zu, so als hätten sie beide eine Liebesnacht verbracht. Von den anderen bemerkte keiner die Vertraulichkeit. Alle waren mit den Plänen für den Tag beschäftigt. Gemeinsam beschloss man einen Besuch im Spielkasino.

10

Das Kasino lag außerhalb der Anlage auf der anderen Seite des Sees. Auch die Spielbank war ein Rundbau, der im Innern allen gängigen Vorstellungen entsprach, die man sich von einem Kasino macht: Schwere Vorhänge, Stofftapeten an den Wänden, ein leises Murmeln und Summen in allen Räumen, das Surren der Roulettekugel, die gedämpften, ruhigen Stimmen der Croupiers, aufmerksame Kellner, die Spieler in Abendgarderobe.

Alles war weitläufig. Jeder Roulettetisch stand in einem eigenen Saal, daneben gab es noch kleine Separees, in denen Karten gespielt wurde. Die Einsätze waren, wie Suzan sogleich bemerkte exorbitant hoch. Der geringste Chipwert betrug 10.000 Dollar, aber die meisten Anwesenden hatten 100.000er und 500.000er Chips vor sich liegen. Corinna Master ließ sich von ihrem Schützling die Platinkarte geben und holte für sie eine Million Dollar in Chips.

Suzan fühlte sich sehr unwohl. Diese Einsätze waren ihr einfach zu hoch. Soviel Geld, wie hier bei einem einzigen Spiel gesetzt wurde, hatte sie in ihrem ganzen Leben nicht verdient. Doch nun gab es kein Zurück mehr, wenn sie sich nicht blamieren wollte.

Sie setzte 100.000 auf Rot - und gewann. Sie setzte noch einmal und gewann wieder. Langsam erfasste sie das Spielfieber. Nun versuchte sie es mit pair und impair und gewann wieder. Doch als sie es mit den Zahlen versuchte, war die Glückssträhne vorbei, und die Bank hatte sich den Gewinn zurückgeholt.

Sie wandte sich vom Roulette ab und beobachtete einen massigen Mann, der in einem Rollstuhl hereingefahren wurde. Er trug einen teuren Abendanzug und hatte die Sechzig weit überschritten. Sein Gesicht war aufgedunsen und seine Augen klein und böse. Der Rollstuhl wurde von einem Hünen geschoben, sicher der Bodyguard, rechts lief eine junge Frau, bildschön - Freundin, Sekretärin, Tochter, Ehefrau oder wer sonst? - und links ein junger Mann, ganz offensichtlich Diener und Sekretär in einem. Der Mann dirigierte seine Entourage zu einem der Black-Jack-Tische, drängte sich rücksichtslos durch die anderen Spieler, die ihm sogleich bereitwillig Platz machten. Er schnippte mit den Fingern und ließ sich von der jungen Frau einen Stapel Jetons in die Hand drücken.

Ellen Mursovic stand neben Suzan und flüsterte ihr ins Ohr: „Das ist Lyndon M. Duchamp einer der ganz Großen unter den Familien. Dieser Mann hat wahrscheinlich mehr Macht als der US-Präsident. Er liebt das Spielen und kommt ziemlich oft hierher. Besonders“, und nun kicherte sie ein wenig, „weil ihm das Kasino zu einem großen Teil selbst gehört. Wenn er verliert, so im Grund an sich selbst.“

Suzan gab keine Antwort und zeigte sich nicht beeindruckt. Ohne weiter auf die Begleiterin zur achten, schlenderte sie durch die verschiedenen Säle des Kasinos. Schließlich kam sie in einen kleinen Raum. Dort saßen um einen runden Tisch vier Frauen. Sie waren alle schon älter, recht füllig und mit Juwelen und Perlen von oben bis unten behangen. Die gefärbten Haare, sicher von den teuersten Friseuren bearbeitet, glänzten in den Farben blau bis rosa. Wie Suzan mit einem raschen Blick erfasste, spielten die Damen Poker. Doch anstatt Jetons oder anderes Geld lagen vor Ihnen auf dem Tisch Geschäftspapiere und Urkunden, von denen sie jeweils eine in die Mitte des Tisches warfen und damit boten.

Suzan, die ihnen fasziniert zusah, hörte eine von ihnen mit schriller Stimme ansagen: „50 Anteile IBM“

„Die halte ich und erhöhe um IVE-Technologie.“

„Wer ist das denn, und wie viel sollen die wert sein?“ fragte nun eine andere Frau und schlug mit ihrer fetten Hand, an der auf jedem Finger ein Ring blitzte, auf den Tisch.

Die Frau, die IVE-Technologie geboten hatte, antwortete: „Die Firma ist zwar noch klein, aber sie ist groß im Kommen und man gibt ihr gute Chancen auf dem Markt. Sie ist auf jeden Fall deine 50 Anteile IBM wert.“

„Nun gut, dann wollen wir das einfach mal durchgehen lassen“, sagte die dritte Frau. „Ich gehe mit und biete ein Wasserwerk in Wisconsin.“

Die Vierte warf ihre Karten auf den Tisch und sagte: „Ich bin bei diesem Spiel draußen.“

Nach einer Weile wurden die Karten aufgedeckt, und die Gewinnerin zog all die Urkunden an sich und stapelte sie vor sich auf.

Ellen Mursovic stand schon eine Weile neben Suzan und beobachtete die Szene. Suzan wandte sich an ratlos sie: „Was geht denn hier vor sich?“

„Das ist doch ganz offensichtlich, hier wird um Firmen, Konzerne und diverse Beteiligungen gespielt. Die vier Damen sind bekannte und reiche Witwen, die von ihren Männern große Imperien geerbt haben. Geld ist also genug vorhanden. Aber diese Witwen langweilen sich, und so haben sie dieses Pokerspiel erfunden. Suzan, was glauben Sie, wie erstaunt so mancher Direktor oder Aufsichtsratsvorsitzender in den nächsten Tagen ist, wenn er erfährt, dass man seinen Laden verkauft hat, und er nun entlassen wird oder unter einem anderen Direktorium arbeiten muss. Da sind schon die absurdesten Situationen entstanden. Natürlich ist es Schwachsinn, mit Firmen und ihren Mitarbeitern so zu verfahren. Aber was soll‘s, der Besitzer bestimmt eben, was zu geschehen hat.“

„Gibt es hier kein Kartellamt oder eine andere Behörde, die gegen diesen Unfug Einspruch erhebt?“

„Nicht in den USA – außerdem sind diese vier Weiber so mächtig, dass sich keine Behörde mit ihnen anlegen würde.“

Schlagartig wurde Suzan klar, dass diese vier Damen keine besondere Ausnahme waren, und dass derartige Spiele sicherlich auch in anderen Ländern stattfanden. Und sie selbst, dabei wurde ihr ganz mulmig im Magen, hatte mitgespielt. War sie nicht zu den Anteileigner-Versammlungen von diversen Firmen und Konzernen gefahren und hatte dort wider jede Vernunft Fusionen erzwungen oder anderen ökonomischen Unsinn durchgesetzt. Da musste eine kleine Firma eine große kaufen, blühende Unternehmen wurden einfach geschlossen und liquidiert. Hatte sie vielleicht dabei lediglich die Ergebnisse eines Pokerspiels umgesetzt?

Während sie noch darüber nachdachte, tauchte plötzlich ein junger Mann neben ihr auf, der Sekretär dieses Angebers im Rollstuhl. Er verbeugte sich leicht vor Suzan und erklärte, Mister Duchamp möchte gerne die Dame zu einem kleinen Spiel einladen.

