Centratur Leseproben

 

Centratur

 

      

 

 

 Willmar der Buddler

Der Mann hatte den ganzen Tag hart gearbeitet. Nun versank die Sonne hinter den Bäumen, Regenwolken zogen auf, und er war müde. Sorgfältig säuberte er seinen Spaten, den Pickel, die kleine Schaufel, den Pinsel und die drei Schaber. Das Werkzeug war sein kostbarstes Gut. Er verpackte es in ein Tuch, verschnürte und schulterte das Bündel und machte sich auf den Rückweg. Seine Schritte waren langsam und müde, denn er war alt. Das struppige weiße Haar hatte schon lange keine Schere mehr gesehen und reichte weit über die Schultern. Auch der Bart war lang und ungepflegt. Nur die Augen leuchteten jung und ungebrochen. Als Kleidung trug der Alte eine große Decke, in die Löcher für den Kopf und die Arme geschnitten waren.
Die Hütte war klein und aus rohen Balken achtlos gezimmert. Die Spalten hatte man mit Moos und Laub verstopft, so daß der Wind nicht allzu stark hindurchblies. Auf dem Dach wuchs üppiges Moos. Vor der Hütte war eine Feuerstelle. Dorthin schlürfte der Alte, schichtete trockenes Holz und Reisig auf und machte Feuer. Er wollte sich schon bücken, um mit Blasen die kleine Glut zu nähren, als ein kräftiger Windstoß hineinfuhr und helle Flammen aufzüngelten. Nun griff der Mann nach einem verbeulten Topf und ging zu einem kleinen Bach hinter der Hütte. Das Wasser floß über eine Steinkante in ein kleines, natürliches Becken. Dort wuchsen Wasserpest und Schilf. Der Alte hielt mit der rechten Hand - es fehlten an ihr der kleine und der Ringfinger, seinen Topf unter den Wasserstrahl und trug ihn dann vorsichtig zum Feuer. Bis das Wasser kochte, setzte er sich auf einen modernden Baumstamm und wartete geduldig. Es war nun beinahe ganz dunkel. Der Wind hatte an Stärke noch zugenommen. Als das Wasser sprudelte, warf der Mann einige Blätter hinein, die er am Tag gesammelt hatte. Dann ging er in die Hütte, holte einen halben Fladen Brot, etwas Salz und Butter. Die Bauern hatten ihm vor Tagen das Essen gebracht, und er hatte dafür ihre kleinen Gebrechen geheilt. Langsam und gedankenverloren aß der Mann und trank seinen Tee.
Die ersten Blitze zuckten über den dunklen Himmel, als ein Reiter auf die Lichtung trabte. Im fahlen Licht des aufkommenden Gewitters war sein schweres Kettenhemd, die Lanze und das Schwert zu erkennen. Er zügelte das Pferd, bis es völlig unbeweglich stand. Der Reiter gab keinen Laut von sich, sondern beobachtete den alten Mann am Feuer.
Dieser unterbrach sein karges Mahl nicht, sah auch nicht auf, sondern sagte nur: „Ich habe Euch schon erwartet. Kommt mit in die Hütte, es wird gleich regnen.“

In diesem Augenblick fielen die ersten, dicken Tropfen, und Donner ließ die Luft erzittern. Der Alte raffte sein Essen und den Teekessel zusammen und eilte in die Unterkunft. Während das Feuer zischend verlöschte, band der Reiter sein Tier unter dem kleinen Vordach an, nahm ihm rasch den Sattel ab und folgte dem Einsiedler in die Hütte. Der saß auf einer schmalen Pritsche, die neben einer Truhe die einzige Einrichtung war, und lud den Gast zum Sitzen ein. Der Fremde nestelte einen verbeulten Becher von seinem Gürtel und nahm sich ungefragt von dem heißen Tee.
„Was wollt Ihr?“ fragte der Alte mit ruhiger Stimme.
Der Bewaffnete wärmte seine Hände an dem Gefäß. Im Dunkel der Unterkunft konnte er sein Gegenüber kaum erkennen. Aber hin und wieder zuckte ein Blitz durch Ritzen und Fugen.
„Bist du Willmar der Buddler?“
„Woher kennt Ihr meinen Namen?“
„Ormor der Große schickt mich.“
„Das habe ich mir schon gedacht. Doch wie kann Euch der Zauberkönig Aufträge geben? Man hat ihn vor langer Zeit besiegt und in einem Berg gebannt.“
„Er wurde befreit!“
„Von wem?“
„Abgesandte einer fernen Macht haben sich darum gekümmert.“
„Aus welchem Grund?“
„Ich bin nicht hier, um dir Erklärungen zu geben. Lediglich eine Botschaft soll ich ausrichten: Ormor der Große wünscht dich zu sehen.“
In das folgende Schweigen mischte sich der tosende Donner eines mächtigen Gewitters. Regen fiel in Sturzbächen herab und donnerte auf das Dach der Hütte. Die ersten Wassertropfen sickerten durch das Moos und tropften auf die Männer. Es war nun so dunkel, daß sie sich gegenseitig nicht mehr sahen. Endlich sagte Willmar:
„Warum sollte ich Eurer Aufforderung folgen? Meine Arbeit ist hier, und sie ist an einem entscheidenden Punkt angelangt. Ich habe keine Zeit für eine Reise.“
„Wenn der Zauberkönig dein Kommen befielt, so frage nicht lange, sondern folge dem Ruf!“
Die Stimme des Bewaffneten war kalt.
„Was schert mich Euer Ormor? Ich gehöre nicht zu den Leuten, über die er Macht hat.“
„Ich werde dich zu ihm bringen, lebendig oder, wenn es nicht anders geht, auch tot.“
Der Alte lachte. Es war ein glucksendes Geräusch, das ganz tief aus seiner Kehle kam.
„Dein Lachen wird dir noch vergehen. Ich bin Gracchu aus Ormors Leibwache. Bisher hat mir kein Feind widerstanden, und alte Männer haben es erst gar nicht versucht. Folge freiwillig in Frieden und Freundschaft. Zwinge mich nicht, dich an mein Pferd zu binden und zu meinem Herrn zu zerren.“ Willmar lachte noch immer.
„Hör auf zu lachen!“
Der Krieger war nun wütend und langte nach dem Dolch an seiner Seite. Obgleich der Einsiedler dies nicht sehen konnte, verstummte das Glucksen abrupt.
Mit leiser Stimme sagte der Alte: „Laßt die Waffe stecken und ändert Euren Ton, sonst verlaßt ihr diesen Ort nicht lebend. Ihr seid in meinem Haus und hier bestimme ich. Unterschätzt mich nicht! Mir scheint, Euer Herr hat Euch nicht gesagt, zu wem er Euch schickt. Dies sieht ihm ähnlich. Er würzt noch immer jede Unternehmung mit einer kleinen Heimtücke.“
„Du hast recht“, preßte der Reiter hervor, „für jemanden wie dich brauche ich kein Messer. Ich bringe dir mit meinen bloßen Händen Gehorsam bei.“
Er tastete dorthin, wo er den Widerspenstigen mehr vermutete als sah. Doch der erhob sich, und mit ihm erhob sich ein riesiger Schatten. Er war dunkler als die Nacht und füllte die Hütte völlig aus. Dieser mächtige Schatten war im Dunkeln zu sehen und zu greifen. Die tiefe Schwärze erschien wie ein großes Loch im Raum. Der Krieger zuckte vor dieser Drohung zurück und duckte sich angstvoll. Wortlos setzte sich Willmar wieder, und damit verschwand auch der drohende Schatten.
„Ich habe es nicht so gemeint“, stammelte der Gracchu begütigend. „Laßt uns in Frieden miteinander auskommen! Der große König hat anscheinend mit Eurer Weigerung gerechnet. Deshalb trug er mir noch auf, Euch folgenden Satz auszurichten: Aramar ist wieder im Lande.“
„Das ist in der Tat eine wichtige Botschaft.“
Zum ersten Mal schien der Einsiedler überrascht.
„Erzählt mir, was in den letzten Jahren geschehen ist“, fuhr er fort. „Vielleicht lasse ich mich dann umstimmen und folge Euch.“
„Was wollt Ihr hören?“
„Alles, was seit der Befreiung Ormors geschehen ist. Ich habe mich nämlich schon lange aus der Welt zurückgezogen. Es gab für mich wichtigere Arbeiten zu erledigen, als mich in den Irrsinn der Menschen zu mischen.“
„Wo soll ich anfangen? Sie haben Ihn befreit, und dann hat der große Ormor die ihm zustehende Herrschaft angetreten. Anfangs ging alles gut, aber dann gab es einen Rückschlag. Wir mußten uns vor Hispoltai zurückziehen und kehrten von Roscio ins Dunkle Schloß zurück. Vor der Abreise beauftragte er mich, nach Euch zu suchen. Das ist alles.“
„Eure Rede ist sehr unklar. Nun weiß ich noch immer nichts. Beginnt im Berg und erzählt der Reihe nach.“

Der Krieger überlegte lange und die wohlgesetzte Rede fiel ihm offensichtlich schwer. Dann endlich begann er schleppend zu sprechen: „Es war vor langer Zeit, als unser Herr bereit war, der Welt seine Herrschaft angedeihen zu lassen. Doch ein törichter Teil der Menschen widersetzte sich ihm, und selbst die Achajer griffen zu den Waffen. So kam es zu einem schlimmen Krieg, den sie später den Diamantenkrieg nannten. Zum Glück war der Widerstand, den sie dem Herrn entgegensetzten, nicht von langer Dauer, denn sie stritten sich untereinander, wem die Führung ihrer Truppen zukomme. Deshalb verloren sie eine Schlacht nach der anderen. Schon sonnten wir uns in unserem gerechten Triumph, da kam plötzlich die Wende. Unsere Gegner einigten sich, und wir wurden in der entscheidenden Schlacht geschlagen.“
„Daran war Aramar sicher nicht unschuldig“, murmelte Willmar.
„Nicht lange danach fanden wir uns alle in tiefster Dunkelheit wieder. Die Sieger hatten uns nicht umgebracht, wie es für uns ehrenvoll gewesen wäre, sondern in einen Berg gebannt. Dort mußten wir über Jahrhunderte regungslos verharren, halb wachend, halb schlafend und mit schrecklichen Träumen. Aber endlich kamen zwei Männer in leuchtenden Rüstungen, und sie erweckten den großen Ormor. Dieser belohnte sie, indem er sie aus ihrer sterblichen Hülle befreite. Dann spaltete er den Berg, und wir verließen unser Gefängnis. Draußen warteten schon die Agenten auf uns, von denen die Befreier angeheuert worden waren. Es waren Männer aus dem fernen Land Vespucci. Ormor kannte sie und vertraute ihnen. Dann wurden Boten in alle Welt geschickt, und die Getreuen zusammengerufen. Alle kamen oder sandten Abordnungen. Man hatte den Herrn nicht vergessen, und in kurzer Zeit war er so stark wie zuvor. Begeisterung und Freude begleiteten Ormors Wiederkehr. Alle unsere Freunde hatten sich lange zähneknirschend zurückhalten müssen. Man hatte sie gedemütigt und unterdrückt. Wehe den Besiegten! Während wir nämlich im Berg gefangen saßen, hatte ein weiterer Krieg stattgefunden, den heute alle den ‘Großen Krieg’ nennen. Der Zauberer Malomar, ein Freund unseres Herrn, hatte ihn angezettelt. Er war der Herrscher über Darken gewesen und hatte rasch Verbündete gewonnen. Auch ihm war das gerechte Glück hold, und er siegte, bis sich wieder Menschen, Achajer und Zwerge verbündeten.“
„Und Aramar hatte seine Hand im Spiel?“ fragte der alte Mann, und aus seiner Stimme war zu hören, daß er die Antwort bereits kannte.
„Ja, dieser Hund hat auch die Pläne des rechtschaffenen Malomar vereitelt. Er trieb irgendwo Meliodas auf, der bis dahin noch ein Jäger aus dem alten Geschlecht der Habbas war, und ihn erkannten alle Feinde als ihren Herrscher und König an. Selbst die Achajer unterstellten sich seiner Führung. Damit aber nicht genug, Aramar beriet das vereinte Heer mit seinen teuflischen Plänen, so daß der Vormarsch der Krieger aus Darken aufgehalten wurde, und sie große Verluste hatten. Malomar soll zwar vor Wut geschäumt haben, aber er gab den Kampf noch lange nicht verloren. Schließlich waren seine Truppen weit in der Übermacht, und er hatte eine erheblich günstigere Ausgangsposition als dieser Meliodas mit seinen Leuten. Unser Freund aus Darken hätte auch den Großen Krieg trotz Aramars Eingreifen gewonnen, wenn nicht etwas Überraschendes geschehen wäre. Zwei kleine Leute aus dem Heimland, Erits nennt man sie, haben ihn getötet. Ormor mochte dieses Gewürm noch nie. Niemand weiß heute, wie diesen Ratten die ungeheuerliche Tat gelang. Sie wurden damals nicht zur Rechenschaft gezogen. Inzwischen werden sie aber alles bereuen, denn Ormor hat sich ihrer angenommen. Mit dem Tod Malomars war natürlich der Kampf der Männer aus Darken verloren, und die gute Sache verraten. Dieser Meliodas übernahm die Regentschaft als Hochkönig. Unter dem Vorwand, für Frieden und Gerechtigkeit zu sorgen, unterdrückte er unsere Freunde und demütigte sie. Doch kurz bevor Ormor der Große den Berg verlassen konnte, ertrank dieser anmaßende Hochkönig im Tessenfluß. Überall erhoben sich nun Könige und Fürsten. Sie wollten die Herrschaft über Centratur oder ganz einfach nur Beute machen. Diesem Treiben hat mein Herr ein Ende gesetzt. Er vereinigte die Heere, rief seine Orokòr aus den Tiefen der Gebirge und griff eine der mächtigsten Bastionen der Feinde an: Hispoltai, die Hauptstadt der Equaner. Zuvor aber ließ er das Heimland besetzen, um die Erits für all ihre Missetaten zu bestrafen. Doch die Geschichte der Welt ist geprägt von verhängnisvollen Wiederholungen. Wieder einmal waren unsere Truppen siegreich. Sie belagerten Hispoltai, und die Stadt stand kurz vor dem Fall. Doch im letzten Moment wendete sich das Blatt wieder zu unseren Ungunsten, und wir mußten fliehen.“
„Aramar?“ fragte der Einsiedler mit gebrochener Stimme.
„Ja, dieser verfluchte Zauberer ist uns schon wieder in die Quere gekommen. Deshalb hat mich mein Herr zu Euch geschickt. Er meint, Ihr wäret der einzige, außer ihm selbst natürlich, der Aramar die Stirn bieten kann. Und er meint auch, Ihr hättet mit diesem teuflischen Hund noch eine Rechnung zu begleichen.“
„Mag sein“, flüsterte der alte Mann.
„Natürlich sind wir noch nicht wirklich geschlagen. Noch haben wir genügend Reserven, und in Darken sammelt sich ein riesiges Heer. Wir werden Whyten und Equan wie der Sturmwind überrennen und unterwerfen. Wir werden ganz Centratur in unsere Gewalt bekommen und uns gefügig machen. Dann werden wir unsere Macht bis an die Grenzen der Welt ausdehnen. Durch das Schicksal sind wir zu den Herren der Welt bestimmt. Das Los der anderen Völkern ist es, uns zu dienen. Wir erfüllen deshalb mit dem kommenden Krieg den Auftrag des Schicksals. Aber die Vorbestimmung verlangt von uns auch Opfer, und wir sind bereit sie zu bringen. Wir werden unser Leben wagen für die Vorsehung. Wir werden Leid und Entbehrungen auf uns nehmen, und wir werden kämpfen wie die Teufel. Niemand kann uns widerstehen solange Ormor der Große uns führt. Wir werden die Erde in Brand setzen, und der Brand wird die Erde läutern. Wir werden mit Feuer und Schwert herrschen, und endlich wird Gerechtigkeit sein.“
Der Krieger hatte sich in Rage gesprochen und war in seiner Erregung aufgesprungen. Da stand er nun in der Dunkelheit und schrie die letzten Worte.
„Wenn es das Schicksal so gut mit Euch meint, und Ihr auf der Straße des Sieges seid, wozu braucht Ihr dann mich?“ fragte Willmar spöttisch.
„Damit uns Aramar nicht mehr in die Quere kommt. Der Herr will sich von diesem Hund nicht länger tyrannisieren lassen.“
„Ihr habt all die Heere und dazu noch das Schicksal auf Eurer Seite, was kann Euch da ein alter Zauberer wie Aramar anhaben?“
Gracchu schwieg bei diesem Einwand verdutzt, griff nach seiner Tasse und nahm einen Schluck von dem nun kalten Tee. Das Gewitter war inzwischen weitergezogen. Der Donner klang nur noch schwach aus der Ferne. Auch der Regen hatte nachgelassen.
„Wir wollen zu Bett gehen“, sagte der Alte endlich. „Morgen erwartet uns ein schwerer Tag. Wir haben eine lange Reise vor uns.“

Früh am nächsten Morgen, es war noch dunkel, brachen sie auf. Willmar hatte zuvor sein Werkzeug sorgfältig in der Hütte verstaut und die Tür abgeschlossen. Dann sprach er seltsame Worte, so als wolle er die Behausung beschwören. Er nahm nichts mit außer einem Tuch, in das er verschiedene Gegenstände gewickelt hatte, die er aber seinem Begleiter nicht zeigte. Gracchu bestieg sein Pferd, und der Alte schulterte sein kleines Bündel. Der Krieger sah beim Reiten auf seinen Begleiter herunter und konnte sich überhaupt nicht mehr vorstellen, daß er sich in der vergangenen Nacht vor diesem gebeugten Alten gefürchtet hatte.
Es wurde ein heller, klarer Tag. Der Himmel war nach dem Unwetter der letzten Nacht wie geputzt, und die Luft war wärmer geworden. Die Tannen tropften ihre Nässe auf den aufgeweichten Boden. Die Natur schien aufzuatmen, daß sie alles heil überstanden hatte. Bald erkannte Gracchu, daß es mühsam war, den Gang des Pferdes dem langsamen Wanderer anzupassen, und stieg ab. Es war ein weiter Weg von den Schwarzen Bergen durch das Hochgebirge nach Westen. Die einschüchternden Gipfel begleiteten sie Tag für Tag. Nachts schliefen sie an kleinen Feuern. Sie sprachen wenig, und wußten von einander, daß sie sich nicht mochten. Der Krieger verachtete den Einsiedler, Willmar hingegen langweilte der törichte Riese, der außer Kraft und Rücksichtslosigkeit nichts zu bieten hatte. Was hätte er mit diesem Kriegsmann schon reden können!

Einmal fragte Gracchu: „Was habt Ihr all die Jahre in den Bergen gemacht?“
„Ich war der Vergangenheit auf der Spur.“
„Hattet Ihr nichts Besseres zu tun? Was vergangen ist, ist vergangen! Was kümmert es uns heute noch, was war?“
„Die Vergangenheit könnte Euch lehren, Eure heutigen Kriege entweder nicht zu führen oder zu gewinnen. Wenn wir nicht aus der Geschichte lernen, machen wir alle Fehler, die jemals gemacht wurden, immer wieder. Es gibt dann für uns keinen Fortschritt, weil wir immer wieder von vorn anfangen müssen.“
Der Alte sah den verständnislosen Blick seines Gefährten und lächelte. Er hatte sich gleich gedacht, daß dieser mit seiner Antwort nichts anzufangen wußte. Doch was hätte er ihm sagen sollen? Hätte er etwa von seinen Ausgrabungen erzählen sollen? Er hatte entdeckt, daß in diesen Bergen vor undenklichen Zeiten Wesen gewohnt und sogar Städte gebaut hatten. Und tausende Jahre vor ihnen war hier auch schon einmal Leben gewesen, hatten hier Leute gegessen, geschlafen, geliebt und vielleicht zu irgendwelchen Göttern gebetet. Immer wieder waren Dörfer und Städte gebaut worden, und jedesmal hatten ihre Bewohner geglaubt, sie seien die ersten. Und von all dem Leben, das hier in längst vergangenen Zeiten geblüht hatte, wußte niemand außer Willmar der Buddler.
War Vergangenheit wirklich nur ein Zwinkern im Auge Gottes? Immer wieder, in Zeitabständen von vielen tausend Jahren waren neue Kulturen entstanden und wieder vergangen, und die Menschen der einen Kultur wußten nichts von der anderen.
Willmar schmunzelte, als er an eine Inschrift dachte, die er auf einem uralten Stein entdeckt hatte: „Wir sind die Ersten, und wir werden die Letzten sein.“
Welch ein tragischer Irrtum verbarg sich hinter diesen Worten. Er hatte die Fundamente der Häuser ausgegraben, die diese Wesen gebaut hatten. Sie bestanden aus kunstvoll behauenen Steinen, die den Äonen hatten trotzen sollen. Röhren aus Metallen, die inzwischen verrostet und kaum noch erkennbar waren, hatten die Steine durchzogen. An einer Stelle fand er Überreste von Farbe auf den Steinen, die wohl von Bildern herrühren mochten. Leben hatte hier einst geblüht und war, aus welchen Gründen auch immer, vergangen. Und selbst die Kunde von dieser Kultur war vergangen, vom Atem der Geschichte verweht. Wie Inseln schwammen die einzelnen Kulturen im Ozean der Zeit, und wußten nichts voneinander. Nur die Zeitenwanderer kannten sie und Simonarum war wahrscheinlich einer von ihnen. Bei dem Gedanken an seinen alten Lehrmeister durchfuhr den Zauberer ein Schauder. Seine Jugend im Kloster Quantam fiel ihm ein, die glückliche Zeit mit Aramar. Aber er verdrängte die Erinnerung rasch und konzentrierte sich auf den steinigen Weg.

Sie waren schon lange gewandert, befanden sich aber immer noch im Hochgebirge. Eines Tages, der Himmel glänzte freundlich, liefen sie durch ein enges Tal, das sich zwischen hohen Bergen hindurch zog. Auf seinem Grund war es düster, denn der Himmel war dort nur als schmales, blaues Band sichtbar. Plötzlich donnerte vor ihnen eine Steinlawine den Berghang herab und schnitt ihnen den Weg ab. Dann geschah das gleiche in ihrem Rücken. Sofort ließ Gracchu sein Pferd los, das nervös tänzelte, und zog sein Schwert. Er war ein Krieger, den so leicht nichts in Furcht versetzen konnte. Doch als er sah, was da hinter ihnen und vor ihnen auf den Weg sprang und sich drohend aufbaute, erbleichte er. Zwei Bergtrolle nahmen sie in die Zange. Gegen sie hätten auch zwanzig Krieger keine Chance gehabt.
Jeder war so groß wie zwei Menschen, die sich aufeinander stellten. Die Trolle waren am ganzen Körper behaart und trugen in ihren mächtigen Pranken eine Keule. Damit würden sie das Schwert von Gracchu wegfegen wie einen lästigen Stock. Dann würden sie die beiden Wanderer erschlagen und das Pferd essen. Zuvor jedoch würden sie die Fremden nach Schätzen durchsuchen. Trolle waren habgierig und kannten kein Mitleid.
Dem Krieger war klar, daß er am Endpunkt seines Lebens angekommen war. Gegen diese Ungeheuer gab es keine Verteidigung und auch keine Flucht. Die Trolle waren wie das Schicksal, das über einen kam, und das man hinnehmen mußte. Er hatte keine Angst vor dem Tod, dazu hatte er ihm zu oft in die Augen gesehen und ihn selbst ausgeteilt. Zwar wäre er gern auf andere Art gestorben, am besten im Kampf, umgeben von gefallenen Gegnern. Aber er hatte seine Verpflichtung gegenüber seinem Herrn nicht eingelöst und diesen seltsamen Willmar vor seinen Thron gebracht. Der Gedanke an sein Versagen beunruhigte ihn. Doch was sollte er tun? Es gab keine Rettung.
Der vordere Troll rülpste und schmatzte, so als freue er sich schon auf die kommende Mahlzeit. Seine Augen waren weit aufgerissen und ganz schwarz. Er tänzelte von einem Bein auf das andere, und sein mächtiges Glied schwang dabei hin und her. Verstohlen sah sich Gracchu um. Der Troll hinter ihnen war ein Weibchen. Unter dem langen Fell schimmerte eine rote Vulva. Die Trollin grinste und fletschte die Zähne. Endlich hatten die Unholde genug von der Vorfreude. Sie kamen langsam näher und wollten ein Ende machen. In diesem Augenblick streckte sich die gebückte Gestalt von Willmar, der bisher dem Schauspiel schweigend zugesehen hatte. Wie vor vielen Nächten schien der alte Mann zu wachsen. Sein Schatten breitete sich aus, und in dem Schatten verschwand alles wie in einem schwarzen Loch. Seine Schultern hatten sich gestrafft, und den Kopf trug er nun sehr aufrecht. Seine Stimme war klar und durchdringend.
Man konnte ihn bis an die beiden Enden des Tals und selbst noch oben auf den Berggipfel hören, als er sprach: „Geht nach Hause. Wir sind keine Beute für euch. Wir haben in dieser Welt noch einiges zu erledigen und sind noch nicht bereit.“
Aber die Trolle hörten nicht auf den Mann, sondern kamen unaufhaltsam näher. Noch einmal sprach Willmar, und ein Schauer erfaßte Gracchu, als er diese Stimme hörte, und er fürchtete sich vor seinem Begleiter mehr als vor den Trollen: „Ich befehle euch, kehrt um! Räumt die Steine beiseite und laßt uns in Frieden ziehen!“
Die beiden Ungeheuer stutzten, blieben kurz stehen und schoben sich dann doch vorwärts. Da dehnte sich der Schatten des Zauberers noch mehr aus, bis über dem ganzen Tal Dunkelheit lag. Er hob die Hand, und es schien, als schwebe sie über dem Tal. Dann senkte sich der Schatten der riesigen Hand langsam auf das Haupt des Trolls und drückte es nach unten. Die Bestie wand sich und schrie schmerzgequält auf. Aber die schattenhafte Hand ließ nicht nach. Sie drückte den Troll zu Boden und preßte weiter, bis Blut aus ihm hervorbrach. Dann krachten die Knochen und der Kopf platzte wie eine reife Frucht. Schließlich lag auf den Steinen eine verstümmelte Fleischmasse.