Suzan sah ihn von oben bis unten an und erklärte dann unwirsch, sie habe dazu keine Lust.

„Das können Sie doch nicht machen“, Ellen Mursovic war ganz aufgeregt. „Eine Einladung von Mister Duchamp darf man nicht ausschlagen.“

„Und warum nicht?“

„Ich habe Ihnen doch schon gesagt, wer Mister Duchamp ist.“

„Sicher! Aber das beeindruckt mich nicht.“

Der junge Mann war inzwischen ungeduldig von einem Bein auf das andere getreten: „Würden Sie das bitte meinem Boss selbst sagen. Es wäre für mich sehr unangenehm, ihm diese Ablehnung überbringen zu müssen.“

„Wie käme ich dazu“, rief Suzan entrüstet.

Auf einmal wurde es um sie herum ganz still. Die Kasino-Besucher traten alle zur Seite und machten eine breite Gasse frei, durch die Mister Duchamp geschoben wurde.

„Meine liebe, gnädige Frau! Ich bin Lyndon Duchamp“, rief er schon aus einiger Entfernung mit seiner krächzenden Altmännerstimme, „entschuldigen Sie bitte meine Aufdringlichkeit, aber so einen prominenten Gast muss sich unbedingt zu einem Spiel einladen.“

Als das Wort „prominent“ fiel, richteten sich alle Augen auf Suzan, der es ganz unwohl in Ihrer Haut wurde. Verzweifelt versuchte sie, mit einer Handbewegung das falsche Komplement abzuwehren. Inzwischen hatte Duchamp sie erreicht, ergriff ihre Hand und schüttelte sie heftig.

„Was für eine Freude! Was für eine Freude“, rief er immer wieder. „Kommen Sie, kommen Sie, ich habe schon alles vorbereiten lassen.“.

Sein Bodyguard schob den Rollstuhl nun in eine andere Richtung. Alle folgten ihm und Suzan wurde, ob sie wollte oder nicht, mitgeschoben. Sie fand sich in einem kleinen Saal wieder, der bis auf einen rechteckigen mit grünem Filz bezogenen Tisch in der Mitte um den zwei Polstersessel und ein Stuhl standen, völlig leer war.

Duchamp wurde zu dem Tisch gefahren, dort aus seinem Rollstuhl gehoben und auf einen bequemen Sessel gesetzt. Auf den Sessel ihm gegenüber nötigte man nun Suzan, Platz zu nehmen. Den Stuhl an der Stirnseite nahm ein Croupier des Kasinos ein, der vor sich einen Kartenschlitten stellte. Die anderen Besucher, die neugierig auf das Spektakel starten, wichen weit zurück, so dass die drei Menschen ganz allein in der Mitte des Saales saßen.

Dienstbeflissen eilte ein Kellner herbei und stellte vor Lyndon Duchamp ein schweres Kristallglas mit goldgelb funkelndem Whisky. Suzan wurde gefragt, was sie trinken wolle, und bestellte Wasser.

Nun übernahm Duchamp wieder die Regie: „Ich schlage vor wir spielen Black Jack in der ganz einfachen Version, die sie in Europa 17 und 4 nennen. Da es ein Freundschaftsspiel ist, spielt der Einsatz wohl keine Rolle. Nehmen wir ganz einfach 50.000 Dollar pro Spiel, bei bust oder überkauft verdoppeln wir.

Suzan, die überrumpelt worden war, und der nun bewusst wurde, in welcher Lage sie sich befand, stand wieder auf und stammelte: „Sie verwechseln mich. Ich bin keine Profispielerin, sondern nur ein zufälliger Gast. Und nun entschuldigen Sie bitte, ich möchte gehen.“

„Aber meine Liebe, gnädige Frau! Natürlich ist dies kein Missverständnis. Ich weiß genau wer Sie sind. Ich möchte mit Ihnen auch nicht einen Wettkampf treten, sondern habe sie lediglich zu einem kleinen Spiel unter Freunden eingeladen.“ Die Stimme des Mannes dröhnte in dem Saal. Niemand von den Anwesenden sagte ein Wort. Auch Suzans Begleiter und Begleiterinnen waren nicht mehr zu sehen, sondern standen irgendwo zwischen den anderen Besuchern. Im Grunde genommen war sie mit diesem anmaßenden Mann und dem Croupier ganz allein.

In diesem Moment wurde Suzan klar, dass sie Angst hatte, Angst, die man förmlich riechen konnte.

„Wir brauchen noch etwas Spielgeld“, rief der Mann und schnippte mit dem Finger.

Sogleich eilte sein Sekretär herbei und baute einen Stapel Chips vor ihm auf. Auch Corinna Master erschien und brachte Suzan Coins.

Im Raum wurde es dunkler und der Kristalllüster über ihren Köpfen heller. Noch immer war er nicht klar, was dieser Duchamp bezweckte. Suzan wollte wegrennen, sich verstecken, ein Mauseloch suchen und marterte ihren Kopf, wie sie sich dieser Situation entziehen könnte. Doch es gab kein Zurück mehr. Der Croupier zog jeweils zwei Karten aus dem Schlitten und legte sie verdeckt vor die beiden Spieler. Sie hatten ein rotes Deck mit einem komplizierten Muster.

Suzan schickte sich in ihr Schicksal, hob die beiden Karten vorsichtig an und warf einen Blick auf ihren Wert. Es waren zwei Asse. Ihr Gegenüber tat genau das gleiche und dann schauten sie sich in die Augen und bemühten sich um eine möglichst unbewegte Miene. Der Croupier fragte: „Möchte jemand von Ihnen verdoppeln?“

Beide Spieler sagten wie aus einem Mund: „Warum nicht!“

Wie zu erwarten gewann Suzan mit ihren beiden Assen. Langsam wurde sie ruhiger. Was konnte ihr schon passieren? Sie hatte schließlich die gleichen Chancen wie dieser Duchamp.

Nach dem fünften Spiel, es hatte mal sie und mal er gewonnen, sagte Duchamp plötzlich: „Um Geld zu spielen, ist im Grunde langweilig. Ich schlage vor, wir nehmen nun als Einsatz Wunsch-Bons.“

Das englische „wishing“ sprach er wie „wixxing“ aus.

„Was soll das heißen?“

„Als Einsatz gelten von nun an Bons, mit denen man dem jeweiligen Besitzer verspricht, ihm jeden Wunsch zu erfüllen.“

„Das ist pervers“, entfuhr es Suzan spontan. „Da mache ich nicht mit. Ich liefere mich Ihnen doch nicht aus.“

„Aber mein lieber Gast, ich trage doch das gleiche Risiko und verspreche ihnen, nichts Unanständiges zu verlangen, wenn ich gewinne.“ Dabei lachte er wieder so dröhnend, so dass er sich verschluckte und zu husten begann.

„Bevor wir beginnen, brauche ich eine Zigarre. Es stört sie doch nicht?“

„Doch es stört mich“, antwortete Suzan leise, was der Mann geflissentlich überhörte.

Eine Havanna-Auswahl wurde ihm gebracht, er wählte sorgfältig, und als die Zigarre brannte, und er die erste große Rauchwolke ausgestoßen hatte, knurrte er zum Croupier: „Nun fang schon endlich an.“

Suzan zitterten die Hände, als sie ihre beiden Karten ansah: Eine Drei und eine Vier. Auch Lyndon Duchamp warf ein Blick auf seine Karten, und als der Croupier frage, ob einer der beiden Spieler verdoppeln wolle, herrschte er ihn an, er solle diese dämlichen Fragen lassen, schließlich spielten sie „wünschen“.