Die Trollin hatte dem Ende ihres Gefährten mit Entsetzen zugesehen. Sie schrie und weinte und drehte sich wie irre im Kreis. Dann wieder fletschte sie wütend die Zähne und ging auf die beiden Männer los. Doch nach ein paar Schritten bekam sie es mit der Angst zu tun, blieb stehen und wich zurück. Noch immer waren die Wanderer von dem Steinschlag gefangen. Sie konnten mit dem Pferd weder vor noch zurück.
In ruhigem Ton sagte Willmar zu der Trollfrau: „Schaff die Steine weg!“
Sie sah in groß an und konnte nicht verstehen, warum dieser Mann keine Angst vor ihr hatte. Willmar wiederholte gelassen seinen Befehl. Da kam Leben in die Trollin. Sie drückte sich in großem Bogen an den Männern vorbei, stieg vorsichtig über ihren verendeten Gefährten und begann, die Steine wegzuräumen. Bald war ein schmaler Durchgang frei.
Gracchu ergriff mit zitternden Händen die Zügel seines Pferdes und zerrte das widerstrebende Tier an der mächtigen Trollfrau vorbei. Willmar folgte ihm langsam. Danach schritten sie kräftig aus. Während sich der alte Mann nicht umsah, schaute der Krieger aus den Augenwinkeln zurück. Er konnte es noch immer nicht glauben, daß sie mit dem Leben davon gekommen waren. Hinter ihnen stand die Trollin und sah ihren Opfern nach. Ihre Schulter hingen weit nach vorn und das Fell war grau und zottig. Gracchu wußte nun, warum sein Herr diesen schmächtigen, alten Mann sehen wollte, und seine Ehrfurcht vor der Klugheit Ormors wäre noch größer geworden, wenn sie noch hätte wachsen können.

Whyten

Über Centratur lag der schwarze Mantel der Nacht. Unsichtbar zog sich ein dichtes Wolkenband vom Worameer bis zu den Ruburhöhen, das Mond und Sterne verbarg. Still verharrtender Weiße und der Graue Wald. Im Thaurgebirge und in den Ilgaibergen lag noch Schnee. Die Bewohner der Dörfer in den oberen Tälern waren noch eingeschneit, aber sie hatten genügend Brennholz und Vorräte. Sie würden es noch eine Weile aushalten und in diesem Winter nicht mehr mit dem Hunger zu kämpfen haben. Die Flüsse führten zwar keine Eisschollen mehr mit sich aus den Bergen, aber sie waren auch noch nicht zum Frühjahrshochwasser angeschwollen. Ihre Furten waren passierbar. Der große Agangafluß wälzte seine grauen Fluten unermüdlich und unbeirrt vor sich hin. Ihn kümmerte es nicht, daß die Dörfer an seinem Ufer ausgestorben waren und sich nur noch selten ein Fischer auf das Wasser hinaus wagte.

Um diese Zeit in der Nacht waren alle längst zur Ruhe gegangen, und so mancher hoffte, das Tageslicht möge noch etwas ausbleiben. Die Männer auf den Mauern und Türmen der Städte und Burgen, die Wachen in den Lagern im Wald oder im freien Land dösten und bemühten sich, die Augen offen zu halten. Wenn sie aber über den kommenden Tag nachdachten, und was er wohl bringen würde, überfiel die meisten die Angst.

Sie hatten den Agangafluß bereits am Vortag überquert. Die alte Brücke, von den Truppen aus Darken im Großen Krieg zerstört, war wieder aufgebaut. Auf drei Bögen spannte sie sich über den mächtigen Fluß. Sie war so breit, daß drei Pferde bequem nebeneinander auf ihr gehen konnten. Der König hatte vor Jahren den Befehl gegeben, hier die größte Brücke in ganz Centratur zu errichten. Er wollte nicht nur einen Übergang über den Fluß, sondern ein steinernes Symbol der Verbundenheit zwischen Whyten und Equan setzen.

Grosskorl trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. Die Hände hatte der Mann tief in die Taschen seiner pelzgefütterten Jacke gesteckt. Ihm war verdammt kalt, seine Zehen spürte er bereits nicht mehr. Langsam kroch die Taubheit weiter an seinen Beinen hoch. Obgleich er eine gestrickte Mütze trug, begannen seine Ohren zu erfrieren. Er spürte sie nur noch als einen dumpfen Schmerz.

Ein Nachtvogel zog als dunkler Schatten vorüber. Grosskorl zuckte bei dem unerwarteten Anblick zusammen.

Er fluchte leise: "Verdammt, ich hasse den Winter! Ausgerechnet im Winter muß ich mit diesen Verrückten durch die Gegend ziehen. Womit habe ich das verbrochen? Warum mußte es mich treffen? Warum hat die Königin mich ausgewählt? Warum kann ich nicht gemütlich zu Hause in meinem Bett liegen? Sicher, diese Leute haben geholfen, Hispoltai zu retten. Aber muß man deshalb mit diesen Nomaden durch die halbe Welt ziehen? Wie lange soll dieser unsinnige Ritt eigentlich dauern?"

"Du wirst schon noch eine Weile Geduld haben müssen", sagte eine spöttische Stimme hinter ihm. "Und wenn ich nicht so gutmütig wäre, würde ich dich jetzt mit meinem Messer kitzeln. So macht man das nämlich mit Wachen, die nicht aufpassen, sondern vor sich hin schimpfen."

Erschrocken fuhr Grosskorl herum und faßte nach seinem Dolch, aber mit festem Griff wurde sein Handgelenk umklammert und heruntergedrückt.

"Jetzt ist es zum Kämpfen zu spät. Du solltest wenigstens so wach sein, daß du mich erkennst", fuhr die Stimme fort. Es war Aramar, der die Wache kontrollierte.

Grosskorl, ein Hüne von einem Mann, stammelte einige Ausreden, die seine Geistesabwesenheit entschuldigen sollten. Der Zauberer ging nicht darauf ein, sondern wies ihn an, Feuer zu machen und die anderen Mitglieder der Reisegesellschaft zu wecken.

Zwar war es in den letzten Tagen etwas wärmer geworden, dennoch froren alle, als sie sich beim anbrechenden Morgengrauen aus den Decken schälten. Sie hatten ihre Mäntel und die dicken Wollsachen in der Nacht anbehalten, Lammfelle um sich gewickelt, und die Sängerin Galowyn durfte sogar ein warmes Pferdefell über sich ausbreiten. Einada, die junge Königin von Equan, hatte alle gut ausgestattet und ihnen soviel Ausrüstung mitgegeben, wie vier Lastpferde tragen konnten. Dennoch waren die Nächte auf dieser Reise unangenehm genug. Die Kälte drang aus dem Boden in ihre steifen Körper.

Das Feuer war heruntergebrannt und glomm nur noch. Als sich Grosskorl niederkniete, um mit trockenem Gras ein paar Flämmchen zu entfachen, stöhnte die Sängerin: "Ich bin einfach zu alt für solche Ausflüge. Was treibe ich mich hier in der Gegend herum, anstatt gemütlich in irgend einem Palast vor einem großen Kamin zu sitzen und mir von einem Diener heißen Wein servieren zu lassen? Diese Kälte ist Gift für meine Stimme. Meine Verantwortung gegenüber allen Wesen, die Gesang lieben, gebietet mir eigentlich mich zu schonen."

"So, du wirst alt?" sagte ihre Dienerin, die gerade Wasser für Tee geholt hatte, zu der immer noch schönen Frau. "Das ist das erste Mal, daß ich dieses Eingeständnis aus deinem Mund höre. Bis jetzt dachte ich, du bleibst ewig jung."

Für Smyrna war das dritte Lebensjahrzehnt ebenso wie für ihre Herrin gerade angebrochen. Sie war klein und hatte ein verschmitztes Gesicht.

Fallsta, der Goldgräber, ein hagerer Mann, der sich trotz der Kälte jeden Abend die Schuhe auszog und nun wieder hineinschlüpfte, lachte: "Jetzt reise ich mit euch beiden seit Monden und höre Tag für Tag die gleichen Sticheleien und den gleichen Streit. Werdet ihr dieses Spiel nie müde?"

"Es sind eben Frauen", sagte Rimo, der zweite Soldat aus der Palastwache, der als Begleitung mit nach Cantrel geschickt worden war. Ein kleiner Mann mit einem schütteren Bart und Halbglatze, der jedoch größten Wert auf sein Aussehen legte und sich jeden Morgen lange bürstete. Seine Kleider waren für einen Soldaten der Palastwache recht kostbar.

"Das hat gar nichts mit Frauen zu tun", keifte Galowyn wütend. "Das heutige Dienstpersonal taugt ganz einfach nichts und läßt es an Respekt vermissen."

"Dienstpersonal? Daß ich nicht lache! Wie oft soll ich dir noch erklären, daß du nur dann eine Dienerin hast, wenn du sie auch bezahlst."

Der Streit wäre sicher so wie jeden Tag noch eine Weile weitergegangen, wenn sich Aramar nicht eingemischt hätte: "Wir kommen heute in bewohnte Gebiete. Ich weiß nicht, was uns erwartet, aber über der ganzen Gegend liegt etwas Bedrohliches."

"Was meint Ihr damit?" fragte Fallsta.

"Es ist nur so ein Gefühl, aber wir müssen aufmerksam sein."

Als sie sich später zum Frühstück niederließen, denn an Verpflegung fehlte es nicht, war der Goldgräber verschwunden. Man fragte verwirrt, wo er geblieben sei, und Aramar lächelte versonnen: "Er hat etwas zu erledigen. Das sollten wir respektieren."

Alle rätselten über den Sinn dieser geheimnisvollen Worte, warteten aber geduldig auf die Rückkehr Fallstas. Smyrna wusch inzwischen Wäsche in einem nahen Bach, und die Männer striegelten die Pferde und besserten deren Geschirr aus. Aramar hingegen verschwand zwischen den Büschen.

Die Gestalt des Zauberers veränderte sich je nach Anlaß. Einmal war er ein alter Mann, der sich nur noch mit Mühe auf den Beinen halten konnte, dann wieder ein hochgewachsener Kämpfer, dem man besser aus dem Weg ging. Er trug lederne Hosen und hohe Stiefel und einen weiten, blauen Mantel. Über sein langes Haar hatte er eine lederne Kappe gestülpt. Ein prächtiger Bart verbarg die Lachfältchen in seinem Gesicht.

Erst gegen Mittag kehrte Fallsta zurück. Er war tropfnaß und ließ sich aufseufzend vom Pferd gleiten. Alle eilten zu ihm und fragten, was geschehen sei.

Er habe den Fluß überqueren wollen, antwortete er. Aber er sei tiefer gewesen, als vermutet, deshalb sei er ins Wasser gefallen. Doch das sei nicht tragisch. Ein Bad habe er schon lange nehmen wollen.

Er rieb sich trocken und wechselte die Kleider. Doch auch nach einer Stunde waren seine Hände immer noch blau, und er zitterte am ganzen Körper. Aramar sah ihn mit sorgenvollen Augen an. Aber noch eine andere Veränderung war mit Fallsta vor sich gegangen. Der Goldgräber schien von einer schweren Last befreit. Er war beinahe beschwingt, und alle bemerkten, daß die Goldbeutel an seinem Gürtel fehlten, die er von seinem Ausflug im Ilgaigebirge mitgebracht hatte.

Am späten Nachmittag erreichten sie das erste Dorf. Als sie es aus der Ferne sahen, beschlossen sie, dort zu übernachten. Doch beim Näherkommen verwarfen sie den Plan wieder. Das Dorf war zu klein, um einen Namen zu haben und bestand nur aus verfallenen Hütten.

Zwei Kinder mit großen Köpfen und aufgequollenen Bäuchen liefen rasch über die Straße, und verschwanden in einem Haus, als sie die Reiter sahen. Sie waren spindeldürr, und ihre Knochen nur noch von Haut umhüllt. Außer den Kindern ließ sich niemand sehen. Die Erde in den Gärten vor und hinter den Häusern war umgewühlt. Man sah kein Wintergemüse, und auch Vieh schien man in diesem Dorf nicht zu besitzen. Weder Gänse noch Hühner und schon gar keine Kuh liefen herum. Bittere Armut beherrschte diese Siedlung.

Die Reisenden sahen sich verwundert um und machten, daß sie weiterkamen. Nicht weit hinter dem Dorf gabelte sich der Weg. Der rechte Pfad stieg an und führte in einen Wald, während der linke einem Bach folgte. Aramar hielt sein Pferd an und sah sinnend auf den Stein an der Kreuzung. Dort war einst die Richtung eingemeißelt gewesen, doch jemand hatte inzwischen die Markierung entfernt. Man konnte erkennen, daß der Stein erst in jüngster Zeit bearbeitet worden war.

"Ich kenne mich hier nicht mehr so gut aus", sagte der Zauberer. "Bevor wir in die Irre reiten, frage ich lieber."

Er wandte sein Pferd und kehrte ins Dorf zurück. Vor dem ersten Haus des Ortes stieg er ab und pochte an die Tür. Zwar stieg Rauch aus dem Schornstein, aber niemand ließ sich sehen.

Wütend rief der Zauberer: "Entweder ihr zeigt euch, oder ich breche die Tür auf!"

Die Drohung zeigte Wirkung. Die Haustür öffnete sich einen Spalt, und eine Frau lugte heraus. Obgleich sie sicher nicht älter als achtzehn Jahre war, sah sie wie eine Greisin aus. Das Haar war strähnig, Schwären bedeckten Arme und Hände, die Augen lagen in tiefen Höhlen. Wie ein Totenschädel wirkte dieses Gesicht. Nachdem sie sich vorsichtig umgesehen hatte, öffnete sie die Tür noch ein wenig weiter, und nun konnte man hinter ihr Kinder erkennen, die ängstlich ins Freie starrten. Auch sie waren ausgemergelt und halbverhungert.

"Wir haben nichts mehr, Herr! Wir können nichts geben. Bitte, tut uns nichts", flüsterte die Frau furchtsam.

"Ich will nichts von euch", antwortet Aramar begütigend. "Sag mir nur, welches ist der kürzeste Weg nach Cantrel."

"Wir haben selbst nichts! Wir können nichts hergeben."

"Ich will von dir nur eine Auskunft!"

"Wir hungern selbst. Bitte tut uns nichts! Wenn wir etwas hätten, würde ich es Euch geben."

"So hör doch zu! Ich will nichts von euch. Ich frage nur nach dem Weg."

Die Frau antwortete nicht, sondern wimmerte nur noch. Der Zauberer sah sie verwirrt an, dann hakte er wortlos seinen Brotbeutel vom Sattel und hielt ihn ihr hin. Sie bewegte sich nicht und sah den Fremden furchtsam an. Da warf ihr Aramar den Beutel vor die Füße, bestieg sein Pferd und gab ihm die Sporen. Mit den Gefährten redete er nicht über den Vorfall, sondern schlug wortlos den Weg ein, der den Bach entlang führte.

An diesem Abend ging es Fallsta schlecht. Seine rote Nase tropfte, noch immer zitterte er am ganzen Körper. Seine Stimme war rauh, und das Sprechen machte ihm Mühe. Aramar befahl ihm, sich völlig auszuziehen, dann rieb er ihn zusammen mit Smyrna mit trockenen Tüchern, bis die Haut rot glänzte. Anschließend wurde der Goldgräber in viele Decken eingepackt und mußte heißen Tee trinken. Dennoch nahm das Fieber im Lauf der Nacht zu, und am nächsten Morgen konnte er sich kaum im Sattel halten, so daß stets jemand neben Fallsta reiten und ihn festhalten mußte.

Auch an diesem Tag folgten sie dem Bach und kamen durch zwei Dörfer. Sie unterschieden sich kaum von dem ersten, das sie am Vortag gesehen hatten. Die Armut und der Hunger waren so augenfällig, daß sie all ihren Proviant verteilten. Trotzdem schienen sich die Leute immer noch zu fürchten, und es war kein Wort aus ihnen herauszubringen. Aramar blickte finster, während seine Begleiter rätselten, was hier wohl vorgefallen sein konnte.

Ankunft in Cantrel

Endlich lag die weite Ebene von Cantrel vor ihnen. Mit ihren goldenen Kuppeln und blitzenden Dächer war die Stadt schon von weitem zu sehen. Über den Mauern schwebte in strahlendem Weiß der Palast. Staunend starrten alle auf das Wunder, das in der Nachmittagssonne vor ihnen glänzte.

"Sie haben Cantrel wieder aufgebaut, schöner als je zuvor", flüsterte der Zauberer ergriffen. "Die Stadt hatte man im Großen Krieg völlig zerstört. Die Krieger aus Darken waren zu ihr durchgestoßen. Um jedes Haus war damals gekämpft worden. Schließlich gelang es dem Feind, die ganze Stadt zu besetzen. Meliodas konnte sich nicht mehr halten und mußte mit seinen Truppen abziehen. Dann hat der Feind die Stadt angezündet und geschleift. Cantrel war einst der schönste Fleck in ganz Centratur gewesen, und so mancher tapfere Mann weinte nach dem Krieg, als er die schwarzen, rauchenden Ruinen sah und sich an die ehemalige Pracht erinnerte. Doch, wie ihr seht, Cantrel ist aus der Asche auferstanden."

"Weshalb schwebt der Palast über der Stadt?" fragte Smyrna atemlos.

"Er schwebt nicht, er steht auf Stelzen."

Am Nachmittag waren sie Cantrel so nahe gekommen, daß sie rings um die weißen Mauern ein Zeltlager erkennen konnten. Es war groß, und die Zelte standen so lückenlos, daß Galowyn entsetzt fragte: "Wird Cantrel etwa belagert?"

"Das weiß ich nicht", antwortete der Zauberer. "Aber wir werden es bald erfahren."

Als sie die ersten Zelte erreichten, beugte sich Aramar von seinem Pferd herab und tippte einem der Männer auf die Schulter. Der lief geschäftig mit einem Eimer in der Hand durch das Lager. Er schien ein Bediensteter zu sein und sich durch die Fremden gestört zu fühlen.

"Was wollen all die Leute hier?" fragte der Zauberer.

Der Mann starrte ihn an, als sei er von allen guten Geistern verlassen, dann antwortete er spöttisch: "Das Gleiche wie Ihr selbst, die Königin heiraten!"

Aramar wollte noch eine Frage stellen, aber der Mann wandte sich ab und verschwand zwischen den Zelten.

"Mir scheint, es sind Freier", sagte der Zauberer nachdenklich.

"Freier?" fragte Galowyn.

"Ja, diese Männer wollen Königin Lunete heiraten."

"Schau nicht so neidisch", wandte sich Smyrna spöttisch an ihre Herrin. "Ich weiß, es wäre dein Traum, daß sich so viele Männer um dich drängeln."

"Was muß das für eine Frau sein!" seufzte Fallsta.

"Ich glaube nicht, daß es diesen Leuten um Frau Lunete geht. Sie wollen vielmehr die Herrschaft über Centratur. Jeder von diesen Gesellen hofft, Hochkönig zu werden."

Sie durchquerten auf schlammigen Wegen die Zeltstadt. Vor zusammenklappbaren Tischen saßen Männer und würfelten. Weinkrüge lagen leer auf dem Boden, ein abgenagtes Hühnchen war achtlos zwischen die Zelte geworfen.

Als die Freier die Reisenden zu Pferd sahen, lachten sie und riefen: "Ihr kommt reichlich spät. Hier ist nichts mehr zu holen. Zu viele Hunde balgen sich schon um den Knochen. Verschwindet und spart euch eure Zeit. Ihr habt doch zwei Frauen dabei, was braucht ihr da noch die Königin?"

Angewidert ritten der Zauberer und seine Begleitung weiter. Sie achtete nicht auf das schallende Gelächter hinter ihnen.

Vier Reiter kamen hoch zu Pferd an ihnen vorüber.

Sie hörten die Würfelspieler rufen: "Wo wollt ihr hin?"

"Bei den Bauern einsammeln."

"Die haben doch nichts mehr."

"Macht nichts, das Einsammeln macht auch so Spaß."

Wieder dröhnte die Luft von Gelächter.

"Die holen sich unseren Proviant, den wir hergeschenkt haben", sagte Smyrna bitter.

"Das glaube ich nicht," sagte der Zauberer. "So verhungert wie die Leute in den Dörfern waren, ist sicher kein Krümel mehr übrig. Aber dieses =91Einsammeln=92 ist auch so schlimm genug."

Schließlich erreichten sie das Stadttor, das weit offen stand. Wachen stellten sich ihnen in den Weg. Es war verboten, so erfuhren sie, Pferde mit in die Stadt zu nehmen. Deshalb blieb ihnen nichts übrig, als abzusitzen und ihr Gepäck und die Tiere Grosskorl und Rimo anzuvertrauen. Diese führten die Pferde in einen Mietstall neben dem Tor und richteten sich auf eine längere Wartezeit ein.

Als sie die hohen, weißen Tore durchschritten hatten, wußten sie, weshalb die Stadt für Pferde verboten war. König Meliodas hatte Straßen und Gassen mit weißem Marmor pflastern lassen, der durch Pferdehufe beschädigt worden wäre. Es war eine Welt ganz aus Stein, in der sie sich nun befanden. Straßen, Plätze, alles war mit weißen Platten belegt und die Häuser bestanden aus großen Marmorblöcken. Selbst der Fluß wälzte sich unterirdisch durch die Stadt. Kein Krümel Erde war zu sehen. Für Pflanzen war in dieser steinernen Pracht kein Raum. Aber die Natur hatte sich inzwischen zu ihrem Recht verholfen. Etliche der Platten waren mittlerweile gesprungen, und in ihren Rissen wuchsen zaghaft Gras und sogar einige Blumen. Die breiten Straßen zwischen den prächtigen Häusern waren verschmutzt, und in all dem Unrat wucherten Unkraut und Brennesseln.

"Wie kommt ein alter Waldläufer dazu, sich eine Stadt zu bauen, aus der die Natur verbannt ist?" staunte Aramar. "Mein alter Freund, König Meliodas, gibt mir immer mehr Rätsel auf."

Auf den Straßen herrschte reges Treiben. Menschen in prächtigen Gewändern schritten gewichtig mit ihrem Gefolge zu irgendwelchen Treffen. Männer und Frauen mit Bündeln auf dem Kopf hasteten vorüber. Die Reisenden standen verloren in der Geschäftigkeit.

"Was bedeuten die eisernen Ringe, die einige der Leute um den Hals tragen? Sogar Kinder habe ich mit diesem Schmuck gesehen", fragte Fallsta, der von Galowyn und Smyrna gestützt wurde.

"Das ist kein Schmuck", antwortete Aramar bitter. "Der Ring ist das Sklavenzeichen. Hier in dieser Stadt werden Sklaven gehalten. Weit ist es gekommen mit der Freiheit und Gleichheit, für die Meliodas und ich einst eingetreten sind. Was für eine abscheuliche Stadt! Wir müssen zum Palast. Ich will mit Königin Lunete sprechen."

Der Weg war nicht zu verfehlen, denn ganz gleich, wo man sich in der Stadt aufhielt, sah man den Palast hoch über der Stadt thronen und in der Sonne blitzen, und mußte geblendet die Augen schließen. Die Reisenden drängten sich durch die Menschenmenge, wurden von Wirten und Dirnen angesprochen, liefen durch Gassen und Straßen und standen endlich vor der breiten Treppe, die zum Sitz des Hochkönigs emporführte.