Suzan ließ sich eine weitere Karte geben: eine Zehn. Sie hatte nun 17 Punkte. Würde sie noch eine Karte nehmen, so bestand die Gefahr, dass sie sich überkaufte und damit tot war. Andererseits waren 17 Punkte leicht zu überbieten. Sie durfte aber mit ihrer Entscheidung nicht zu lange zögern, damit ihr Gegner keine Schlüsse aus ihrem Verhalten ziehen konnte. Also sagte sie mit fester Stimme: „Danke es genügt.“

Nun war Duchamp an der Reihe. Er ließ sich keine Karte geben und deckte auf. Der Mann war vorsichtig gewesen und hatte sich mit 16 Punkten zufrieden gegeben. Suzan hatte gewonnen.

Ein Stöhnen ging durch die Zuschauer, nachdem der Croupier das Ergebnis laut angesagt hatte. Doch Suzans Freude währte nur kurz, denn Duchamp erklärte, die Wunscherfüllung erhielte nur derjenige, der dreimal gewonnen habe.

„Sie können doch nicht ständig neue Regeln erfinden“, rief seine Gegnerin ärgerlich.

„Das sind keine neuen Spielregeln, sondern eine Selbstverständlichkeit“, war die lapidare Antwort und zum Croupier gewandt: „Schlafen Sie nicht ein. Machen Sie weiter!“

Diesmal bekam Duchamp die ersten Karten und ließ sich noch eine zusätzliche geben. Suzan hatte eine Sieben und eine Acht, und bekam auch noch eine Karte. Es war eine weitere Sieben und damit war sie tot.

Triumphierend rief der Mann, während er die eben erst angerauchte Zigarre nervös im Aschenbecher ausdrückte: „Sehen Sie, Sie müssen klein beigeben. Sie werden mir meinen Wunsch erfüllen.“

Obgleich sich viele Menschen an den Wänden drückten, war es noch immer totenstill im Saal. Keine Kellner gingen mit Getränketabletts zwischen den Menschen hindurch, keine Süßigkeiten und Snacks wurden gereicht. Alle starrten nur auf die beiden Menschen, die sich duellierten, ein Duell zu dem die Frau praktisch gezwungen worden war.

Suzan konnte die Karten nur noch schemenhaft erkennen. Lag dies an der Haarsträhne, die ihr immer wieder ins Gesicht fiel oder an der Aufregung. Vielleicht bekam sie gerade einen Gehirnschlag? Hastig trank sie ihr Glas Wasser leer und ließ sich nachschenken. Sie sah ihrem Gegner ins Gesicht und bemerkte, dass sein Blick flackerte und das linke Augenlied zitterte. Der Mann war also auch nervös, und das beruhigte sie ungemein.

Um ihn abzulenken, und das Spiel zu verzögern, fragte sie: „Woher kennen Sie mich eigentlich?“

Er sah sie verwirrt an und antwortete gepresst: „Wenn die Freundin des Grafen Manderscheidt hier aufkreuzt, dann wird man mich wohl verständigen? Oder sehen Sie das anders?“

Suzan wollte entgegnen, dass sie gar nicht die Freundin des Grafen sei, obgleich er sich darum bemüht habe, dass sie sich überhaupt nicht prominent fühle, dass sie hier in den USA sei, um einer Verhaftung wegen Brandstiftung zu entgegen, dass sie sich hier eigentlich nur erholen wolle und keine Duelle austragen – aber sie schwieg. Das alles ging diesen aufdringlichen Typ schließlich nichts an. Stattdessen stellte sie flüsternd eine weitere Frage: „Weshalb haben Sie mich herausgefordert? Was wollen Sie? Ich habe ihnen doch nichts getan.“

„Das ist doch nicht so schwer zu verstehen“, nun grinste Duchamp zynisch, „ich wollte ganz einfach mit der Freundin des mächtigen Grafen spielen.“

Suzan erkannte sofort die Doppeldeutigkeit dieser Aussage. Sie wusste nun, dass dieser Mann mehr wollte, als einfach nur gewinnen. Er wollte sie zerstören und zwar, um den Grafen zu treffen. Sie hatte nichts mehr zu verlieren und konnte jegliche Höflichkeit fallen lassen.

„Wenn man spielt, kann man aber auch mächtig eine auf den eigenen Sack bekommen“, entgegnete sie kalt. „Und ich werde mir große Mühe geben, dass Ihnen die Lust am Spielen vergeht, Duchamp.“

„Oh, sagen Sie Lyndon zu mir, wenn wir schon so nett zusammen sitzen und plaudern.“

„Ich glaube, das ist nicht nötig, Mister Duchamp!“

Wütend wandte sich der Mann an den Croupier: „Nun geben Sie schon, aber diesmal bitte die richtigen Karten.“

War dies ein Signal zum falsch spielen? Gab es ein Arrangement mit dem Angestellten des Kasinos? Suzan achtete genau auf die Hände des Croupiers. Doch sie konnte keinen Trick entdecken. Die Karten, die sie bekam, waren wieder schlecht, eine Neun und eine Sechs. Dann sah sie das triumphierende Schmunzeln auf dem Gesicht ihres Gegenübers und wusste, dass sie verloren hatte. Die einzige Möglichkeit zum Betrug war ein präparierter Kartenschlitten. Die Karten waren zuvor geordnet worden.

In ihrer Verzweiflung fasste sie einen Plan. Sie musste die Ordnung im Kartenschlitten durchbrechen. Die Arrangeure waren sicher davon ausgegangen, dass sie nur noch eine Karte nehmen würde, während Duchamp bereits genug hatte. Diese Karte war sicher zu hoch, so dass sie sich überkauft hatte und tot war. Auch das nächste Spiel war garantiert bereits arrangiert. Sie würde wieder verlieren und war dann dem Zynismus dieses arroganten Angebers ausgeliefert. Doch sie hatte einen Plan. Sie würde den beiden Männern einen Strich durch die Rechnung machen. Dabei hatte sie nur eine einzige Chance und musste Vabanque spielen.

Also holte sie tief Luft und ließ sich noch eine Karte geben. Es war eine Neun und damit war sie wie erwartet tot. Doch sie verzog keine Miene und verlangte zum Erstaunen der beiden Männer am Tisch noch eine Karte.

„Haben Sie nicht genug?“ fragte der Croupier verwirrt.

Sie hatte bereits 31 Punkte auf der Hand.

„Nein, ich brauche noch eine Karte.“

„Das kann doch nicht sein!“ polterte nun Duchamp.

„Wollen Sie mir etwas vorschreiben, wie viele Karten ich nehmen darf?“ Suzan schrie dies beinahe, so dass alle es hören konnten.

„Aber Sie sind doch längst busted, tot, erledigt!“

„Und woher wollen Sie das wissen? Kennen Sie etwa meine Karten? Wird hier nicht korrekt gespielt?“

„Nein, nein, schon gut“, versuchte er sie zu beruhigen. „Nun geben Sie ihr schon die Karte“, herrschte er erneut den Angestellten an.

Auch dessen Hände zitterten, als er die nächste Karte mit dem roten Muster auf der Rückseite aus dem Schlitten zog und zu der Frau schob. Die nahm die Karte, ohne sie anzusehen und sagte: „Sie haben Recht, ich bin tot. Dieses Spiel haben Sie gewonnen.“

„Nun steht es also zwei zu eins“, sagte er. Aber es war ihm anzumerken, wie unzufrieden er war.

‚Wenn ich richtig vermutet habe‘, dachte sich Suzan, ‚dann müsste ich jetzt die Karten bekommen, die ihm zugedacht waren, und er die meinen. Kein Wunder, dass er nervös ist.‘

Und tatsächlich, sie bekam beim nächsten Spiel zwei Asse und hatte damit gewonnen. Nun stand es zwei zu zwei. Das alles entscheidende Spiel stand an.

Der Croupier wollte schon die Karten verteilen,

„Halt!“, rief Duchamp. „Ich verlange einen neuen Kartenschlitten.“

Da wusste Suzan, dass sie richtig vermutet und gehandelt hatte.

Bis ein neuer Kartenschlitten gebracht wurde, entspannten sich die Zuschauer. Alle redeten durcheinander und kommentierten das Match. Als die neuen Karten ausgegeben wurden, kehrte wieder Ruhe ein. Die Frau bekam eine Neun und eine Zehn und hatte mit 19 eine hervorragende Ausgangsposition.

„Wollen wir verdoppeln“, fragte sie spöttisch, „von einem Wunsch auf zwei Wünsche?“

Ihr Gegner sah sie wütend an: „Werden Sie nicht überheblich! Sie sind in meinem Land, und der lange Arm Ihres Grafen ist weit.“

„Ich weiß nicht, was der Graf mit unserem Spiel zu tun hat“, stellte sie sich naiv. „Aber wenn ich Sie richtig verstehe, so wollen Sie nicht verdoppeln.“

„Nein, und jetzt spielen Sie endlich!“

Suzan verzichtete auf weitere Karten. Duchamp hatte 14, nahm noch eine weitere, es war eine Neun und damit hatte er verloren. Wütend rief er nach seinem Rollstuhl. Die Leute, die bisher an den Wänden gestanden hatten, liefen nun zum Spieltisch. In diesem Durcheinander rief Suzan so laut sie konnte: „Halt! Haben Sie nicht etwas vergessen? Ich habe doch gewonnen. Sie schulden mir einen Wunsch. Wo bleibt mein Wunschcheck?“

Ach ja, der Wunsch. Sogleich wurde es wieder mucksmäuschenstill. Was würde sich die deutsche Frau wohl wünschen? Wie würde sie ihren Sieg auskosten? Womit hatte der mächtige Mann zu rechnen? Was hätte er wohl im umgekehrten Fall von der Frau verlangt?

Suzan saß noch immer zusammen mit dem Croupier am Spieltisch. Dorthin ließ sich Duchamp zurückfahren.

„Also gut“, sagte er, „was wünschen Sie?“

„Das weiß ich noch nicht. Das muss ich mir erst noch überlegen. Jetzt will ich von Ihnen nur einen handgeschriebenen Wunschcheck. Wie ich ihn einzulösen gedenke, werde ich Sie bei Gelegenheit wissen lassen.“

Wütend wühlte der mächtige Mann ein paar Zeilen auf das Papier, das man ihm vorgelegt hatte, schob den Gutschein über den Tisch und bediente nun selbst die Räder an seinem Rollstuhl, um so schnell wie möglich wegzukommen.

Suzan faltete das kostbare Papier langsam und sorgfältig und steckte es ein. Dann sagte sie zu ihren Freunden: „Ich glaube wir gehen jetzt besser.“

Sie hatte zwar gewonnen, aber – und das wusste sie, und es wussten auch ihre Begleiter – sie war nun in höchster Gefahr. Duchamp war kein Mann, der verliert und dem man Wünsche abtrotzen kann. Dieser Wunsch-Check war eine Zeitbombe, und viel Zeit würde sich Duchamp nicht lassen.

11

Die Tage vergingen, und obgleich alle ständig darauf warteten, passierte nichts Dramatisches. Thor, der nun ständig eine Waffe trug, wich nicht mehr von Suzans Seite. Manchmal fragte sie sich selbst, ob sie sich einsam fühle, konnte die Frage aber nicht beantworten. Sie war ständig von irgendwelchen Leuten umgeben und hetzte von einem Vergnügen zum anderen. Sie war eigentlich in die USA gekommen, um wieder zu sich selbst zu finden. Aber davon war sie weit entfernt, wie sie sich selbst eingestehen musste. Man ließ ihr einfach keine Zeit dazu. Sie machte alles mit. Die Mutter blieb bei den Telefongesprächen diskret, erkundigte sich nach ihrem Befinden, drang aber nicht weiter in sie und wollte auch keine näheren Einzelheiten über den Aufenthaltsort wissen. Diese Mischung aus liebevoller Anteilnahme und unaufdringlicher Diskretion liebte Suzan an ihrer Mutter.

Graf Manderscheidt rief regelmäßig an und erkundigte sich nach Suzans Befinden. Sie erzählte ihm von dem Duell, aber die Antwort ihres Mentors war lediglich: „Dieser Lyndon Duchamp ist ganz einfach ein Idiot. Du solltest ihn nicht ernst nehmen. Er wird es nicht wagen, offen gegen dich vorzugehen. Aber ich möchte zu gern wissen, was du dir wünschen wirst. Ich bin schon sehr gespannt.“ Dabei lachte er herzlich.

Sie berichtete auch von den vier fetten Damen, die um Firmen, Konzernanteile und öffentliche Einrichtungen wie Wasserwerke Poker gespielt hatten. Und wieder lachte der Graf: „Ich weiß, das ist unter den reichen Nichtstuern die letzte Mode. Sie kommen sich bei dem Unsinn schrecklich gut vor. Aber diese Marotte hat auch ihr Gutes. So wird die Wirtschaft ein wenig durcheinandergewirbelt und evolutionäre Prozesse kommen in Gang.“

„Du hältst es also für richtig, dass solide Unternehmen, die klug investieren und hohe Gewinne erwirtschaften in den Ruin getrieben werden, nur weil die Witwen Smith oder Mayer beim Pokern verlieren oder gewinnen? Weil ihre Aktien und Vorstands­posten zu Spieleinsätzen verkommen? Denkst du denn nicht an all die Menschen, die davon betroffen sind? Da werden völlig sinnlos Karrieren, Familien und die Psyche von Menschen zerstört. Da hatte so ein Weib ein schlechtes Blatt oder hat zu hoch gepokert, und vor Ort bricht für hunderte oder sogar tausende von Menschen die Welt zusammen.“

„Kennst du jemanden, der davon betroffen ist? Nein? Also kann es dir auch gleichgültig sein. Du kannst nicht an dem ganzen Leid in der Welt Anteil nehmen und darüber Tränen vergießen. Menschen sterben sogar haufenweise aus noch trivialeren Gründen als einem Pokerspiel.“

Zweimal telefonierte Suzan auch mit Professor Schmidt. Von ihm erfuhr sie, dass ihr Name tatsächlich in keinem Presseorgan mehr aufgetaucht war. Es schien, als habe es einen Befehl von ganz oben gegeben, über die Ex-Ministerin nicht mehr zu berichten.

Oft dachte sie darüber nach, mit welchem Wunsch sie diesen Duchamp wohl unter Druck setzen könnte. Sie war wütend auf ihn und wollte ihm dieses Duell, zu dem er sie genötigt hatte, heimzahlen. Doch sie hatte keine gute Idee und auch ihren Freunden fiel nichts ein.

Einen Wunsch an diesen Wichtigtuer hätte sie schon gehabt, aber den konnte sie dem Krüppel nicht zumuten. Er hätte als einer der Fünfzehn aus dem Flieger springen sollen. Dann wäre ihm sicher der Arsch auf Grundeis gegangen und seine Arroganz ausgetrieben worden. Doch ein durchführbarer Wunsch fiel ihr nicht ein.