Doch bevor sie sich an den Aufstieg machten, sahen sie sich erst einmal das wundersame Bauwerk an. Es stand auf hohen Säulen, und am Ende der großen Treppe mit den vielen Stufen zog sich eine Plattform über die gesamte Breite hin. Erst dahinter waren die eigentlichen Eingänge.

"Ich weiß nicht, was sich Meliodas gedacht hat, als er dieses Monstrum errichten ließ?" sagte Aramar noch immer verwundert. Diese Pracht vermittelte ihm ein anderes Bild des verstorbenen Freundes, als er es in Erinnerung hatte.

"Bevor wir hinein gehen, sollten wir Quartier nehmen", sagte Galowyn. "Fallsta kann nicht mehr."

"Wir werden im Palast schlafen", antwortete der Zauberer.

Ohne zu zögern schritt er die Freitreppe empor. Aber kaum hatten sie die Hälfte der Stufen zurückgelegt, da wurden sie von oben angerufen. Eine barsche Stimme befahl ihnen, sofort stehenzubleiben und umzukehren. Aramar kümmerte sich nicht weiter darum. Nun kamen ihnen vier Männer entgegen. Sie trugen hohe Helme und hielten lange Lanzen auf die Fremden gerichtet. Man sah ihren Gesichtern an, daß sie entschlossen waren, sich Gehorsam zu verschaffen.

"Wohin wollt Ihr?" fragte ihr Anführer streng.

"Zur Königin", antwortete Aramar freundlich.

Einem verdutzten Schweigen folgte schallendes Gelächter.

"Zur Königin wollen viele Leute, und keiner ist bisher vorgelassen worden. Was gibt Euch die Hoffnung, bei Euch werde eine Ausnahme gemacht?"

"Wir sind Freunde der Königin."

"Habt Ihr draußen das Zeltlager um die Stadt gesehen?"

Aramar nickte.

"Das sind alles Freunde der Königin. Königin Lunete hat so viele Freunde, daß das Land daran zugrunde geht. Sie haben alles kahl und leer gefressen, diese Freunde. Und alle diese Freunde wollen nur das eine, sie wollen zu unserer Herrin. Sie haben unsere Herrin so gern, daß sie am liebsten zu ihr ins Bett kriechen möchten. So ist das mit den Freunden. Die Herrin will aber diese Freunde gar nicht sehen. Am liebsten wäre es ihr, sie würden alle verschwinden. Also macht Euch fort und zwar rasch!"

"Wir gehören nicht zu den Freiern, sondern haben eine wichtige Botschaft", mischte sich nun Galowyn ein.

"Die Botschaft könnt Ihr mir sagen, und weitere Ausreden braucht Ihr Euch nicht auszudenken. Übrigens seid Ihr die ersten Frauen unter den sogenannten Freunden. Das überrascht mich ein wenig. Sklavinnen könnt Ihr nicht sein, denn ich sehe keinen Ring. Was also wollt Ihr?"

"Ich bin Galowyn, die berühmte Sängerin. Und das ist Smyrna, meine Dienerin. Der Mann vor Euch ist Aramar, der große Zauberer. Und da ist noch Fallsta, unser Freund, der dringend ein Bett braucht. Genügt Euch diese Erklärung, und macht Ihr nun endlich den Weg frei?"

"Ihr seid wirklich hartnäckig! Als Sängerin und Zauberer hat es bis jetzt noch keiner versucht. Ihr habt Euch wirklich etwas einfallen lassen. Nun aber genug! Ihr habt uns schon zu viel Zeit gestohlen. Kehrt um, oder Ihr werdet es bereuen!"

Aramar wurde langsam ungeduldig. Ärgerlich sagte er: "Mir reicht es jetzt! Ich bin nicht gewohnt, von der Wache abgefertigt zu werden. Macht Platz und haltet uns nicht länger auf! Wir haben keine Zeit zu verlieren!"

Die Worte des Zauberers wischten die letzte Freundlichkeit aus den Gesichtern der Wachleute. Die Speerspitzen wiesen nun genau auf die Herzen der Fremden. Es war klar, wenn sie nicht umkehrten, würde es zum Kampf kommen. In diesem Moment trat aus dem Palast ein Mann in einer schimmernden Rüstung. Sie war silbern und schwarz, und auf dem Kopf trug er einen blitzenden Helm. Er befahl den Soldaten zu, innezuhalten und die Fremden zu ihm bringen. Langsam schritten die Männer rückwärts die Treppe hinauf. Sie senkten die Speere keinen Daumen breit. Die Freunde folgten ihnen.

Der Vorsteher der Garde im Palast von Cantrel war ein mächtiger Mann, wie Aramar seinen Gefährten beim Emporsteigen leise erklärte. Ihm oblag nicht nur der Schutz des Königs, sondern die Verteidigung der ganzen Stadt. Der Mann, der sie auf der weiten Terrasse über den Dächern von Cantrel erwartete, war hochgewachsen und überragte Aramar. Er ließ sich Namen und Herkunft der Fremden genau nennen. Bereitwillig gaben diese Auskunft. Dann fragte der Zauberer nach dem Namen des Hauptmanns.

"Ich bin Vorsteher Kuri. Von Euch, Aramar, habe ich schon gehört. Ihr wart einst mit dem König befreundet gewesen, dessen Tod ich nicht verhindern konnte."

"Ihr seid dabei gewesen, als er starb?" fragte der Zauberer rasch.

"Ich sah ihn in den Fluß steigen. Er ließ sich nicht zurückhalten."

Sofort begann Aramar zu fragen, wer noch dabei war, wie viele Leute das Unglück gesehen hatten, welches die letzten Worte Meliodas' gewesen waren und vieles mehr.

Der Mann in der prächtigen Rüstung gab bereitwillig Auskunft: "Wir waren schon einige Tage unterwegs gewesen, und der König hatte schlechte Laune. Wahrscheinlich, weil ein paar Hofschranzen ständig um ihn herumscharwenzelten und irgendwelche Privilegien herauszuschlagen. Dann wurden wir auch noch überfallen. Es war nicht gefährlich, aber der König ärgerte sich maßlos, daß man es wagte, ihn selbst anzugreifen. An diesem Abend schlugen wir unser Lager am Ufer des Tessenfluß auf. Er war reißend und führte Hochwasser. Am Morgen des Unglücks war Meliodas schon früh auf und hatte sich in den Kopf gesetzt im Fluß zu baden. Ich weiß nicht, was ihn zu diesem Wahnsinn trieb. Vielleicht wollte er sich selbst beweisen, daß er noch jung und tatkräftig war. Ich warnte ihn, doch er hörte nicht auf mich. Kurze Zeit später war er tot - ertrunken."

"Wo wart Ihr, als es geschah? Wer hat die Leiche untersucht? Wo waren die anderen aus dem Gefolge zu diesem Zeitpunkt?"

"Ich bin Euch keine Rechenschaft schuldig", unterbrach ihn Kuri unwillig. "Auch wenn Ihr König Meliodas gekannt habt, so gibt Euch das kein Privileg. Geht nun und verlaßt die Stadt!"

"Wir müssen die Königin sprechen!"

"Das müssen viele."

Nun wurde der Zauberer ungeduldig und sagte barsch: "Entweder Ihr laßt uns vor oder wir verschaffen uns Zutritt."

Der Vorsteher sah den Fremden vom Kopf bis zu den Füßen an, dann lächelte er: "Belohnt Ihr mir mit diesem Ton meine Freundlichkeit? Doch ich verzeihe Euch und werde Euch der Königi n melden. Heute kann ich Euch jedoch nicht mehr vorlassen. Kommt morgen wieder, dann sollt Ihr die Königin sehen!"

Aramar zögerte ein wenig, dann nickte er: "Morgen früh werden wir hier sein."

Er gab seinen Begleitern einen Wink, und sie stiegen die hohe Treppe wieder hinab.

Unterwegs sagte der Zauberer: "Wir hätten uns durchkämpfen können, aber ich will keinen Ärger. Außerdem geht es Fallsta nicht gut."

Nun galt es, in der überfüllten Stadt ein Quartier zu finden. Nach langem Suchen kamen sie in einem Haus nahe der Stadtmauer unter, das sich einst eine reiche Familie gebaut hatte. Es war groß und mit Treppen, Erkern und Balkonen versehen. Von außen sah es noch immer imposant aus, aber die Fassade verbarg nur das Elend im Innern. Obwohl das Gebäude heruntergekommen und schäbig war, diente es als Gasthaus, und alle Räume waren vermietet. In den großen Sälen, in denen einst rauschende Feste gefeiert worden waren, logierten nun bis zu dreißig Leute. Sie schliefen auf Strohsäcken auf dem Boden. Der Schmutz überall war unbeschreiblich. Die Menschen verrichteten ihre Notdurft einfach auf dem Gang, und da niemand da war, um den Unrat zu beseitigen, stank das ganze Haus. Die Reisenden bekamen im zweiten Stock eine kleine Kammer zugewiesen, die früher wohl als Dienstbotenunterkunft gedient hatte.

Der Wirt, der sie nach oben führte, kümmerte sich nicht um den Dreck und die Menschen, die überall herumlagen. Solange sie ihn bezahlten, schien er ganz zufrieden. Wie selbstverständlich schlängelte er sich zwischen Kot und Leibern hindurch. Er hielt dabei eine Kerze in der Hand und redete ununterbrochen. Mit einem Blick auf den schwankenden Fallsta, den Smyrna und Galowyn stützten, fragte er, ob er zwei Frauen zum Wärmen schicken solle.

Verwundert erkundigte sich Smyrna nach dem Sinn dieses Angebots.

"Oh, sie wärmen Euren Freund mit ihren Körpern und ziehen zugleich alle Gifte aus seinem Leib."

"Das ist nicht nötig", sagte Aramar mit unterdrücktem Zorn.

"Aber vielleicht macht es ihm Spaß, und Vergnügen ist der beste Arzt."

"Nein, ich will nicht", keuchte nun auch Fallsta.

"So hört Euch wenigstens die günstigen Preise an. Zwei Mädchen unter zwanzig Jahren kosten vierzig Dinra. Für Frauen älter als zwanzig Jahre verlange ich dreißig Dinra, und für Frauen, die schon vierzig Jahre hinter sich haben, müßt Ihr nur noch zehn Dinra zahlen. Gebt zu, daß dies günstig ist. Ich habe Euch nämlich einen Sonderpreis gemacht. Die Frauen kommen aus Muriel und sind erste Qualität. Auch Ihr anderen könnt Euch an den Frauen wärmen, wenn Ihr wollt."

Es war schwierig, dem Wirt klarzumachen, daß sie seine Offerte ausschlugen. Aramar versuchte es sehr höflich, um kein Aufsehen zu erregen. Aber der Mann blieb hartnäckig und wollte unbedingt seine Frauen schicken, so daß der Zauberer am Ende doch einige deutliche Worte sagen mußte. Endlich waren sie allein und Fallsta auf einen Strohsack gebettet. Aramar hatte unterwegs Kräuter und Beeren gesammelt, mit denen er den Fiebernden versorgte. Dann schlief der Goldgräber ein.

Die Frauen waren zwar müde, hatten aber keine Lust, bis zum Schlafen in dem muffigen Zimmer zu bleiben. Deshalb liefen sie noch ein wenig durch die Straßen. Aramar blieb bei Fallsta.

Auf den Straßen drängten sich noch immer Leute. Man konnte Männer aus aller Herren Länder sehen, in den unterschiedlichsten Kleidern und Trachten. Die wenigen Frauen dagegen waren dem Aussehen nach Dienerinnen und Sklavinnen. Natürlich gab es auch Huren und Strichjungen, die nach Freiern suchten und, wie Galowyn und Smyrna bemerkten, auch fanden. Vor den Häusern standen Bänke und Tische für Zecher. Sie waren gut besetzt. Krüge mit rotem Wein und gelbem Bier wurden herumgereicht. Die Männer lachten und grölten und hoben ihre Becher. Gespannte Erwartung lag über dem bunten Treiben, denn in den Stunden vor Sonnenuntergang sollten in der Arena der Stadt Gladiatorenspiele stattfinden.

Wundervolle Standbilder, auch sie aus Marmor, zierten die Straßen. Niemand blickte sie mehr an, und so manchem fehlten die Nase oder gar ein Arm. Waren Übermut oder Achtlosigkeit für die Zerstörung der Kunstwerke verantwortlich gewesen?

Die Sängerin und ihre Dienerin fielen in diesem geschäftigen Treiben nicht auf. Sie schlenderten zwischen den Gruppen hindurch, tranken im Stehen einen Becher Wein und gelangten schließlich vor ein geräumiges Haus, in das viele Menschen strömten. Neugierig gingen sie näher und erkannten ein Badehaus. Nach der langen Reise und dem Staub der Landstraßen verspürten sie Sehnsucht nach einem Bad, so daß sie sich den Leuten anschlossen und sich durch die mächtigen Säulen hineindrängten. Hinter dem Eingang saß eine Sklavin, der sie je einen Dinra zahlten. Dahinter öffnete sich eine weite Vorhalle, in der alle ihre Kleider in steinerne Nischen ablegten, die von nackten Sklavinnen bewacht wurden.

Da wurden dicke Bäuche und schwammiges Fleisch sichtbar, aber auch straffe Muskeln und narbige Oberkörper. Behaarte Männer gingen so selbstverständlich durch den Durchlaß ins Innere wie solche, deren weißes Fleisch das Auge blendete. Ungeniert sahen sich die beiden Frauen diese Parade an. Doch eine Stimme unterbrach ihre Beobachtung: "Darf ich die beiden Damen ins Innere dieses Tempels des Wohlbefindens und der Lust geleiten? Doch wollt Ihr Euch nicht zuvor dieser elenden Hüllen entledigen, durch die so viel Schönheit dem Auge des genießenden Beschauers verborgen bleibt? Ihr seid neu hier, das sieht ein Kundiger sofort. Darf ich mich anheischig machen, Euch hier einzuführen? Es wäre mir eine Ehre, wenn ich Euch mit den Gepflogenheiten dieser erquicklichen Einrichtung vertraut machen dürfte. Schon bevor Ihr die Kleider abgestreift habt, kann ich sagen, daß dieses Haus heute durch Euch eine Bereicherung erfährt."

Galowyn und Smyrna sahen sich um. Hinter ihnen stand ein kleines Männchen mit wabbeligem Bauch und einem dünnen Haarkranz um seinen kahlen Schädel. Es lächelte gewinnend und redete in einem fort.

"Wenn es den Damen recht ist, würde ich sie nach den Erquickungen, die dieses Haus zu bieten vermag, noch zu den Spielen in die Arena führen. Aber zuvor wollen wir uns anderen Spielen widmen."

Bei diesen Worten stieß er ein meckerndes Gelächter aus. Die Sängerin sah ihn mißtrauisch an und schritt, ohne sich weiter um den aufdringlichen Alten zu kümmern, auf den Eingang ins Innere zu, und Smyrna folgte ihr.

"Halt", hörten sie hinter sich, "Ihr müßt Euch erst entkleiden. So wie Ihr Euch befindet, ist der Eintritt nicht gestattet."

Sie traten nicht ein, aber sie erhaschten einen Blick auf den großen Raum. An den Wänden saßen nackte Frauen und schienen zu warten. Hin und wieder trat ein Mann auf sie zu, gab ihnen ein Zeichen, und sie folgten ihm ins Wasser oder zu Räumen im Hintergrund. In dampfenden Wasserbecken und an ihren Rändern kopulierten Paare. Nackte Sklavinnen liefen zwischen ihnen hindurch und versorgten alle mit Getränken und Essen.

Die Sängerin und ihre Dienerin sahen sich wortlos an. Damit hatten sie nicht gerechnet, und die Lust auf ein Bad war ihnen gründlich vergangen. Sie wandten sich ab und verließen dieses Badehaus. Hinter sich hörten sie noch die Stimme des Alten: "Aber meine Damen, wo geht Ihr denn hin? Warum wollt Ihr Euch nicht entspannen? Ich hätte Euch mit Freuden in diese Gesellschaft eingeführt. Wollen wir uns für morgen verabreden?"

Zu einem weiteren Bummel durch die Stadt verspürten sie nun keine Lust mehr. So kehrten sie zu Aramar und Fallsta zurück, packten die Reste ihrer Vorräte aus und aßen zusammen mit den beiden Männern auf dem Zimmer.

Die Fema

  
Der Wolfsweg bildete die wichtigste Nord-Süd-Verbindung im westlichen Centratur und war breit und bequem. Die Könige hatten an seinem Rand in festgelegten Abständen, ähnlich wie an der Oststraße, steinerne Unterstände bauen lassen. Sie waren zum Teil noch intakt und boten Schutz vor dem beißenden Wind, der über die weite Ebene pfiff. Trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit war es noch einmal kalt geworden. Hin und wieder fiel sogar Schnee und überzog das Land mit einer sauberen, weißen Decke. Aber auch wenn es nicht schneite, lag am Morgen Reif auf den Büschen und auf dem Gepäck.

Die drei Wanderer hatten Rudia umgangen und deshalb ihre Nahrungsvorräte dort nicht auffrischen können. Obwohl sie das Essen schon lange rationiert hatten, wurde es langsam knapp. Sie blieben hungrig, und ihre Stimmung wurde schlechter. Oft sprachen sie stundenlang kein Wort miteinander. Zudem war der Wolfsweg recht belebt. Ormors Truppen waren nach Norden und nach Süden unterwegs. Sie folgten Befehlen, deren Sinn schwer zu durchschauen war.

Zum Glück wurde Marga durch die Vögel von dem Herannahen der Soldaten stets rechtzeitig gewarnt, so daß sie sich rechts oder links der Straße verbergen konnten. Aus ihren Verstecken sahen sie die Truppen vorüberziehen. Alle waren in Eile, und oft fuhren Wagen hinter den im Marschschritt laufenden Männern. Manche der Züge wurden auch von Reitern begleitet. in den letzten Tagen bekamen sie beinahe ausschließlich Orokòr zu Gesicht.

»Da braut sich etwas zusammen", sagte der Zwerg. »Ormor bereitet eine Teufelei vor. Hoffentlich werden wir nicht hineingezogen! Überhaupt sollte man in diesen Zeiten nicht reisen. Wir taumeln auf unserer Fahrt von einer Gefahr in die nächste und entkommen ihr stets nur mit knapper Müh und Not. Kein Wunder, daß außer uns und feindlichen Kriegern niemand unterwegs ist.« Weil sie so häufig Soldaten ausweichen mußten, verloren sie viel Zeit. Stets galt es zu warten, bis die Truppen vorübergezogen waren, und auch dann noch auszuharren, falls Nachzügler kamen. manchmal erreichten sie verlassene Gehöfte, in denen stets ein heilloses Durcheinander aus modernden Möbeln, zerbrochenem Geschirr und kaputtem Werkzeug herrschte. Ratten und Mäuse huschten umher. Einige der Häuser waren niedergebrannt, und von anderen standen nur noch die Grundmauern.

Eines Tages fragte Pet: »Dieses Land ist weit und wie mir scheint auch fruchtbar. Warum gibt es hier keine intakten Dörfer und Bauernhöfe? Die zerstörten Häuser auf unserem Weg sind doch nicht nur eine Folge dieses Krieges.«

»Die Ebene von Dumalvi wurde schon vor langer Zeit verlassen«, erklärte Glaxca. »Einst war sie dicht besiedelt. Dorf reihte sich an Dorf, und überall gab es fruchtbare Felder. Hier lag die Kornkammer der Könige des Nordens. Doch irgendwann übernahm Ormor die Herrschaft und verbündete sich mit dem Zauberer Malomar in Darken. Beide wollten, so ist heute die Meinung der Geschichtskundigen, zuerst gemeinsam die Herrschaft über Centratur erringen, um dann gegeneinander anzutreten. Für diese Ziele brauchten sie Soldaten, die sie in diesem Landstrich aushoben. Gnadenlos ließ Ormor alle wehrfähigen Männer aus den Orten holen und verleibte sie seinen Truppen ein. Einen großen Teil der Bauern verkaufte er dann an seinen Rivalen in Darken. So kam es, daß diese Gegend bald ohne Männer war. Die Frauen bestellten noch eine Weile die Felder und hielten alles in Ordnung, aber sie starben eine nach der anderen, und viele zogen ganz einfach weg.

Aber es ist dann doch ganz anders gekommen, als es Ormor geplant hatte. Als er nämlich den Diamantenkrieg eröffnete, hielt sich Malomar zurück. Er kam seinem Verbündeten entgegen aller Absprachen nicht zur Hilfe, und Ormor mußte den Kampf allein ausfechten. Er war auch lange Zeit siegreich, bis er schließlich von den vereinten Völkern besiegt werden konnte. Aramar hat dabei eine große Rolle gespielt. Man munkelt aber auch, daß Malomar seine Hände im Spiel gehabt haben soll. Er wollte den Erzrivalen nicht zu mächtig werden lassen. Schließlich wurde Ormor samt seinem Heer in einen Berg gebannt.

Für dieses Land hier kam der Sieg über den Zauberkönig aber zu spät. Es war entvölkert, und niemand hat sich seither wieder hier angesiedelt.«

 Am nächsten Tag verschwanden die Büsche und Wälder rechts und links der Straße. Vor ihnen lag der Wolfsweg ohne jede Deckung. Ängstlich berieten sie, wie sie sich in Zukunft vor Ormors Truppen verbergen konnten. Sie fanden keine Lösung. Aber nachdem sie alles erwogen hatten, beschlossen sie dennoch weiterzugehen. Nur über den Wolfsweg kamen sie nach Norden. Sie mußten das Risiko auf sich nehmen.

Es ging zwei Tage gut. Schneetreiben schützte sie, und sie kamen rasch vorwärts. Doch am dritten Tag verließ sie ihr Glück. Etwa zwanzig Orokòr kamen aus dem Süden. Sie liefen in ihren schweren Schnürstiefeln im Dauerlauf und hatten die Wanderer bei diesem Tempo rasch eingeholt. Marga hatte keine Warnung erhalten, denn die Vögel verkrochen sich bei dem schlechten Wetter und waren nicht in der Luft. Als sich Pet umsah, war hinter ihnen der Trupp der schwarzen Krieger schon ganz nah. Der Erit stieß eine Warnung aus, und sie liefen nach Osten auf das freie Feld. Doch die Männer mit den Raubtierzähnen hatten sie schon erspäht und folgten ihnen. Eine wilde Jagd begann.

Die Gefährten wären sicher nach kurzer Zeit gefangengenommen worden, wenn nicht ein heftiger Schneesturm ausgebrochen wäre, der sie der Sicht der Orokòr entzog. Die drei faßten sich an den Händen, um sich nicht zu verlieren und hasteten weiter. Sie sanken bis zu den Waden in den Neuschnee ein. Diese Flucht war so kräftezehrend, daß Marga bald nur noch taumelte. Doch noch immer verfolgten die schwarzen Krieger ihre Spur. Orokòr gaben so leicht nicht auf, sondern hielten witternd nach ihren Opfern Ausschau. Schließlich bildeten sie sogar eine Kette, damit ihnen das Wild nicht entging.

Selbst Glaxca hatte inzwischen die Orientierung verloren. Er trieb seine Gefährten vorwärts durch die weiße Wüste, aber deren hungrige und ausgemergelte Körper versagten den Dienst.

Da geschah etwas überraschendes. Gestalten sprangen vor ihnen aus dem Schnee und ergriffen die drei Freunde. Dann tat sich Vor ihren Füßen der Boden auf, und sie erblickten ein Erdloch, das mit dünnen Baumstämmen, Reisig und Moos abgedeckt war. Der Schnee hatte es völlig verborgen. Dort hinein stieß man sie. Sie fielen etwa sechs Fuß tief, dann wurde die Klappe wieder geschlossen. Da lagen sie nun auf Moos und trockenen Tannennadeln in völliger Dunkelheit. Sie spürten, daß sie nicht allein waren. Um sie herum kauerten andere Lebewesen. Waren es Menschen oder Tiere oder schlimmere Geschöpfe? Eines aber merkten sie sofort, in diesem Erdloch war es warm und die Gefahr schien zunächst gebannt. »Wer ist es?« ertönte auf einmal die Stimme einer alten Frau. »Zwei Männer und eine Frau.«

»Werft die Männer raus, die Frau kann hierbleiben.«

Schon wurde das Dach ein wenig gelüftet, und der Wind wehte eine Handvoll Schnee herein. Marga schrie auf und klammerte sich an Pet.

»Sie scheint für ihn zu bürgen? Die Männer können vorerst hierbleiben.«

 Nachdem er den ersten Schreck überwunden hatte, stellte Pet viele Fragen in die Dunkelheit. Aber er erhielt keine Antwort. Statt dessen erhob sich ein leiser, monotoner Singsang, der alle gefangennahm, und in den mit der Zeit sogar die Männer einstimmten. Sie sangen Stunde um Stunde, während draußen der Schneesturm wütete. Die Orokòr waren jetzt weit weg, und die Gefährten wußten bald nicht mehr, ob inzwischen Tage, Monate oder gar Jahre vergangen waren. jedes Gefühl für Zeit war ihnen verlorengegangen. Sie waren ganz eingehüllt in den Gesang und fühlten keinen Hunger und keinen Durst. Schmerzen und Entbehrungen rückten in weite Ferne. Sie wurden nicht müde, aber auch nicht wach. Sie waren nicht glücklich und auch nicht unglücklich. Sie waren, und sie sangen, und das war alles, und das war genug.