Zu allem Überfluss traf noch ein Bote von Lyndon Duchamp ein. Mister Duchamp wolle endlich seinen Schuldschein auslösen und sei bereit, eine beträchtliche Summe dafür zu bezahlen. Suzan ließ ihm als Antwort ausrichten, so leicht komme er ihr nicht davon.

Vielleicht war diese Provokation übertrieben? Mit mächtigen Leuten geht man einfach nicht so um, und dieser Duchamp war mehr als gefährlich. Doch Suzan dachte nicht weiter darüber nach.

12

Im Lauf der Zeit bemerkte sie, dass ihre Kräfte nachließen, Falten im Gesicht tauchten auf und Hautunreinheiten, ihre Gelenke schmerzten. Es wurde ihr klar, dass ihr Körper alterte und dringend die notwendige Verjüngung brauchte. Kurz: Ihr fehlte der Sex.

Als sie einmal allein waren, sprach sie mit Ellen Mursovic darüber. Die lachte: „Suzan, Ihnen kann geholfen werden. Es gibt hier im LOST eine Einrichtung, die genau das bietet, was sie brauchen. Sie nennt sich ‚Venustempel‘ oder ‚True Love‘.“

Als sie kurz darauf die Anlage besichtigten, die etwa 20 Minuten entfernt mitten in einem Wald lag, staunte Suzan nicht schlecht. Wie die anderen Gebäude auch, war „True Love“ kreisrund. Im gesamten Rund waren an seiner Außenseite nummerierte Türen. Ellen erklärte verschwörerisch flüsternd die Funktion.

„Bevor man hier eintreten darf, muss man eine ausführliche medizinische Untersuchung über sich ergehen lassen. Erhält man das Gesundheitszeugnis, darf man sich für die nächste Sitzung anmelden und bekommt eine Tür zugeteilt.

Betritt man den Venustempel durch eine dieser Türen, so kommt man in eine kleine Garderobe, aus der wiederum eine zweite Tür ins Innere des Tempels führt. Diese Tür ist zu diesem Zeitpunkt noch geschlossen und lässt sich nicht öffnen. In der Garderobe herrscht nur schwaches rotes Licht, damit sich die Augen der Beteiligten an die kommende Dunkelheit gewöhnen. Hier zieht sich jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin völlig splitternackt aus. Gedämpfte Musik stimmt auf das Kommende ein. Ein feiner Hauch von Moschus und anderen Gerüchen hängt in der Luft. Auf einem kleinen Tisch stehen erlesener Champagner und frische Austern. Hier wartet man auf das kommende Ereignis und bereitet sich innerlich darauf vor. Zu jeder Kabine gehören auch eine kleine Toilette und eine Dusche.

Dann nimmt die Musik an Lautstärke zu und alle wissen, dass es nun beginnt. Ein Gong verkündet, dass alle Türen auf einmal elektrisch geöffnet worden sind. Gleichzeitig geht das Licht in der Kabine aus. In völliger Dunkelheit betreten Männer und Frauen das Innere. Es ist eine Art Arena. Der Boden ist weich gepolstert und überall liegen Kissen. Es ist absolut dunkel, niemand kann etwas sehen, keiner kann den anderen auch nur schemenhaft erkennen. Dennoch wird das Ganze aus Sicherheitsgründen von speziellem Personal mit Infrarot überwacht.

Und nun beginnt die Orgie. Man berührt sich, streichelt sich, kopuliert und niemand weiß, wer gerade der Partner ist, ob Mann oder Frau, jung oder alt, schön oder hässlich. Alle Menschen sind hier gleich. Sie unterscheiden sich lediglich in ihren Handlungen, in ihrer Hingabe. Die Türen zu den Garderoben sind geschlossen, es gibt kein Zurück. Wer die Arena betreten hat, muss einfach mitmachen. Während dessen erklingt ständig leise Musik, die das Stöhnen und manchmal auch die Schreie dämpft und dennoch anregt.

Nach exakt einer Stunde leuchten ganz schwach rote Zahlen über den nach außen führenden Garderobetüren auf, damit alle ihre Ursprungskabine wieder finden. Gleichzeitig werden die Türen elektrisch aufgeschlossen. Man kehrt zurück. Aber es ist verboten, dass zwei Besucher, die sich vielleicht eben besonders mit einander vergnügt hatten, gleichzeitig eine Kabine betreten. Niemand darf wissen, mit wem er in der Arena zusammen gewesen war.

In der Garderobe ist inzwischen frischer Champagner serviert worden, dazu stehen dort auf einem silbernen Tablett schmackhafte Häppchen zur Stärkung. Die Menschen machen sich frisch, ziehen sich an und verlassen den Venustempel nach draußen. Einige bleiben stets noch eine Weile sitzen, um das Erlebte zu verarbeiten und wieder zu sich selbst zu finden. Niemand drängt sie zur Eile, sie haben alle Zeit der Welt.“

Suzan war sprachlos. Sie starrte Ellen an und fragte nach einer Weile: „Haben Sie auch schon an dieser Massenprostitution teilgenommen?“

„Es ist keine Prostitution. Niemand zahlt etwas. Alle haben ihr Vergnügen, und alle Menschen sind dort gleich. Geld, Aussehen, Alter spielen keine Rolle. Wo gibt es das sonst noch?“

„Also“, drängte Suzan, „waren sie schon da drin?“

„Ja, ein paar Mal. Es ist eine umwerfende Erfahrung. Es gibt Besucher, die sind süchtig nach dem Venustempel. Aber man wird nur jeden zweiten Tag zugelassen. Das heißt, es muss immer ein Tag Pause zwischen den Besuchen sein. Außerdem müssen alle Beteiligten jedes Mal ein neues Gesundheitszeugnis vorlegen. Aber es ist das ultimative sexuelle Erlebnis, dagegen sind normale Swinger Chorknaben.“

Die Ex-Ministerin meldete sich etwas verlegen an der Rezeption an, ließ die gynäkologische, die kardiologische und andere Untersuchungen, die Bluttests sowie die Befragung der Psychologin über sich ergehen und wusste dennoch noch immer nicht so recht, ob sie tatsächlich am nächsten Treffen im Venustempel teilnehmen wollte.

Sowohl Ellen Mursovic als auch Corinna Master hatte sie vergattert, niemandem etwas von ihren Plänen zu erzählen. Es wäre ihr unendlich peinlich gewesen, wenn Thor Bendtsen oder Tonio Balduzzi etwas von ihrem Vorhaben erfahren hätten.

Dann kam der vorgesehene Tag. Das Treffen oder das „Common Pleasure“, wie es die Teilnehmer nannten, sollte am späten Nachmittag stattfinden. Suzan badete ausgiebig und parfümierte sich sorgfältig. Da erschien Corinna und brachte ihr ein Fläschchen mit Nagellack.