In den Gesang hinein, der leiser wurde, erzählte eine Stimme vom Leben. Sie sprach von den Quellen im Wald und von schönen Frauen, die die Wasser hüten. Von Frauen wurde geredet, die Steine in Tiere und Tiere in Menschen verwandeln können. Mädchen wachsen heran und schneiden sich die Haare ab und vermählen sich mit Felsen. In tiefen Seen leben Frauen, die nur selten ans Tageslicht kommen. Man weiß nicht, ob sie Oberhaupt Anteil an dem Leben der Menschen nehmen. Andere Frauen wissen um die Zukunft und weinen, wenn sie Menschen sehen.

Dann brauste das Singen auf, denn die Stimme sprach vom Krieg und von Frauen, die mit Rehen und Bären in die Tiefe der Wälder flüchten. Dort tanzen die Frauen im Mondlicht, und die Tiere kommen, um ihre weißen Leiber zu bewundern. Frauen ziehen mit ihrem monatlichen Blut eine Grenze, die Männer nicht überschreiten dürfen. Dieses Blut düngt auch die Erde, und Pflanzen sprießen. Deshalb ist dort, wo die Frauen sind, der Reichtum, und wo sie nicht sind, herrscht Dürre und braches Land. Und die Frauen heilen die Menschen und die Wunden der Welt. Und durch das Blut der Frauen vergehen schließlich sogar die Narben.

 Plötzlich endete der Gesang. Alle legten sich zur Seite und schliefen ein. Als sie aus dem langen und tiefen Schlaf erwachten, hob jemand die Abdeckung des Erdlochs ein wenig, und durch den schmalen Spalt drang eisige Kälte und grelles Tageslicht herein. Nun erkannten die Gefährten eine alte Frau, um die in Kreisen andere Frauen saßen. Sie waren jung und alt, schön und häßlich. Alle trugen Felle und die Haare kurz geschnitten. Ein Mann war nicht zu sehen. Neben jeder Frau lagen Pfeile und Bogen und Messer.

Die alte Frau im Zentrum öffnete ihren zahnlosen Mund und fragte nach dem Woher und Wohin der Fremden. Glaxca antwortete der Wahrheit entsprechend, verschwieg aber die Suche nach Aramar.

»Wenn euch die Orokòrjagen, dann könnt ihr keine Feinde sein«, sagte die Frau schließlich befriedigt.

»Doch wer seid Ihr?« fragte nun Marga begierig. Sie fühlte sich sehr wohl unter all diesen Frauen. Ein großes Vertrauen erfüllte sie, so als habe sie ihre Familie, ihre Schwestern getroffen. 
»Wir sind Fema, der Stamm der Jägerinnen.« 
»Und wo sind Eure Männer?« 
»Wir haben keine Männer, und wir brauchen keine Männer. Männer bringen Streit, Haß und Zwietracht. Männer machen Frauen schwach und hilflos und lassen sie dann allein. Durch die Männer kommt der Untergang. Mit Männern wollen wir nichts zu tun haben. « 
»Was bringt Euch zu diesem Urteil?" fragte Pet empört. 
Aber die Alte wies ihn zurecht. »Schweig! « sagte sie scharf, »hier reden nur Frauen. Männer antworten, wenn sie gefragt werden.« Die Abdeckung wurde noch weiter angehoben, und vier Frauen, die während des Schneesturms Wache gehalten und die Gefährten überwältigt hatten, krochen herein. Vier andere Frauen ergriffen ihre Waffen und schlüpften nach draußen. In dem grellen Licht sah Männer zu nichts taugen und nur Unglück über die Frauen bringen. Wir wurden Jägerinnen und leben seitdem glücklich.«

»Ich habe hier junge Mädchen gesehen«, fragte Marga überrascht. »Wie sind sie zur Welt gekommen ohne Männer?«

»Oh, hin und wieder fangen wir Männer und zwingen sie zum Spenden.«

 Das Dach des Erdlochs war wieder geschlossen worden, aber durch seine Ritzen fiel noch so viel Licht, daß man sich gegenseitig schemenhaft erkennen konnte. Nun machte die Alte mit der Hand ein Zeichen, und Frauen zogen aus einer Nische in der Erde einige Ratten und zwei Hasen hervor. Die Tiere kreischten und wehrten sich. Aber kräftige Hände hielten sie fest und schnitten ihnen die Kehlen durch. Die Frauen saugten gierig das warme Blut aus den Wunden, zerteilten dann die schlaffen Leiber und verteilten das Fleisch. Pet erhielt den fetten Hinterschenkel einer großen Ratte. Er war noch warm und blutig. Ihn ekelte. Die Frauen bissen gierig zu. Nur die Gäste drehten ihre Stücke verlegen in den Händen.

»Eßt! « befahl die Alte. »Oder ist euch unsere Nahrung nicht gut genug?«

Es war ein Ton in ihrer Stimme, der sie frösteln ließ. Gehorsam bissen sie kleine Brocken ab. Das Fleisch war weich und fad, aber sie würgten es hinunter.

Als sie gegessen hatten, sagte Fema gedehnt: »Ihr müßt nun gehen. Es ist nicht gut, wenn Männer zu lange bei uns sind. Sie verwirren meine Frauen.«

Nichts war Glaxca und Pet lieber als dieser Hinauswurf. Eilig packten sie ihre Sachen und wollten sich erheben. Aber ein scharfer Befehl der Greisin hielt sie zurück: »Bevor ihr gehen könnt, müßt ihr spenden. Kein Mann verläßt uns, ohne gespendet zu haben.«

»Spenden?« heulte Pet entsetzt auf und stellte sich vor, was die alten Frauen mit ihm anstellen würden.

Doch er wurde nicht weiter gefragt. Die stummen Frauen fielen über die Fremden her, hielten den Zwerg und den Erit fest und zogen sie aus. Nun begannen die Frauen wieder einen Singsang, aber diesmal klang er anders als am Vortag. Der Gesang war hell und klar, und das dunkle Erdloch verwandelte sich in eine Frühlingswiese. Währenddessen machten sich einige Frauen an ihren Gliedern zu schaffen, und irgendwann durchströmte Lust die Körper der beiden Männer. In diesem Augenblick huschten aus einer Ecke zwei junge Frauen hervor. Sie hatten sich bereits der Felle entledigt, beugten sich über die Besucher und begannen sich langsam zu bewegen. Die anderen Frauen sangen und streichelten die Körper der Paare. Endlich konnte sich Pet nicht mehr zurückhalten, und auch Glacxa atmete tief. Ermattet lagen sie da, und Pet überlegte, ob er sich wohl getäuscht hatte, oder ob die ihm zugeteilte Frau gelächelt und lustvoll gestöhnt hatte. Mitten in seine Überlegungen fuhr ein heftiger Schmerz. Die Frauen hatten dem Erit und dem Zwerg einen Kreis mit einem senkrechten Strich in die Oberarme geritzt.

Nun erhob die alte Frau noch einmal die Stimme: »jeder, der bei uns gespendet hat, wird von uns als Spender gekennzeichnet. Obgleich ihr Männer seid, gehört ihr nun für immer zu uns. Ihr habt uns etwas dagelassen, das euch und uns für immer verbindet. Aber merkt euch, wir wollen euch hier nie mehr wiedersehen! «

Dann standen sie im grellen Licht, und der weiße Schnee blendete sie. Als sie zurückblickten, konnten sie die Erdhöhle nicht mehr entdecken. Doch als sie weiterwanderten, bemerkten sie, daß die Frauen ihre Beutel mit Proviant gefüllt hatten.

 In den nächsten Tagen war Marga sehr schweigsam und wehrte Pets Zärtlichkeiten unwillig ab. Aber die Reisenden kamen ungestört voran und begegneten keinen Feinden. Der Kälteeinbruch hatte die Truppenbewegungen zum Erliegen gebracht. Selbst die Gegend um Roscio konnten sie ungestört passieren. Endlich tauchte nach langer Wanderung in der Ferne Weiler vor ihnen auf. Schon Tage bevor sie die Ortschaft erreichten, war das Wetter umgeschlagen. Es war wärmer geworden und bald lag kein Schnee mehr. Der Boden war feucht und matschig, die Nächte klar. Schon ein paar Wegstunden vor dem Ort berichtete Glaxca, daß er schon einmal in Weiler gewesen war und schlimme Erfahrungen gemacht hatte.

Die Orokòr

oder

"Liebe deine Feinde!"

oder

"Wie kommt Frieden in die Welt?"

(Auszüge aus verschiedenen Kapiteln des Ersten Bandes)

"Orokòr sind äußerst gefährliche Krieger. Der Dunkle Herrscher hat sie einst als Geisel für Centratur geschaffen. Sie haben dunkle Hautfarbe und große Reißzähne. Sprichwörtlich ist ihre Grausamkeit. Orokòr treten nur selten allein auf. Sie sind Rudelwesen, die sich bedingungslos ihrem Führer unterordnen. Ormor dem Zauberkönig sind sie blind ergeben. Sie sind die wichtigsten Truppen in seinen gewaltigen Heeren."

****

Tatsächlich entspann sich am Feuer ein Gespräch, das auch die Reisenden aus dem Heimland in seinen Bann zog.

»Das Essen hat gutgetan«, sagte der große Mann. »Es ist heutzutage schwer, sich unterwegs zu ernähren. Diese verdammten Orokòr sind überall, und sie fressen alles kahl wie Heuschreckenschwärme. Wo einmal Orokòr durchgekommen sind, findest du keinen Krümel mehr. Die fressen jedes lebende Wesen im Umkreis von Meilen und das Korn sogar vom Halm. In den letzten Tagen mußte ich auf ihrer Spur wandern und wäre beinahe verhungert. Es war verbranntes Land, durch das ich gekommen bin. Von jeder Siedlung, jedem Hof sah man nur noch rauchende Trümmer, alle Tiere waren geschlachtet und alles Wild erlegt oder vertrieben. «

»Die Orokòr haben keine andere Wahl«, mischte sich der Weißhaarige in der seltsamen Kutte ein. »Sie werden in großer Truppenstärke ins Land geführt, aber nicht verpflegt. Ihre Oberen sind der Meinung, sie sollen für ihre Nahrung selbst sorgen, und das tun sie auch. Baut keinen Haß gegen die Orokòr auf, verständigt euch lieber mit ihnen! «

»Es sind Geschöpfe des Bösen. Eine Verständigung mit ihnen dürfte recht schwerfallen. Ich kenne niemanden, der bisher mit ihnen vernünftig reden konnte. Die meisten haben bei einer Begegnung mit ihnen ihr Leben verloren. Orokòr reden nämlich nicht lange, bevor sie morden.«

»Das sind doch Greuelmärchen! Es mag schon sein, daß sich die Orokòr hin und wieder so verhalten, aber doch nur, weil wir ihn stets feindlich entgegentreten. Sie mußten sich immer ihrer Haut wehren. Es liegt an uns, daß kein Friede möglich ist!«

»Das ist ein Verrückter! « flüsterte Akandra vor sich hin.

»Vielleicht hat er recht?« antwortete Marc ebenso leise. »Da ist schon etwas dran, an dem, was er sagt.«

Am Feuer war Streit ausgebrochen. Die Krieger hatten sich erhoben und schimpften: »Hast du Oberhaupt schon jemals einen Orokòr gesehen?«

»Nein, aber ich werde sie bald erleben.«

»Die Orokòr wurden vor langer Zeit von Ormor als Geiseln für Centratur ins Land geholt. Man kann zu ihnen keine freundschaftlichen Beziehungen anknüpfen.«

»Man hat es nur noch nie versucht. Diese Gerüchte dienen doch nur dazu, Haß gegen sie zu schüren. Nichts davon ist bewiesen. Im übrigen sollte man nicht alle Orokòr über einen Kamm scheren. Sie sind sicher nicht alle gleich, ebenso wenig wie wir Menschen auch. Nur eine Minderheit verstößt gegen die Menschlichkeit. Ich kann mir vorstellen, daß die Orokòr selbst unter ihrem Ruf leiden, und daß sie auch deshalb so unfreundlich mit anderen Völkern umspringen.«

Ein großes Gelächter antwortete ihm.

»Unfreundlich umspringen? Das ist gut! Das wird ein Lacherfolg, wenn ich das weitererzählen, prustete der Dürre, der das Essen gekocht hatte.

Die beiden Krieger hingegen fanden die Äußerungen des Weißhaarigen nicht lustig: »Morden, Plündern und Rauben bezeichnest du mit >unfreundlich umspringen<. Entweder bist du ein Narr oder ein Agent des Feindes.«

Der Mann in der Kutte gab nicht auf: »Ich bin keines von beiden. Gerade weil ich dem Morden nicht mehr zusehen kann, bin ich der Meinung, wir sollten unser Verhältnis zu den Orokòr überprüfen. Bisher haben wir auf ihre Kriege nur mit Krieg reagiert. Wozu hat dies geführt: Zu erneutem Krieg. All das Kämpfen hat der Welt keinen Frieden gebracht. Wir müssen endlich einen neuen Weg probieren, einen Weg der Verständigung, des Abbaus von Vorurteilen. Dazu will ich den Anfang machen. Ich bin auf dem Weg zu den Orokòr und werde bei ihnen um Verständnis für alle Geschöpfe werben. Ich will den Haß mindern. Nur so gibt es eine Chance für wirklichen Frieden.«

»Du wirst wohl nicht viel zum Reden kommen, denn bevor du deinen Mund aufgemacht hast, bist du auch schon tot. Und wenn du Pech hast, fressen sie dich anschließend, weil sie in den vergangenen Tagen nichts Besseres gefunden haben.«

»Das ist schon wieder so ein Vorurteil gegenüber den Orokòr, das ihnen Unrecht tut und jede Aussöhnung verhindert. Ich gehe waffenlos zu ihnen, und meine Hilflosigkeit wird mein Schutz sein. «

»Waren denn die Frauen und Kinder, die sie bisher umgebracht haben, nicht hilflos?«

»Ihr solltet nicht alle Gerüchte glauben, die man über die Orokòr erzählt. Es mag schon sein, daß Unschuldige von ihnen getötet wurden, aber wenn dies tatsächlich vorgekommen ist, so geschah dies im Eifer des Krieges. Auch die Menschen haben viele Greueltaten vollbracht und davon redet niemand. ich bin sogar sicher, daß selbst die Achaj er im Krieg keine Waisenknaben gewesen sind. Orokòr töten, da bin ich überzeugt, nicht ohne Notwendigkeit.«

In diesem Augenblick wurde der Mann in der Kutte durch eine schallende Ohrfeige unterbrochen. Akandra war unbemerkt vor ihn hingetreten und hatte mit aller Kraft zugeschlagen. Da stand das kleine Eritmädchen inmitten der Männer mit blitzenden Augen und rief: »Wenn ihn keiner von euch zum Schweigen bringt, so muß ich es eben tun.«

Betroffenes Schweigen breitete sich am Lagerfeuer aus. Marc saß mit rotem Kopf unter dem Baum und schämte sich für die Freundin.

»Du hast einen Mann, der mutig und guten Willens ist, beleidigt. Er ist vielleicht ein wenig töricht und weltfremd, doch von ehrlicher Gesinnung und großer Friedensliebe.«

»Er hat meine Mutter beleidigt«, war die knappe Antwort.

Am Feuer kam, nachdem sich die Männer von ihrem Erstaunen erholt hatten, wieder ein Gespräch in Gang.

*****

Keiner wußte so recht, was er reden sollte. Da begann der junge Erit zu Immith gewandt: »Erinnert Ihr Euch noch an den seltsamen Mann mit der Kutte, der am Lagerfeuer die Orokòr so sehr verteidigt hat? Was wohl aus ihm geworden ist?«

»Nichts Gutes fürchte ich.«

»Er wollte doch zu den Orokòr gehen und sie durch seine Zuneigung zu überzeugen versuchen.«

»Das erinnert mich an die Geschichte von der Fliege.« »Die kenne ich nicht.«

»Dann mußt du sie dir anhören, dann hast du was fürs Leben.« Die anderen lachten, und Marc schaute dümmlich drein.

»Es war einmal eine Fliege, die verliebte sich in einen Menschen. Sie wollte stets bei ihm sein und flog bei Tag und bei Nacht um seinen Kopf. Sie ließ nur von ihm ab, wenn sie selbst schlafen mußte. Sie schaute in die Augen des geliebten Menschen, und das Blau dieser Augen entzückte sie. Auch die Farbe seiner Wangen, rosa von Blut durchströmt, ließ ihr Herz höher schlagen. Ununterbrochen hätte sie seine Haut küssen mögen.

Die Fliege dachte, daß auch der Mensch sie mochte. Hätte er sonst mit ihr jagen und Fangen gespielt? Wahrscheinlich bewunderte er sie, denn aus diesem Spiel war sie stets als Siegerin hervorgegangen. Zärtlich krabbelte sie über seine Arme und sein Gesicht. Natürlich wußte die Fliege, daß Menschen Insekten nicht mögen und sie zu töten versuchen. Aber noch nie, so sagte sie sich, hatte eine Fliege einen Menschen geliebt. Sie wollte den Anfang machen und die Kluft zwischen Mensch und Insekt überwinden. Ihre Gefühle würden auch sein Herz umstimmen. Vielleicht war ihr dies bereits gelungen, hatte sie doch verschiedene Anzeichen dafür. Der Mensch fütterte auch die Fliege. Wenn er nämlich aß, so ließ er sie an seinem Essen naschen.

So gingen die Tage ins Land, und für die Fliege waren es Jahre ihres kurzen Lebens. Bald war sie sich der Gefühle des Menschen für sie so sicher, daß sie daran dachte, Kinder in die Welt zu setzen. Diese sollten mit den Menschen in holder Eintracht leben, doch dazu kam es nicht mehr. Eines Tages, als die Fliege sich wieder einmal auf dem reizenden Gesicht des Menschen niedergelassen hatte, klatschte eine Hand auf sie hernieder. So endete der Versöhnungsversuch zweier gegensätzlicher Arten.«

Die drei Männer lachten schallend über die Geschichte, und besonders Welsin schlug sich immer wieder auf die Schenkel. Marc versuchte, den Sinn der Parabel zu verstehen. Danach wurde nicht sehr viel geredet.

****

Über den Brand sprachen sie auch nicht, als sie zurück in Gutruh waren. Stattdessen tauschten sie kurz ihre Erlebnisse aus.

Blumendorf war schon in den ersten Tagen der Invasion von den Orokòr überrannt worden. Sie hatten sofort alle Einwohner auf die Felder getrieben. Wer nicht spurte, wurde ausgepeitscht. Dabei war es zu einem sonderbaren Vorfall gekommen, den die Blumendorfer nun eifrig erzählten. Mich, der Sohn des alten Bauern Loeff, hatte sich geweigert, den Pflug zu ziehen.

»Ich bin doch kein Ochse und auch kein Pferd«, hatte er geschrien, »und jetzt ist gar keine Zeit zum Pflügen. Der Winter steht vor der Tür. Das ist alles nur Schikane."

Die Orokòr hatten die Zähne gefletscht und ihn gepackt. Dann wurde er mit ausgebreiteten Armen an die Räder eines Leiterwagens gebunden und sollte gepeitscht werden. Alle Leute von Blumendorf wurden zusammengetrieben, um dem schlimmen Schauspiel zuzusehen. Es sollte der Abschreckung dienen. Mich wollte keine Angst zeigen, zitterte aber am ganzen Körper. Betont langsam zog sich ein besonders muskulöser Orokòr den Lederpanzer aus. Er hatte einen dunklen Oberkörper, der vollständig behaart war. Ein anderer Orokòr reichte ihm die Peitsche. Sie war etwa sechs Fuß lang. Die Lederriemen hatte man mit Knoten noch grausamer gemacht. Bei diesem Anblick ging ein Stöhnen durch die Menge. Mich bäumte sich in seinen Fesseln auf. Langsam trat der Orokòr zurück und holte mit der Peitsche weit aus.

In diesem Augenblick geschah etwas Unerwartetes. Ein Mann mit weigern Haar und in dunkler Kutte drängte sich durch die Menge und rannte in den großen Kreis.

»Halt, ihr Orokòr! « rief er. »Macht euch nicht unglücklich. Zeigt doch, daß ihr barmherzig sein könnt, und alle Gerüchte über eure Grausamkeit falsch sind. Ich weiß, daß man euch unrecht tut. Fangt endlich an, der Welt das Gegenteil zu beweisen. Laßt diesen Unglückseligen laufen. Wenn ihr, aus welchen Gründen auch immer, ein Opfer braucht, so nehmt mich.«

Die Orokòr sahen den Mann verwirrt und ungläubig an. Die schon zum Schlag erhobene Peitsche sank wieder zur Erde. Einer der Hauptleute der Orokòr, der bisher das Geschehen aus dem Hintergrund verfolgt hatte, trat vor. Er bleckte seine Zähne und fragte: »Hast du keine Angst?«

»Doch, ich habe entsetzliche Angst. Aber einer muß seine Angst überwinden. Nur wenn wir euch ohne Angst begegnen, besteht die Hoffnung, daß ihr von euren Grausamkeiten ablaßt. ich glaube, daß zwischen Angst und Brutalität ein Zusammenhang besteht. Ich will den Teufelskreis, der um euch Orokòr gewoben ist, durchbrechen. «

»Das ist wirklich großzügig von dir. Warum sorgst du dich so um uns Orokòr?« Die Stimme war spöttisch.

»Ich sorge mich nicht um euch, sondern um den Frieden in der Welt. Ihr seid ein wesentlicher Teil des Unfriedens, also muß man sich, wenn man den Frieden will, mit euch auseinandersetzen.«

»Wirst du noch immer so denken, wenn wir dich halb totgeschlagen haben?«

»Das weiß ich nicht. jetzt denke ich auf jeden Fall so. Ich glaube an das Gute in euch, und daran werde ich bis an mein Ende festhalten!«

Die Orokòr sahen sich ratlos an.

»Alle Geschöpfe dieser Welt sind gut und werden nur zum Bösen verführt. Wir müssen allen, nicht nur euch Orokòr, die Chance geben, gut zu sein.«

Da lachten die Krieger, und ihre schrecklichen Zähne blitzten in der Sonne.

»Wir sind schon jetzt gut«, riefen sie. »Wir sind gut im Kampf mit dem Schwert und mit der Streitaxt. Je mehr Feinde wir töten, desto besser werden wir. Wie gut wir sind, erkennt man daran, wie sehr man uns fürchtet.«

»So verstehe ich das Gute nicht«, sagte der Mann verwirrt.

»Aber wir verstehen es so. Wir nennen gut, wenn wir unbesiegbar sind, wenn wir genügend Nahrung herbeischaffen, wenn Er mit uns zufrieden ist, wenn alle Menschen bei der Nennung unseres Namens erbleichen. Das ist Güte! Wenn du es so siehst, so sind wir gut! «

Alle hatten durcheinandergeschrien. Der Anführer gebot nun Ruhe.

»Du kannst gehen«, sagte er, »dich zu vernichten, bringt uns keinen Ruhm.«

»Oh, ihr Verblendeten, ihr Törichten, wollt ihr denn nicht begreifen? Ich bin gekommen, um euch zu helfen.«

»Wir wollen deine Hilfe nicht. Wir streben nach Ruhm und Ehre.«

»Ich künde euch eine neue Form von Ruhm. Ich gebe euch die wirkliche Ehre.«

»Wovon redest du?«

»Ich spreche von der Barmherzigkeit, von der Liebe zum Leben.«

»Ich verstehe dich nicht.«

»So will ich dich lehren.«

Aber der große Orokòr schien das Interesse an der Auseinandersetzung verloren zu haben. Er machte nur eine abfällige Handbewegung und gab seinen Männern ein Zeichen, ihm zu folgen. Der Scharfrichter zog sein Lederwams wieder über und rollte die Peitsche zusammen. Der Kreis der fassungslos gaffenden Erits öffnete sich weit, und die Orokòr zogen langsam ab. Als der Anführer an dem Mann in der Kutte vorbeikam, zog er seinen Dolch und trieb ihn bis zum Heft in den Leib des Unschuldigen. Er putzte die Klinge an der Kutte ab und ging dann weiter, als wäre nichts geschehen.

Die Leute in Blumendorf banden Mich vom Leiterwagen los. Aber dem stöhnenden Mann in der schwarzen Kutte wagten sie sich nicht zu nähern, aus Angst vor der Rache der Orokòr. Als er endlich Blut spuckte und mit einem Röcheln starb, war es für alle eine Erlösung. Ein paar Tage später wurden die Orokòr abgezogen und durch Soldaten aus Rolos ersetzt.

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