„Das ist das Neueste und Beste, was es gibt“, sagte sie triumphierend. „Es war gar nicht so einfach aufzutreiben.“

„Wozu brauche ich Nagellack? Es soll doch in diesem Venustempel stockdunkel sein.“

„Sie sollten den Lack dennoch probieren. Er ist eine ganz neue Erfindung. Er enthält Pheromone, auf die alle Männer fliegen. Sie werden die Männer wie Honig die Bären anziehen.“

„Und wenn ich das gar nicht will?“

„Warum gehen Sie sonst hin?“

„Das ist eine gute Frage. Ich weiß es selbst nicht. Sind Sie auch schon dort gewesen?“

„Nein! Der Tempel ist nur für Gäste, nicht für das Personal. Soll ich Ihnen den Lack auftragen?“

„Danke Corinna, das mache ich schon selbst. Aber ich weiß immer noch nicht, wozu das gut sein soll.“

„Der Lack enthält nicht nur spezielle Pheromone, er pflegt auch die Nägel. Er schützt vor Fußpilz und anderen Infektionen. Gerade im Tempel werden sie ihn brauchen.“

„Und wie heißt diese Eier-legende-Woll-Milch-Sau?“

„WNP - Wonder Nail Polish“

„OK, Sie können jetzt gehen. Ich mache mich allein fertig.“

Als Suzan allein war, schaltete sie gedämpfte Musik ein, irgendetwas Klassisches, schenkte sich ein Glas Rotwein ein und überlegte, ob sie tatsächlich diesen Nagellack verwenden sollte.

Da klingelte es erneut an der Tür zu ihrer Suite. Zu ihrer Überraschung sah sie sich Janet Burschido gegenüber. Sie war dem Mädchen während des Aufenthaltes ein paar Mal im Frühstückspavillon und am See begegnet. Sie hatten sich flüchtig gegrüßt, aber keinen weiteren Kontakt gehabt. Janet war stets von einem Pulk von jungen Männern umgeben gewesen, während ihre Freundinnen hinterher trotteten.

Sie ließ das Mädchen, das einen ultrakurzen Schlauchrock, ein hautenges T-Shirt ohne BH und weiße Slipper trug, eintreten. Die Burschido sah sich ungeniert um und sagte: „Hübsch haben Sie es hier.“

„Ja, ich wohne ganz angenehm. Was kann ich für dich tun?“

Das Mädchen sah sie herausfordernd von oben bis unten an und meinte dann: „Ich habe gehört, sie gehen heute auch in den Tempel.“

Damit hatte Suzan nicht gerechnet. Verlegen fragte sie: „Wie kommst du darauf?“

„Man hat eben seine Informationsquellen.“

Das war eine freche Antwort, und Suzan änderte ihren Ton. Scharf fragte sie: „Was willst du?“

„Na ja, es ist das erste Mal, dass ich so etwas auch mache“, gestand diese. „Es ist mir ein wenig unwohl dabei. Sie sind die Einzige, die ich dort kenne. Wenn ich Sie zur Hilfe rufen dürfte, falls es notwendig wird.“

„Nach allem, was man mir berichtet hat, ist es dort so dunkel, dass ich dir wenig helfen kann.“

„Das weiß ich auch, aber es ist doch für mich eine Beruhigung, Sie auch dort zu wissen.“

„Vielleicht bist du noch etwas zu jung, für dieses Abenteuer.“

„Ich bin nicht zu jung, und ich habe wahrscheinlich schon mehr Erfahrungen als Sie.“ Die Stimme des Mädchens überschlug sich. Ein wunder Punkt war angesprochen worden. „Also, kann ich mit Ihnen rechnen?“

„Soweit es möglich ist, ja!“

Janet verabschiedete sich hastig. Sie war schon auf dem Weg zur Tür, da sah sie den neuen Nagellack auf dem Tisch stehen.

„Sie haben ihn schon“, fragte sie erstaunt.

„Was habe ich?“

„Den WNP. Überall hört man davon. Ich habe auch versucht, ihn zu bekommen, aber es gibt ihn noch nicht zu kaufen. Kann ich ihn haben, oder brauchen Sie ihn selbst.“

„Nimm ihn dir mit“, sagte Suzan.

Leider waren ihr die Folgen dieses Geschenkes zu diesem Zeitpunkt nicht klar.

Die Zeit bis zum Common Pleasure schlich dahin, und Suzan schwankte noch immer, ob sie tatsächlich mitmachen sollte. Dann war es soweit. Corinna und Ellen begleiteten sie bis an ihre Tür des Liebestempels. Man hatte ihr die Nummer 22 zugeteilt und den entsprechenden Schlüssel gegeben. Sie verabschiedete sich von den beiden Frauen mit einem Wangenkuss und versuchte, deren Grinsen zu übersehen. Dann war sie allein. Die Kabine war so, wie man ihr beschrieben hatte, nur noch etwas gemütlicher und komfortabler. Sie trank einen Schluck Champagner und zog sich langsam aus. Noch konnte sie wieder gehen. Noch nie, nicht einmal in ihren Fantasien, hatte sie sich zu Gruppensex hingezogen gefühlt.

Sie verteilte noch ein paar Spritzer von ihrem Lieblingsparfüm auf ihrer Haut, dann war sie bereit, ein wenig ängstlich zwar, aber feucht und sexuell erregt, wie sie erstaunt feststellte. Nun ertönte ein durchdringender Gong, das Licht ging aus, die Schiebetür öffnete sich, und Suzan fühlte vor sich ein schwarzes Nichts, das sie anzog und zu verschlingen drohte. Mutig schritt sie vorwärts und fühlte unter ihren nackten Füßen weiches Lederpolster. Vorsichtig, die Arme wie eine Blinde ausgestreckt, tastete sie sich voran.

Sie hatte kaum zwei Schritte gemacht, als sie mit einer nackten Gestalt zusammenstieß, die sie sogleich umarmte und an sich presste. Suzan versuchte sich zu entspannen und die Liebkosungen zu genießen. Als sie unter ihren Händen jedoch Brüste spürte und bemerkte, dass sie mit einer Frau intim wurde, stieß sie die andere so heftig zurück, dass diese taumelte und fiel. Suzan hörte einen Aufschrei und dann einen unanständigen Fluch aus Frauenmund.

Verwirrt blieb sie stehen und versuchte, sich zu orientieren. Doch ihr blieb nicht viel Zeit, denn nun umfassten sie starke Arme, drückten ihren Oberkörper nach vorn und ein Penis versuchte, von hinten in sie einzudringen. Sie spürte das steife Glied und warf sich instinktiv nach vorn. Auf allen Vieren kroch sie weiter und traf auf ein kopulierendes Paar. Die beiden ließen sich auch dann nicht stören, als sich der nackte Körper von Suzan über sie wälzte.

Nein, das war keine Orgie, an der Suzan teilnehmen wollte. Wie komme ich nur hier wieder heraus, überlegte sie verzweifelt. Sie hatte Zärtlichkeit erwartet und war auf hemmungslose Gier getroffen, auf eine Form von zügellose Brutalität, die ihr jede Lust nahm. Wo konnte sie sich verbergen, um die Zeit, bis sich die Türen wieder öffneten, halbwegs ungeschoren hinter sich zu bringen. Der große Raum war nun erfüllt von Stöhnen und spitzen Schreien. Es war nicht nur ein Durcheinander von nackten Leibern, sondern auch von den unterschiedlichsten Geräuschen und Gerüchen. Sie roch Schweiß und Sperma, Scheidenflüssigkeit und Darmwinde. Die Menschen ließen sich in der Anonymität der Dunkelheit völlig gehen.

Nun fühlte sie tastende Hände. Jemand ergriff ihren Kopf und drängte ihr Gesicht zu einem steifen Schwanz. „Nimm ihn in den Mund, Fotze“, keuchte eine Stimme. „Nimm ihn schon. Blas mir einen. Du kannst das. Ich mache es dann auch für dich.“

„Lassen Sie mich. Ich will das nicht!“ Suzan wimmerte beinahe.

„Zier dich nicht so! Warum bist du sonst hier? Du willst es doch auch.“ Die Stimme wurde immer drängender und bösartiger.

Suzan versuchte in der Dunkelheit fortzukriechen, aber eine starke Hand hatte sich in ihrem Haar verkrallt und zwang ihren Kopf unerbittlich zurück zu dem erigierten Penis.

„Du willst es also auf die harte Tour“, keuchte der Mann. „Nun gut, du sollst es haben.“

Und bevor sich Suzan versah, schlug er ihr kräftig und erbarmungslos ins Gesicht. Als sie vor Schmerz aufschrie, schob der Mann sein Glied rücksichtslos in ihren Mund. Das hätte er lieber nicht tun sollen, denn nun war die Frau so wütend, dass sie ohne lange nachzudenken zubiss. Der Mann schrie auf, ließ sie für einen Moment los, den Suzan nutze, um wegzukriechen.

Obgleich es völlig dunkel war, sah sie kurz darauf Lichtpunkte. Sie versuchte zu erkennen, worum es sich handelte. Konnte sich aber keinen Reim darauf machen. Sie wollte sich schon wieder abwenden, die Lichtpunkte als eine Halluzination abtun, da hörte sie einen Schrei. Ein Schrei, der durch Mark und Bein ging, ein Mensch in höchster Not, ein Todesschrei. Kurz darauf ging das Licht an. Alle waren geblendet und sahen nichts. Aufgeregt schrien die Menschen durcheinander.

Als sich Suzans Augen an das Licht gewöhnt hatten, sah sie die Katastrophe. Mitten auf der runden ledernen Fläche lag eine leblose Gestalt. Ihr Blut verteilte sich in einer Lache. Voller Schrecken erkannte Suzan das Opfer: Es war Janet Burschido.

Irgendjemand schrie nach der Polizei. Sogleich stürmten die zuständigen Angestellten in den Raum und versuchten ihre Kunden zu beruhigen. Es war ein seltsames Bild die wenigen Menschen in Kleidern zwischen den völlig Nackten. Kurz darauf erschienen auch fünf Männer von der Security, die Guardmen. Bis zu ihrem Eintreffen hatte sich niemand zurückziehen und Kleider anlegen dürfen. Einzeln wurden die vierzig Leute nun in ihre Kabinen begleitet, konnten sich dort anziehen und wurden verhört.

Doch hier hatte man es mit Leuten zu tun, die sich eine derartige Behandlung nicht gefallen ließen. Es wurde überall lautstark protestiert, und schließlich durften sich alle unter mehrmaligen Entschuldigungen der Guardmen entfernen. Was hätten nackte Menschen auch verbergen können?

Als Suzan wieder in ihrer Suite war und ein großes Glas Wodka getrunken hatte, konnte sie endlich wieder einen klaren Gedanken fassen. Der Unfall hatte sich in ganz Last Paradiese in Windeseile herumgesprochen. Inzwischen war auch klar, dass es sich um einen kaltblütigen Mord handelte. Aber wie konnte dies geschehen? Wie konnte der Mörder sein Opfer in völliger Dunkelheit ausfindig machen?


13

Nach einer halben Stunde kamen zwei von der Security, um Suzan zu befragen und ein Protokoll aufzunehmen. Es waren ein Mann und eine Frau, beide in der dunklen Uniform der Guardmen. Sie waren überaus höflich und entschuldigten sich für die Unannehmlichkeiten, denen der Gast ausgesetzt war.

Noch bevor sie die erste Frage zu dem Fall stellen konnten, wollte Suzan wissen, weshalb bisher noch keine Polizei aufgetaucht war und den Fall übernommen hatte.

Polizei sei auf dem Gelände von Seventh Heaven unerwünscht und werde nicht gerufen, war die Antwort. Der Vergnügungspark sei quasi exterritoriales Gebiet. Alle Probleme würden intern geregelt.

Behutsam forderten die Guardmen, der Gast möge sich bitte genau erinnern. Jede Einzelheit sei wichtig. Suzan schilderte die völlige Dunkelheit, ließ aber ihre unerfreulichen sexuellen Erlebnisse aus. Während sie erzählte und sich bemühte, keine entwürdigenden Details vorzutragen, erinnerte sie sich plötzlich an die seltsamen Lichtpunkte, die sie kurz vor dem Todesschrei gesehen hatte.

Die Frau, die sie befragte, achtete zuerst nicht auf diese Aussage. Sie hielt es wohl für eine optische Täuschung. In völliger Dunkelheit sehen Mensch oft Lichtpunkte.

„Das weiß ich, aber ich habe tatsächlich etwas gesehen, und dies war keine Einbildung.“

Die verhörende Frau notierte zwar eifrig, aber Suzan war sich bewusst, dass dies nur zur Beruhigung des Gastes dienen sollte. Deshalb hakte sie nach und verlangte eine genaue Untersuchung der Leiche. Erst danach könnten die Beiden wiederkommen und neue Fragen stellen. Polizisten hätten sich vielleicht anders verhalten als diese Guardmen. Hier aber stand der Wunsch des zahlenden Kunden stets im Vordergrund. Und so folgten die Wachleute seufzend der Aufforderung des Gastes und verschwanden.

Sie kamen nach drei Stunden wieder und teilten die Ergebnisse der Leichenschau mit. Das Opfer sei an einem Schnitt durch die Kehle gestorben, der von hinten ausgeführt worden war, so dass das Blut nicht auf den Mörder spritzen konnte. Das Opfer habe geschrien, bis die Luftröhre durchtrennt worden war. Janet Burschido habe nach Untersuchung des Spermas in ihrer Scheide mit drei Männern Geschlechtsverkehr gehabt.

„Nichts Ungewöhnliches also und auch kein Hinweis auf die Tat. Doch als wir den Leichnam zurück in die Kälteschublade legten, begannen die Füße zu leuchten. Wir veranlassten also eine erneute Untersuchung und fanden Folgendes heraus: Die Tote hatte auf Fuß- und Fingernägeln fluoreszierenden Nagellack aufgetragen. So hatte sie der Täter in der Dunkelheit ausfindig gemacht. Dank ihres Hinweises auf die Lichtpunkte wissen wir nun zumindest, wie die Tat ausgeführt worden ist.

‚Nagellack? Fluoreszierend?‘ Suzan fiel es wie Schuppen von den Augen.

Hatte sie nicht selbst dem jungen Mädchen diesen Lack gegeben? Und war dieser Lack nicht eigentlich für sie bestimmt gewesen. Natürlich, so war es: Sie selbst sollte das Opfer sein. Ihr hatte Corinna den Nagellack gebracht. Und nur durch einen Zufall hatte sich die Burschido an ihrer Stelle die Fuß- und Fingernägel damit lackiert.

Als ihr das bewusst wurde, bekam Suzan weiche Knie. Sie musste sich setzen. Doch was war mit Corinna? Von wem hatte sie den Lack? Hatte sie unwissend gehandelt, oder war sie eine Komplizin des Mörders? Und wenn ja, wer hatte sie beauftragt? Waren vielleicht noch andere aus ihrem Umkreis involviert? Warum ließ sich niemand sehen? Sonst hatte man sie doch auch kaum eine Minute allein gelassen.

Natürlich, wenn sie selbst das Opfer gewesen wäre, hätte niemand erfahren, dass der Lack von der Dienerin gebracht worden war. Ja, man hätte das Fluoreszieren des Lacks wahrscheinlich überhaupt nicht entdeckt. Das Ganze war ein äußerst raffiniertes Mordkomplott.

All das teilte sie den Leuten von der Security mit, die sogleich eine Suche nach Corinna Master einleiteten. Doch die blieb verschwunden.

Der Mörder war einer der Teilnehmer an der Orgie gewesen und nun nicht mehr zu eruieren, auch nicht mit Genanalysen und anderen Methoden. Schließlich hatte hier jeder mit jedem Kontakt gehabt. Vielleicht hatte der Täter zuvor noch mit seinem Opfer Geschlechtsverkehr gehabt? Das perfekte Verbrechen!

Nur, warum der Mord? Und wer hatte ihn in Auftrag gegeben?

Sogleich erinnerte sich Suzan an Lyndon M. Duchamp, der mit ihr noch eine Rechnung zu begleichen hatte. Diesem Mann war natürlich nichts nachzuweisen. Doch, und dies wurde ihr erschreckend klar, sie war an dem Tod dieses unschuldigen Mädchens schuld, Janet Burschido war für sie gestorben. Hätte sie selbst den Nagellack benutzt, so hätte sie keine Überlebenschance gehabt.

Etwa zwei Stunden später, Suzan hatte noch ein zweites Glas Whisky getrunken und sich dann etwas benommen aufs Bett gelegt, erhielt sie erneut Besuch. Ein mittelgroßer Mann mit schwarzem Haar und dunklem Businessanzug, unzweifelhaft mexikanischer Herkunft, erschien in Begleitung einer Sekretärin und eines Wachmanns. Er stellte sich als Manuel Borriga vor, leitender Manager von Seventh Heaven.

Er habe noch ein paar Fragen, erklärte er.

Suzan meinte, sie habe bereits alles, was sie wisse, seinen Leuten gesagt und wolle endlich in Ruhe gelassen werden.

Borriga ging auf ihren Protest nicht ein, sondern nahm zusammen mit seinen Leuten im Salon am großen Tisch Platz und forderte Suzan auf, sich ebenfalls zu setzen. Seine Sekretärin kramte eilfertig einen Stenoblock hervor und war bereit, alles mitzuschreiben.

Suzan empfand dieses Verhalten als recht unhöflich und gab dem auch Ausdruck.

„Bei einem Mord ist Höflichkeit wohl fehl am Platz“, war die Antwort. „Wir sind mitten in der Untersuchung.“

„Warum wird die reguläre Polizei nicht eingeschaltet?“

„Wir brauchen hier keine Polizei und keine staatlichen Gerichte“, sagte der Manager kalt. „Wenn es hier etwas zu regeln gibt, so machen wir das unter uns. Doch nun lassen Sie uns endlich beginnen. Es wird wohl nicht schwierig sein, unsere Fragen aufrichtig zu beantworten. Also, warum haben Sie dem armen Mädchen diesen verräterischen Nagellack aufgedrängt?“

„Wie bitte? Ich habe nichts aufgedrängt. Janet Burschido hat das Fläschchen gesehen und wollte es haben. Ich habe ihr erlaubt, es mitzunehmen. Das ist alles.“

„Sie wussten aber, dass das arme Mädchen ebenso wie Sie selbst an der Veranstaltung Common Pleasure teilnehmen wollte und dort mit dem fluoreszierenden Nagellack leicht identifizierbar sein würde?“

„Ich dachte doch, dass es normaler Nagellack ist. Von seinem Fluoreszieren hatte ich keine Ahnung. Warum fragen Sie dies alles?“

Borriga überhörte die Gegenfrage und fuhr fort: „Woher hatten Sie das Messer?“

„Verdammt noch mal, welches Messer?“

„Die Tatwaffe. Wir haben sie in der Arena gefunden. Derartige Messer gibt es in Seventh Heaven nicht, weder in den Küchen noch sonst wo. Also, woher haben Sie das Messer?“

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Verdächtigen Sie mich etwa, dass ich mit dem Mord etwas zu tun habe?“ Suzan war aufgesprungen.

„Es spricht einiges zumindest für Ihre Beteiligung.“ Der Manager blieb ganz ruhig. „Bitte, setzen Sie sich wieder. Von Ihnen hat das Opfer den verräterischen Nagellack, die angebliche Mörderin, Corinna Master ist Ihre Bedienstete, Sie waren am Tatort. Das sind eine ganze Menge Indizien. Am besten legen Sie nun ein Geständnis ab und erklären uns, weshalb Janet Burschido sterben musste.“

„Ich habe mit dieser ganzen Sache nichts zu tun. Ihre sogenannten Indizien sind lächerlich. Der Anschlag galt wahrscheinlich sogar mir selbst, und ich bin nur durch Zufall mit dem Leben davon gekommen. Ihre Aufgabe wäre es, mich vor weiteren Attentaten auf mein Leben zu schützen, anstatt mich mit blödsinnigen Verdächtigungen zu belästigen. Ich bin nicht bereit, weiter mit Ihnen zu verhandeln und verlange, dass die reguläre Polizei eingeschaltet wird.“ 

„Mister Duchamp hat uns bereits darauf hingewiesen, dass Sie verstockt und unkooperativ sein würden. Doch das wird Ihnen nichts nützen. Es wird eine Verhandlung vor einem mit einer ordentlichen Jury besetzten Gericht geben, und da wird man der Wahrheit schon auf die Spur kommen.“

„Mister Duchamp?“ Suzan schrie den Namen förmlich. „Was hat Duchamp mit all dem zu tun?“

„Sehr viel! Schließlich ist Mister Duchamp unser Chef. Ihm untersteht im Auftrag der Familien die Verwaltung von Seventh Heaven. Von ihm müssen wir uns die Erlaubnis holen, wenn wir einen Vorfall mit Gästen untersuchen wollen.“

Suzan sank in sich zusammen und stöhnte: „Duchamp! Nun wird mir alles klar. Sie sprachen von einer Gerichtsverhandlung? Was würde geschehen, wenn man mich dort für schuldigt befindet?“

„Dann werden Sie angemessen bestraft. Auge um Auge, Zahn um Zahn!“ Manuel Borriga erhob sich und sagte streng: „Wollen Sie uns noch etwas sagen?“

Die Frau schüttelte resignierend den Kopf.

„Dann teile ich Ihnen hiermit offiziell mit, dass Sie sich als Gefangene zu betrachten haben. Sie haben kein Recht mit irgendjemandem Kontakt aufzunehmen. Ihre Mobiltelefon wird nun konfisziert, Ihr Netztelefon still gelegt. Das Internet dürfen Sie auch nicht mehr benutzen, deshalb wird ihr W-Lan abgeschaltet. Sie dürfen Ihre Suite nicht mehr verlassen. Die Tür wird von außen verschlossen.“

Die Drei waren bereits am Gehen, als Suzan verzweifelt rief: „Was ist mit dieser Corinne Master, die man mir als Dienerin gegen meinen Willen aufgedrängt hat?“

„Nach ihr wird gesucht, und wir werden sie finden. Niemand kann Seventh Heaven ungesehen verlassen. Noch zu Ihrer Information. Der Vater von Janet Burschido ist hierher unterwegs. Er will sich persönlich um Sie kümmern, falls Sie schuldig gesprochen werden.“

Als der Manager mit seinen Mitarbeitern gegangen war, blieb Suzan wie betäubt zurück. Sie trank zwei volle Gläser und wusste nicht einmal, welchen Alkohol sie aus der gut sortierten Bar in sich hineinschüttete.

Später versuchte sie, ihre Suite zu verlassen. Sie wollte ein wenig Luft schnappen, um einen klaren Kopf zu bekommen, aber die Tür war abgeschlossen. Die Fenster bestanden aus Sicherheitsglas und waren unzerbrechlich. Die Terrassentür war auch abgeschlossen. Man hatte sie eingesperrt. Sie war eine Gefangene.

 

 

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